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Kämpfer für soziale Gerechtigkeit: Trauer um Fritz Schösser | BR24

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Gestern ist der langjährige DGB-Vorsitzende Fritz Schösser im Alter von 71 Jahren in München gestorben. Er stand 20 Jahre lang an der Spitze des Gewerkschaftsbundes Bayern, war von 1994 bis 1998 für die SPD im Landtag und dann bis 2005 im Bundestag.

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Kämpfer für soziale Gerechtigkeit: Trauer um Fritz Schösser

Er war eine prägende Persönlichkeit in der bayerischen SPD und der Gewerkschaftsbewegung im Freistaat: Jahrzehntelang kämpfte Fritz Schösser für soziale Gerechtigkeit und Arbeitnehmerrechte. Am Dienstag starb er unerwartet im Alter von 71 Jahren.

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Fritz Schösser war bekannt für flammende Reden: Bei seinen öffentlichen Auftritten auf den Maikundgebungen zum Tag der Arbeit lief er regelmäßig zu Höchstform auf. Zeit seines Lebens stritt Schösser wortgewaltig für soziale Gerechtigkeit und Arbeitnehmerrechte - als Politiker und als Gewerkschaftsfunktionär.

Geboren wurde er 1947 in Töging am Inn, auch sein Vater war Gewerkschaftler. Über das DGB-Bildungswerk kam er in den bayerischen Landesbezirk des DGB, dessen Vorsitz er 1990 übernahm. Dieses Amt übte Schösser 20 Jahre lang aus und war weit über die bayerischen Landesgrenzen hinaus bekannt und aktiv.

Durchsetzungsstark und unkonventionell

Als SPD-Arbeitsmarktpolitiker wurde er 1994 in den Bayerischen Landtag gewählt. Vier Jahre später gewann er für die bayerische SPD ein Bundestagsmandat.

Schösser galt als durchsetzungsstarker Interessenvertreter und dennoch unkonventioneller Denker. So arbeitete er pragmatisch mit der CSU und der bayerischen Staatsregierung zusammen. Mit dem damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber gelang ihm ein "Bündnis für Arbeit". Die Staatsregierung nahm 1,25 Milliarden D-Mark aus Privatisierungserlösen für Beschäftigungspolitik in die Hand - über die Verwendung des Gelds konnten die Gewerkschaften mitbestimmen. Doch Stoiber bekam schon auch sein Fett weg, zum Beispiel bei Schössers Reden am 1. Mai:

"Wenn das, Kolleginnen und Kollegen, was Stoiber fordert, sozial und christlich ist, dann ist der Papst in Rom ein roter Freischärler aus den Abruzzen. " Schösser am 1. Mai 2005 in Passau

Gegner der Agenda 2010

Gegen die Reformagenda 2010 von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) leistete er heftigen Widerstand. Zwar beugte er sich schließlich dem innerparteilichen Druck und stimmte Hartz IV zu. "Ich habe aber unmittelbar nach der Zustimmung erklärt, dass ich mit Ablauf der Wahlperiode nicht mehr für ein Mandat zur Verfügung stehen werde", sagte er später in einem Interview. So kandidierte Schösser 2005 aus Protest gegen die Arbeitsmarktpolitik der rot-grünen Bundesregierung nicht mehr für den Bundestag.

Als DGB-Landesvorsitzender in Bayern hatte Fritz Schösser den Ruf, das Arbeitnehmerlager streitbar und gleichzeitig unabhängig zu vertreten. Auch zehn Jahre nach Einführung der Agenda 2010 blieb er dabei, dass diese trotz gesunkener Arbeitslosenzahlen kein Erfolg sei:

"Es ist Arbeit anders verteilt worden, aber es ist nicht mehr Arbeit geschaffen worden. Es heißt, Arbeit wird schlechter bezahlt, der Arbeitsmarkt ist prekärer geworden. Und dieser prekärere Arbeitsmarkt wird ja oft dafür verwendet, dass wir damit unsere Exportchancen verbessert hätten. Aber Exportchancen verbessert Deutschland, indem es die besten Produkte auf den Markt bringt, die beste Produktivität hat. Exportschlager erzielt man nicht mit schlechter Bezahlung, mit Leiharbeit und mit Niedriglohn." Fritz Schösser

Söder: "Ein glühender Demokrat"

Schösser starb am Dienstag unerwartet im Alter von 71 Jahren, wie der DGB-Landesvorsitzende Matthias Jena mitteilte. "Mit Fritz Schösser verlieren wir eine unermüdliche und laute Stimme für Solidarität und soziale Gerechtigkeit", würdigte Jena seinen Vorgänger. "Er stand immer klar und konsequent für seine Überzeugungen ein, weshalb er auch während seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter deutlich Position gegen die Agenda 2010 bezog."

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hob in einer Mitteilung Schössers "engagierten Einsatz für andere" hervor. "Er war eine prägende Persönlichkeit, ein Mensch, der für seine Ideale kämpft, durch und durch ein glühender Demokrat."

Einsatz für den Zusammenhalt der Gesellschaft

SPD-Fraktionschef Horst Arnold würdigte Schösser als die "personifizierte Allianz zwischen SPD und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern", SPD-Landeschefin Natascha Kohnen erinnerte an den "beeindruckenden Mut" und die "große Leidenschaft", mit der er sich für soziale Gerechtigkeit eingesetzt habe.

Der Landesvorsitzende der bayerischen Grünen, Eike Hallitzky, betonte: "Fritz Schösser hat in den 20 Jahren seines Wirkens als bayerischer DGB-Chef als kompromissloser Verteidiger der Interessen aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer stets den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft in den Mittelpunkt gerückt."

Schalk im Nacken

Für seine Verdienste wurde Fritz Schösser mit der Bayerischen Verfassungsmedaille in Gold, dem Bayerischen Verdienstorden und dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet.

Seine Kämpfernatur hat er unzählige Male unter Beweis gestellt, doch ihm saß auch der Schalk im Nacken. "Lieber Herr und Gott, sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen, aber bitte nicht gleich", rief er einmal auf einer Versammlung ins Mikrofon. "Weil die Auseinandersetzung um sozial gerechte Verhältnisse in diesem Land, die wollen wir weiter fortsetzen."