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Karl-Ludwig Schweisfurth: Vom Fleischfabrikant zum Bio-Vorreiter | BR24

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Karl-Ludwig Schweisfurth war der größte Fleischfabrikant Europas. Dann verkaufte er seinen Betrieb und gründete in Herrmannsdorf bei München einen Öko-Vorzeigebetrieb. In der Nacht zum Samstag starb er im Alter von 89 Jahren.

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Karl-Ludwig Schweisfurth: Vom Fleischfabrikant zum Bio-Vorreiter

Karl-Ludwig Schweisfurth war der größte Fleischfabrikant Europas. Dann verkaufte er seinen Betrieb und gründete in Herrmannsdorf bei München einen Öko-Vorzeigebetrieb. In der Nacht zum Samstag starb er im Alter von 89 Jahren.

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Karl-Ludwig Schweisfurth, der Gründer der Herrmannsdorfer Landwerkstätten, ist am vergangenen Freitag gestorben. "Öko-Pionier": Beinahe wie ein Gütesiegel haftete diese Zuschreibung an ihm. Dabei hatte er in einem früheren Unternehmerleben Millionen mit dem genauen Gegenteil verdient: mit Massentierhaltung und -schlachtung.

Der größte Fleischfabrikant Europas

Der Gedanke, dass da etwas nicht mehr stimmt mit der industriellen Fertigung von Nahrung, kam Karl Ludwig Schweisfurth zu Beginn der 1980er Jahre. Da war der 1930 im westfälischen Herten geborene Metzgersohn Gebieter über Europas größten fleischverarbeitenden Betrieb: Herta. Herta, das bedeutete 25.000 geschlachtete Schweine pro Woche, eine Milliarde D-Mark Jahresumsatz, zeitweise über 5.000 Beschäftigte, Massentierhaltung.

Zweifel und Neuanfang

"Als ich so etwa 50 Jahre alt war, kamen die ersten Zweifel auf: Was mache ich denn da eigentlich? Ställe mit 5.000 Schweinen auf engem Spaltenboden, dunkel, und es roch intensiv. Ich merkte mehr und mehr: Mit den Tieren, das stimmt nicht mehr", erzählte Schweisfurth im Bayerischen Rundfunk im Jahr 2011. Und eines Morgens sei er in seiner Fastenzeit wach geworden und habe zu seiner Frau gesagt: "Dorothee, wir fangen nochmal ganz von vorne an."

Öko-Paradies Herrmannsdorf

1984 machte Schweisfurth ernst, verkaufte das Unternehmen "Herta" an den Nestlé-Konzern. Auf einem landwirtschaftlichen Gut nahe Glonn, südöstlich von München, errichtete er zwei Jahre später die Herrmannsdorfer Landwerkstätten. Das Konzept: artgerechte Tierhaltung, kein Industriefutter. Landwirte, Bäcker, Brauerei, Metzgerei und Käserei arbeiten dezentral und Hand in Hand und vor Ort. So entfallen lange Liefer- und Transportwege. Heute hat der Betrieb 200 Mitarbeiter und wird von Sophie Schweisfurth geführt, der Enkelin des Gründers.

"Früher sagten die Kinder: 'Ich esse nicht von einem Tier, das ich gekannt habe. Heute muss man das genau andersherum sagen: Ich esse nur von einem Tier, das ich gekannt habe.' Karl-Ludwig Schweisfurth

Seine Pionierleistung hebt auch Hubert Heigl von der Landesvereinigung Ökolandbau hervor. Die Verbindung von landwirtschaftlicher Produktion und handwerklicher Verarbeitung mache das Projekt so einmalig: "Es hatte große Strahlkraft in die Politik und in die Medien. Da hat jemand gesagt: Hier gibt es eine Alternative. Das ist nicht nur was für Spinner, sondern da kann man etwas entwickeln, da werden gute Lebensmittel hergestellt."

Gisela Sengl, agrarpolitische Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag, sagt: "Karl-Ludwig Schweisfurth war ein Vorreiter in der Biobranche, weil er Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Biolebensmitteln immer zusammen gedacht hat."

Kritik von Tierschützern

Bei all seinen ethischen Grundsätzen war Karl-Ludwig Schweisfurth immer noch Unternehmer. Dass ihm einmal Europas größter Fleischverarbeitungsbetrieb gehört hatte, bereute er nie. Pragmatisch begegnete er auch Vorwürfen im Jahr 2016, er würde Antibiotika in der Schweinezucht einsetzen: Dies sei notwendig, wenn alternative Heilmittel keine Wirkung zeigten. Und auch die kritisierte zeitweise Haltung von Muttersäuen in sogenannten Kastenständen sei zum Schutz der Ferkel gewesen, damit sie nicht erdrückt würden.

Unternehmer mit hohen Ansprüchen

Jürgen Körber ist 1991 in das Projekt eingestiegen, als junger Metzgermeister. Er rechne es Karl Ludwig Schweisfurth hoch an, die "Ehre in das Handwerk zurückgebracht zu haben", so Körber – mit der Devise, dass gute Lebensmittel nur in Verbindung mit dem Handwerk entstehen können.

Damals, vor fast 30 Jahren, habe das Handwerk nämlich schon viel verlernt gehabt. Die Jungen mussten erst wieder neu lernen: Schweisfurth begann, zu experimentieren und zu entwickeln. Mit neuen, haltbaren Produkten zum Beispiel, die ohne Konservierungsstoffe auskommen: getrocknete Leberwurst, Salami oder Schinken mit langer Reifezeit. Große Herausforderungen seien das gewesen, erinnert sich Metzgermeister Körber: "Er hatte immer einen Qualitätsanspruch. Er war nicht so schnell zufrieden zu stellen. Gott sei Dank! Denn dem Erfolg des Unternehmens liegt auch der Anspruch zugrunde. Das kann man nicht nur mit Geld kaufen."

Schweisfurth war Genussmensch

Darin sieht Jürgen Körber den Kern des Erfolgs der Herrmannsdorfer Landwerkstätten: Sich wieder auf das Handwerk und das Ursprüngliche zu besinnen. So hat Karl Ludwig Schweisfurth selbst noch in späten Jahren die Meisterprüfung im Metzgerhandwerk abgelegt, erzählt Körber, und erinnert sich auch an eine ganz persönliche Seite seines Chefs: "Wir hatten ein Projekt in Dänemark gemacht, das ziemlich erfolgreich war, auf der Rückfahrt der Fähre zündet sich Karl-Ludwig um 8.00 Uhr früh eine Zigarre an und trinkt ein Glas Wein dabei. Er war auch der normale Mensch, der Lust hat, das Leben zu genießen, wenn es an der Zeit ist."

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