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Kampf den Lieferengpässen bei Medikamenten | BR24

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Das neue "Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung" soll unter anderem gefälschte und verunreinigte Arzneimittel verhindern. Laut Experten ändert das Gesetz aber nichts am Hauptproblem der Medikamentenversorgung: den Lieferengpässen.

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Kampf den Lieferengpässen bei Medikamenten

Das neue "Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung" soll verhindern, dass gefälschte und verunreinigte Arzneimittel auf den Markt kommen. Laut Experten ändert das aber nichts am Hauptproblem: den Lieferengpässen bei Medikamenten.

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Das im Juni von Bundestag und Bundesrat verabschiedete neue "Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV)" soll spätestens im August in Kraft treten. Vor allem nach den Skandalen um den Blutdrucksenker Valsartan und Fälschungen von Medikamenten will der Bundesgesundheitsminister ein Zeichen setzen. Doch am größten derzeitigen Problem wird das neue Gesetz Experten zufolge nicht viel ändern: dem Lieferengpass von Medikamenten.

Lieferengpässe kosten Apotheker viel Zeit

Laut Apothekenklima-Index 2018, einer repräsentativen Umfrage unter Apothekeninhabern in Deutschland, gehören Lieferengpässe zu den drei größten Ärgernissen des pharmazeutischen Arbeitsalltags – Tendenz seit Jahren steigend. Deutschlands Apotheker wollen gemeinsam mit Pharmazeuten aus anderen EU-Ländern dafür kämpfen, die Belastungen für Patienten, Ärzte und Apotheker durch Lieferengpässe von Medikamenten zu verringern.

Im Durchschnitt verbringt jeder Apotheker in Europa 5,6 Stunden pro Woche damit, sich um Lieferengpässe zu kümmern. Deshalb fordert der Bayerische Apothekerverband mehr Transparenz und Kommunikation von Behörden und Herstellern bei akuten Lieferengpässen.

"Der Bayerische Apothekerverband fordert mehr langfristige Steuerung und Überwachung von Produktionsprozessen und Lieferketten durch die Regierungen und die Europäische Arzneimittelagentur (EMA). Nicht zuletzt soll die Fachkompetenz der Apotheker anerkannt und erweitert werden, um die Patientenversorgung bei auftretenden Problemen besser steuern und kontinuierlich gewährleisten zu können." Bayerischer Apothekerverband

Unterstützung durch die Bayerische Landesärztekammer

Gerald Quitterer, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, sieht zwar auch positive Ansätze im neuen "Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung", aber auch viele Kritikpunkte. Veränderungen der Bestimmungen für den Import von Arzneimitteln ließen nicht erkennen, wie die Sicherheit der importierten Arzneimittel besser sichergestellt werden könne. Zudem seien keine nachhaltigen Ansätze für die Bewältigung von Versorgungsengpässen erkennbar. Eine ausreichende Reserve an wichtigen Arzneimitteln sei notwendig.

"Lieferengpässe bei der Versorgung mit Medikamenten sind inakzeptabel. Sie sind auch eine Folge der Wirtschaftlichkeitsbestrebungen der Kostenträger." Gerald Quitterer, Präsident der Bayerischen Landesärztekammer.

198 nicht lieferbare Medikamente in Nürnberger Apotheke

Julia Böhm ist Apothekerin in Nürnberg. Auf ihrer Liste sind derzeit rund 200 Arzneimittel nicht lieferbar. Das betrifft nicht nur Allerweltsmittel wie Aspirin oder Ibuprofen, sondern auch Impfstoffe, Blutverdünner oder Blutdrucksenker. Die Patienten können das oft nicht glauben, werden wieder zum Arzt zurückgeschickt, damit der ein neues Rezept für ein Ersatzpräparat verschreibt.

In den letzten Monaten hat sich dieser Zustand verschlimmert. Dies verunsichert Patienten zunehmend, vor allem chronisch Kranke wie Barbara Daumann. Sie ist Epileptikerin. Eineinhalb Jahre dauerte es, bis sie vom Arzt genau eingestellt war und keine Anfälle mehr hatte. Im letzten Oktober bestellte sie ihr Antiepileptikum, erst im Januar 2019 konnte es geliefert werden. Seither versucht sie immer, einen Vorrat des Medikaments zu bunkern, der für ein Vierteljahr reicht. Sie ist auf spezielle Medikamente eingestellt - wenn sie diese nicht bekäme oder ein Ersatzpräparat einnehmen müsste, würde ihr wieder ein Anfall drohen. Das hieße dann speziell für sie: Ein anfallsfreies, fast normales Leben wäre nicht mehr möglich.

"Es kann passieren, dass ich dann einen Anfall kriege. In meinem Fall ist das dann ein großer 'Grand- mal-Anfall'. Das würde bedeuten, dass ich ein Jahr lang kein Auto fahren kann. Das würde bedeuten, dass ich nicht arbeiten kann. Ich wohne ja hier in einem kleinen Dorf. Busfahrmöglichkeiten sind ganz, ganz schlecht. Ich darf in dem Fall auch nicht Fahrrad fahren." Barbara Daumann, Patientin

Woher kommt der Engpass?

Rund 80 Prozent der benötigten Wirkstoffe für Medikamente werden nach Angaben des Pharmaverbands schon jetzt aus Drittländern, insbesondere China, Indien, Taiwan und Korea bezogen. 20 Prozent kommen aus der EU und hier vor allem aus Großbritannien. Fällt ein Lieferant aus, dann werden zahlreiche Pharmaunternehmen in ganz Europa nicht mehr mit einem speziellen Wirkstoff beliefert. Die Konsequenz: Lieferengpässe bei Medikamenten.

Manchmal wissen aber auch selbst Apotheker nicht, woran es liegt.

"Wir können es uns zum Teil nicht erklären. Wir versuchen, Informationen zu bekommen bei den Firmen, warum, und auch beim Großhändler. Da gibt es leider immer keine Informationen, die genau beschreiben, warum es eben nicht lieferbar ist." Katharina Dunz, Apothekerin in Nürnberg

GSAV: Ein Gesetz mit vielen Neuregelungen

Der Bund bekommt mit dem neuen Gesetz erweiterte Befugnisse vor allem bei Rückrufen. Damit sollen diese schneller erfolgen und es sollen mehr Informationen über die Produktionsbetriebe von Wirkstoffen veröffentlicht werden.

Zudem wird das elektronische Rezept auf den Weg gebracht. Es wird nun möglich, dass auch bei Fernbehandlungen, also beispielsweise bei Arztgesprächen per Videokonferenz, Rezepte ausgestellt werden dürfen.

Außerdem wird für nichtzulassungs- oder nichtgenehmigungspflichtige Arzneimittel für neuartige Therapien (z.B. Gentherapien) eine Dokumentations- und Meldepflicht für alle schwerwiegenden Verdachtsfälle von Nebenwirkungen eingeführt.

Knackpunkt: Importförderklausel

Ein strittiger Punkt war die Importförderklausel. Apotheker müssen derzeit fünf Prozent des Umsatzes mit Fertigarzneimitteln der gesetzlichen Krankenkassen mit Importen machen. Die Bundesländer Thüringen und Brandenburg wollten die Importförderklausel kippen, denn in Importen sahen die beiden Länder und viele Verbände ein Risiko: als Einfallstor für Fälschungen. In einer erneuten Sitzung hat der Bundesrat dem Gesetz dann trotzdem im zweiten Anlauf zugestimmt.