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Kläranlage in Freilassing

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    Kampf gegen vierte Corona-Welle: Wie Abwasseranalysen helfen

    Coronaviren lassen sich auch in kleinsten Mengen nachweisen. Dafür laufen in Bayern vielversprechende Versuche mithilfe feinster Abwasseranalysen. Das könnte eine mögliche vierte Corona-Welle abmildern.

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    Von
    • Boris Berg

    Die meisten Experten sind sich sicher: Die Infektionszahlen werden wieder steigen, spätestens im Herbst. Um diese vierte Welle einzudämmen, könnte neben einer noch schnelleren Impfkampagne auch ein Frühwarnsystem helfen. In ausgewählten Kommunen und Landkreisen, wie zum Beispiel dem Berchtesgadener Land gibt es das bereits. Und die EU wünscht sich einen flächendeckenden Ausbau.

    Frühe Corona-Funde im Abwasser von Freilassing

    Freilassing im Juni. Ein kleiner Corona-Ausbruch. Schlagzeilen hat er nicht gemacht. Die Sache war schnell erledigt, auch dank des Abwassermonitorings, sagt Prof. Jörg Drewes. Er leitet das Institut für Siedlungsabwasser an der TU München und arbeitet seit Beginn der Pandemie an einem Corona-Frühwarnsystem.

    Drewes deutet auf eine Säule in einem Diagramm - und auf eine blaue Linie, die ein paar Tage später nach oben schnellt. Die blaue Linie steht für die offizielle Inzidenz, die auf den positiven Corona-Tests beruht.

    Die gelbe Säule aber hat den kleinen, lokalen Ausbruch schon ein paar Tage vorher angezeigt. Sie steht für die Coronaviren, die im Abwasser von Freilassing nachgewiesen werden konnten, sagt Prof. Jörg Drewes. "Es ist nicht so trivial. Die Anzahl der Viren im Wasser zu bestimmen, da haben wir einiges gelernt. Um so erfreulicher war, dass man diese kleinen Bruchstücke der Coronaviren wirklich quantitativ noch nachweisen kann."

    Vorsprung bei der Erkennung von Corona-Clustern

    Der Zeitvorsprung dieses Abwassermonitorings beruht auf verschiedenen Faktoren. Zum einen scheiden die Betroffenen schon Coronaviren mit dem Stuhl aus, bevor sie überhaupt merken, dass sie erkrankt sind. Zum anderen dauert es immer noch, bis positive Testergebnisse den Gesundheitsämtern gemeldet werden. Hauptpartner des großen Forschungsprojektes zum Abwassermonitoring ist das Berchtesgadener Land. Jener Landkreis, der wegen hoher Fallzahlen sehr früh in den Lockdown gehen musste.

    Man habe sich auch sehr früh für das Frühwarnsystem interessiert, erzählt Thorsten Porthain, Leiter des dortigen Gesundheitsamtes. Das Abwassermonitoring sei ein ideales Frühwarnsystem: "Wir können hier gezielt in bestimmten Gebieten Werte ermitteln, die uns bei der Kontaktnachverfolgung helfen: Ob wir auf dem richtigen Weg sind, die Infektionskette rechtzeitig einzufangen und diese zu unterbrechen."

    Wann immer die Abwasserproben auf ein lokales Ausbruchsgeschehen hinweisen, verstärkt das Gesundheitsamt des Landkreises die Kontaktnachverfolgung durch die sogenannte Clusteranalyse. Sobald die Infizierten bekannt sind, werden sie noch genauer befragt, um den Ausbruchsherd besser einzugrenzen. Auch eine mobile Testeinheit des Bezirks Oberbayern kann schnell dorthin geschickt werden, wo das Abwasser darauf hindeutet, dass mehrere Infizierte unterwegs sind.

    Der Aufwand für den Coronatest des Abwassers ist hoch und teuer

    Allerdings ist die Überwachung des Abwassers mit großem Aufwand verbunden. Um den Nachweis der Viren im Abwasser mit einem bestimmten Gebiet zu verknüpfen, müssen möglichst viele Probenentnahmestellen eingerichtet werden. Im Berchtesgadener Land sind es zwölf, die aus kommunalen Mitteln bezahlt worden sind.

    Zweimal pro Woche wird Abwasser in Röhrchen gefüllt und ins Labor geschickt. Die Coronaviren leben zu diesem Zeitpunkt zwar längst nicht mehr. Als Restbestandteile sind sie aber dennoch nachweisbar. Die Wissenschaftler am Lehrstuhl für Siedlungswasser werten die Daten wissenschaftlich aus.

    Corona-Dashboard mit Analysewerten im Landratsamt

    Die Zahl der Einwohner und die Niederschlagsmenge zählen zu den Faktoren, die mit bewertet werden müssen. Erst dann geht der Bericht an das Gesundheitsamt. Im Krisenstab des Berchtesgadener Landes werden die Zahlen anschließend in einem eigens entwickelten Computersystem übersichtlich dargestellt- in Zahlen, Diagrammen und in Karten. Dieses sogenannte Dashboard ist das Herzstück des Abwassermonitorings. Das lasse sich ohne weiteres auf andere Landkreise übertragen, sagt Forschungsleiter Jörg Drewes, "vorausgesetzt, digitale Infrastruktur stimmt".

    Einige Kommunen hätten schon Vorarbeit geleistet und seien deshalb sicherlich in einer besseren Position: "Die werden das System innerhalb von wenigen Wochen flächendeckend installieren können."

    Dabei ist der flächendeckende Ausbau des Abwassermonitorings "von ganz oben" gewünscht. Die EU Kommission hat den Mitgliedsländern bereits im März vorgegeben, das Coronafrühwarnsystem bis zum Oktober aufzubauen. Jörg Drewes hält das für sehr sportlich.

    Abwassermonitoring für ausgewählte Regionen wie Großstädte

    Drewes hält das Ziel eines flächendeckenden Ausbaus bis zum Herbst nicht mehr für erreichbar. Der politische Wille sei zwar erkennbar. Aber speziell für Bayern kann sich der Leiter des Instituts für Siedlungsabwasser an der TU München noch mehr Engagement vorstellen. Sinnvoll sei es ohnehin, das Pilotprojekt aus dem Berchtesgadener Land und fünf weiteren Kommunen in Bayern auf Gebiete mit hoher Mobilität auszuweiten- also auf Großstädte und touristische Hotspots. Doch der Aufwand für den Aufbau des System ist eben sehr groß. Aber, sagt Jörg Drewes, das Ganze sei auch eine Investition über die aktuelle Corona Pandemie hinaus.

    "Wenn wir das nur für die vierte Welle machen, dann lohnt sich das nicht. Aber wir werden hier nicht die letzte Pandemie gesehen haben. Wir werden künftig ähnliche Situation wieder erleben. Wir wissen jetzt schon um die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen, Grippewellen können intensiver werden. Solche Entwicklungen könnte man künftig mit einem Abwassermonitoring sehr viel besser beurteilen." Jörg Drewes, Leiter des Instituts für Siedlungsabwasser an der TU München

    Immerhin: Bund und Freistaat haben das Potential des Frühwarnsystems jetzt erkannt. Doch bis zu der drohenden vierten Welle der aktuellen Pandemie wird dieses Frühwarnsystem nur dort helfen, wo es schon erprobt wird, allen voran im Berchtesgadener Land.

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