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Kampf gegen Adipositas: Abnehmen, um zu überleben | BR24

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Sonja Bauer aus Haßfurt ist 47 Jahre alt und schwer krank. Sie leidet an Adipositas und wiegt mehr als 210 Kilogramm. Alleine Einkaufen oder draußen unterwegs sein, das schafft sie nicht mehr. Sie muss abnehmen, um zu überleben.

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Kampf gegen Adipositas: Abnehmen, um zu überleben

Sonja Bauer aus Haßfurt war schon immer dick. Mit 47 Jahren ist sie schwer krank: Sie hat Adipositas, wiegt 210 Kilo. Wenn sie nicht abnimmt, wird sie nicht mehr lange leben. 2018 begibt sie sich in Behandlung - und kann Hoffnung schöpfen.

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"Meine Oma […] hat immer gesagt: Kinder müssen dick sein. Dicke Kinder stehen für Gesundheit und Wohlstand. Beim Turnen, beim Schwimmen beim Wandern - egal, was wir gemacht haben. Ich war immer das dickste Mädle. Die anderen sind alle voraus gerannt und die Sonja ist hinten nachgekeucht… Das war kein schönes Gefühl." Sonja Bauer

Verschiedene zum Teil schwere Erkrankungen und Schicksalsschläge bringen Sonja Bauer letztendlich dahin, wo sie heute ist: Sie wiegt ungefähr 210 Kilogramm, hat Adipositas und kann sich kaum noch bewegen. Allein der Weg in die Küche wird zur Qual. Ihr Körper ist mit dem Gewicht völlig überfordert. Die Folge: Bluthochdruck und Diabetes, sie muss Insulin spritzen. Außerdem leidet sie an der sogenannten Elefantiasis, ihr Lymphsystem arbeitet nicht richtig. Die Beine sind extrem angeschwollen.

"Wenn ich noch drei Wochen daheim wäre, wäre ich tot." Sonja Bauer

Hilfe erhofft sie sich nun vom Adipositas-Board an der Uniklinik Erlangen. Dort arbeiten Ärzte verschiedener Fachrichtungen - zum Beispiel Chirurgen, Psychologen und Ernährungsexperten - interdisziplinär zusammen. Das Ziel: Eine ganzheitliche und nachhaltige Behandlung für Adipositas-Patienten wie Sonja Bauer.

© BR-Studio Franken/Constanze Schulze

Magen-OP bei Sonja Bauer

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Sonja Bauer nimmt den Kampf gegen ihre Krankheit auf. Am Adipositas-Zentrum der Uniklinik Erlangen soll ihr Magen verkleinert werden. Aber zuerst muss sie abnehmen, sonst wäre eine OP zu riskant.

Riskante Magen-OP

Nach der Einlieferung ins Krankenhaus der erste Schritt: Sonja Bauer darf nur noch 800 Kalorien pro Tag zu sich nehmen und muss sich bewegen. Zumindest kleine Bewegungseinheiten mit den Armen vom Bett aus sind möglich. Sie nimmt ab. Rund 40 Kilo. Nach etwa vier Wochen Klinikaufenthalt können die Ärzte operieren. Sonjas Magen wird verkleinert. Fast 90 Prozent davon werden entfernt.

"Frau Bauer hat auch eine Lungenembolie gehabt, vor kurzer Zeit Influenza, Zuckerkrankheit, das ist alles nicht ohne. Ist ein bisschen empfindlich für so was, Narkose ist an sich auch ein Risiko für solche Patienten." Moustafa Elshafei, Chirurg Uniklinik Erlangen

Die OP ist ein Erfolg. Schon fünf Tage später kann Sonja Bauer fast ganz allein zur Waage laufen. Zwar auf Krücken, aber auch das hatte sie vorher nicht geschafft. Die 47-Jährige kann aus der Uniklinik entlassen werden. Die ersten Schritte sind gemacht. Aber die harte Arbeit liegt noch vor Sonja Bauer.

"Wir waren jetzt immer bei ihr und haben sie motiviert. Zu Hause ist sie wieder alleine und da wird es öfters noch kommen, dass sie bisschen frustrierter wird als jetzt." Yurdagül Zopf, Oberärztin Uniklinik Erlangen

Hoher Stellenwert für Essen

Einige Monate später wiegt Sonja Bauer 140 Kilo. Mehr als 70 Kilogramm sind runter - und sie nimmt weiter ab. Kleine Wege etwa zum Briefkasten erledigt sie mittlerweile alleine. Immer öfter verlässt sie ihre Wohnung, ist mobiler und beweglicher geworden.

Ihr Essverhalten hat sie umgestellt. Allerdings hat Essen nach wie vor einen hohen Stellenwert für sie. "Aber es dreht sich nicht mehr das ganze Leben darum. Aber wenn ich früh aufwache, denk ich, was kochste für heute Abend oder was könnte man mal essen", sagt die 47-Jährige.

© BR-Studio Franken/Constanze Schulze

Sonja Bauer im Sommer 2019

Sonja Bauer braucht Bewegung

Wieder zurück in der Uniklinik in Erlangen wollen die Ärzte für Sonja Bauer ein Bewegungsprogramm entwickeln. Aktuell wiegt sie 137 Kilo. 80 Kilogramm hat die 47-Jährige mittlerweile abgenommen, hat damit aber noch immer die schwerste Form der Adipositas. Ohne Bewegung wird sich das nicht ändern. Aber: Ein erster Leistungstest scheitert. "Sport hab ich nie gemocht, ich mag ihn nicht sehen, ich mag ihn nicht machen, nicht hören", sagt Sonja Bauer.

Der Chirurg Moustafa Elshafei setzt eine zweite Magenoperation für Sonja Bauer an. Denn in den vergangenen Wochen hat sie kaum abgenommen. Ein Bypass soll dafür sorgen, dass die 47-Jährige nur noch einen Teil ihrer Nahrung verdauen kann. "Unser Traum wäre, dass wir sie durch den Bypass vom Zucker befreien", so Elshafei. Auch diese OP läuft gut.

Weitere Operationen folgen

Zu Hause versucht Sonja Bauer jetzt sich regelmäßig zu bewegen, ein paar Schritte mehr zu machen. Ihr Zuckerwert ist in Ordnung. Sie muss aber weiter an Gewicht verlieren. Das Abnehmen hat nun auch zur Folge, dass sich große Hautlappen bilden. Deshalb ist eine große plastische Operation geplant. Das könnte ihr Aussehen und ihr Leben weiter verändern.

"Ich denke, ohne Hilfe geht es nicht. Und wenn man Hilfe bekommt, sollte man sich danach halten." Sonja Bauer

Eineinhalb Jahre Behandlung liegen hinter Sonja Bauer, beinahe wäre sie an Adipositas gestorben - aber sie hatte das Glück, dass ihr geholfen wurde.

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Allein in Deutschland sind 23 Prozent der Frauen betroffen und jeder fünfte Mann: Krankhafte Fettleibigkeit - also Adipositas - entwickelt sich laut der Weltgesundheitsorganisation WHO zu einer regelrechten Epidemie.