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Bildrechte: dpa-Bildfunk / Peter Kneffel

Mehr als 20 Jahre lang war Pfarrer H. in Garching an der Alz Priester und hat dort Kinder und Jugendliche missbraucht. Kardinal Marx entschuldigte sich bei einem Besuch in der Gemeinde für die Vorfälle. Es sei ein "Verrat an der Botschaft Jesu".

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Marx entschuldigt sich für Missbrauchsfälle in Garching

Mehr als 20 Jahre lang war Pfarrer H. in Garching an der Alz Priester und hat dort Kinder und Jugendliche missbraucht. Kardinal Marx entschuldigte sich bei einem Besuch in der Gemeinde für die Vorfälle. Sie seien ein "Verrat an der Botschaft Jesu".

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Von
  • Veronika Wawatschek
  • Antje Dechert
  • BR24 Redaktion

"Ich will viel zuhören" – so Kardinal Reinhard Marx am Nachmittag bei seiner Ankunft im Pfarrheim Sankt Nikolaus in Garching an der Alz. Und die, die dort auf ihn warteten, hatten ihm einiges zu sagen. Mitglieder der Pfarrei und der örtlichen Initiative Sauerteig, die sich für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle dort engagieren. 20 Jahre lang, zwischen 1987 und 2008 war in Garching an der Alz der vorher bereits als Sexualstraftäter verurteilte Pfarrer H. als Seelsorger tätig.

Marx entschuldigt sich für Missbrauchsskandal

Nach einer gemeinsamen Andacht hat sich Marx am Abend bei einer Pressekonferenz für die Vorfälle entschuldigt. Der Pfarrer, der hier gewesen sei, sei ein Missbrauchstäter gewesen. Es sei ein "Verrat an der Botschaft Jesu und ein Versagen der Institution Kirche“ gewesen. Er trage als Bischof eine Mitverantwortung, "für dieses Versagen bitte ich um Entschuldigung“, sagte Marx.

Aufarbeitung sei eine lange Geschichte, die oft unterschätzt werde - auch von ihm selbst. Sie werde an dieser Stelle nicht enden. Die juristische Aufarbeitung samt Benennung von Verantwortlichen solle durch ein Gutachten geleistet werden, deren Veröffentlichung noch dieses Jahr geplant sei. Auch das sei ein wichtiger Baustein aber noch nicht das Ende der Aufarbeitung.

Betroffenenvertreter zeigten sich zufrieden mit dem Gespräch mit dem Erzbischof und erklärten, das könne Schule machen. Man wolle sich nun gemeinsam für die Aufarbeitung engagieren.

Aufarbeitung nach mehr als 11 Jahren

Mehr als 11 Jahre sind vergangen, seit Weihbischof Wolfgang Bischof ankündigte, die Missbrauchsfälle in Garching an der Alz aufzuklären: "Es ist Vertrauen missbraucht worden. Und wir alle – Gläubige, Seelsorger, Ehrenamtliche, pfarrliche Gremien, aber auch die Bistumsleitung stehen vor einem unglaublichen und erschütternden Scherbenhaufen. Wir werden alles tun, um die Vergangenheit aufzuarbeiten."

Nach Bericht in New York Times 2010: Pfarrer aus Dienst genommen

1980 war Pfarrer H. aus dem Bistum Essen, wo er bereits als Missbrauchstäter auffällig geworden war, nach München versetzt worden. Damals war der spätere Papst Benedikt XVI. Erzbischof von München und Freising. Wegen seiner pädophilen Neigungen sollte Pfarrer H. in München eine Therapie machen. Er dürfe nie wieder mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, urteilte damals sein Psychotherapeut.

Dennoch wurde H. zunächst ins oberbayerische Grafing und 1987 weiter in die Pfarrei Garching an der Alz versetzt. Und das, obwohl ihn das Amtsgericht Ebersberg bereits 1986 zu eineinhalb Jahren auf Bewährung wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt hatte. Auch in Garching an der Alz missbrauchte H. weitere Kinder. 2008 wurde er dann als Tourismusseelsorger nach Bad Tölz versetzt. Erst als 2010 die New York Times über den Fall berichtete und Verbindungen zum ehemaligen Papst Josef Ratzinger aufzeigte, nahm der Münchner Kardinal Reinhard Marx den Pfarrer ganz aus dem Dienst.

An diesem Samstag – 11 Jahre später – besucht Marx erstmals die Pfarrei. Für Rosi Mittermeier von der Initiative Sauerteig ein großer Schritt: "Man denkt sich, Wahnsinn, wie viel Zeit, wie lang dauert das denn, bis sich da was bewegt. Da will man ja längst verzweifeln. Oder aufgeben. Trotzdem: Wir sind der Meinung, man soll überhaupt nicht aufgeben. Lieber spät als nie. Es ist nie im Leben zu spät, sich damit auseinanderzusetzen und irgendwie eine Aufarbeitung voranzubringen."

Die Gemeinde fragt sich: Wie konnte das passieren?

Denn darum geht es den Mitgliedern der Initiative Sauerteig: aufklären und die Pfarrei versöhnen. Denn der Missbrauch hat tiefe Verletzungen hinterlassen, sowohl bei den direkt Betroffenen, deren genaue Zahl – so Rosi Mittermeier – bis heute nicht bekannt sei, aber auch in der Pfarrei: "Wenn man sich vorstellt, mit welch offenem Herzen Kinder dem Pfarrer begegnen, oder Ministranten in der Ministrantenstunde oder in der Beichte öffnen die Kinder ihr Herz. Und dann ist der andere ein Missbrauchstäter. Da kann man sich dann vorstellen, wie das grundsätzliche Vertrauen da erschüttert wird."

Rosemarie Starzl von der Initiative Sauerteig vermutet, dass die Dunkelziffer der Fälle noch groß ist: "Man weiß ja inzwischen, dass es Jahrzehnte dauern kann, bis sich jemand öffnen kann und sagt, dass er missbraucht wurde. Also ist diese Zeit bei uns – zehn Jahre – eigentlich keine Zeit."

Eltern, Pfarreimitglieder und Ehrenamtliche fragen sich bis heute: Wie konnte das passieren? Hätte ich die Kinder besser schützen müssen, hätte ich etwas merken müssen? Unglaublich ist aus heutiger Sicht auch, dass noch 2010 viele Gläubige dem Pfarrer die Treue hielten.

Nicht Vergeltung, aber eine Entschuldigung

Medienberichten zufolge wusste die Kirchenleitung im Erzbistum bereits vor der Versetzung nach Garching, dass es sich bei Pfarrer H. um einen Sexualstraftäter handelte. Der Initiative Sauerteig geht es bei dem Besuch von Reinhard Marx an diesem Samstag dennoch nicht um Vergeltung, sondern um Heilung, betonte Rosi Mittermeier.

Sie erklärte aber bereits im Vorfeld, dass sie eine Entschuldigung des Kardinals erwarte: "Damit klar die Verantwortung benannt wird und bekannt wird. Das Ordinariat muss zugeben, dass es in der Verantwortung dafür steht, dass ein Straftäter, der ein Wiederholungstäter war, in Garching als Pfarradministrator eingesetzt worden ist."

Denn nur wer Verantwortung übernimmt, sagt Rosi Mittermeier, mache den Weg frei für Verzeihen und Aussöhnen. Und vielleicht könne das Beispiel aus Garching-Engelsberg dann sogar Schule machen in anderen Pfarreien.

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