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Junge Juden - zwischen Gedenken und dem Wunsch nach Normalität | BR24

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Bildrechte: picture alliance / Robert B. Fishman | Robert B. Fishman

Tikkun olam - verbessere die Welt ist eines der wichtigsten Gebote im Judentum und eine Art Essenz des "Jüdischsein". Viele junge Juden folgen der Pflicht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, egal wie religiös sie sind.

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Junge Juden - zwischen Gedenken und dem Wunsch nach Normalität

Gut 75 Jahre nach der Befreiung des KZ Auschwitz sitzen junge Menschen jüdischen Glaubens in Bayern noch immer zwischen den Stühlen: Zwischen einer ersehnten Normalität einerseits und der Befangenheit, die das Wort "Jude" bei vielen auslöst.

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Von
  • Barbara Weber

Die Studentin Naomi und der Student Ben erleben oft, dass Deutsche nicht-jüdischen Glaubens schon das Wort Jude kaum über die Lippen bringen. Viele haben die historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Zeit des Nationalsozialismus vor Augen und wissen nicht, wie umgehen mit ihrem Gegenüber. Manche sind unsicher, andere beschämt, viele einfach ahnungslos, was Jude sein heißt und ist. Ganz unbefangen ist noch immer niemand im Jahr 2021.

"Echt? Du bist Jüdin? Du siehst gar nicht so aus. Ich glaube nicht, dass diese Personen das verletzend meinen. Es zeigt nur, dass auch im 21. Jahrhundert Vorurteile und vorgefertigte Bilder von Juden in breiten Teilen der Bevölkerung bestehen." Naomi, Studentin
"Viele junge Deutsche vermeiden es, über den Holocaust zu reden. Dabei war niemand von uns dabei, ich kann niemandem die Schuld geben. Wir müssen zusammenstehen mit dieser gemeinsamen Erfahrung und den schweren Erinnerungen für uns und für Deutsche, deshalb sind Gedenktage wichtig.“ Ben, Student

Möglichst normal, ohne zu vergessen

Naomi sagt von sich selbst, sie sei eine bayerische Jüdin, aufgewachsen in München, studiert sie inzwischen Medizin in Regensburg. Ben studiert Maschinenbau an der TU München, er ist Israeli. Beide wünschen sich mehr Normalität, wissen aber auch, wie wichtig die Erinnerung an die Shoah ist, gerade in Zeiten, in denen anti-jüdische Ressentiments, Übergriffe und Anschläge auf Juden auch in Deutschland zunehmen.

Ben hat Ausschwitz mit einem Holocaust-Überlebenden besucht, ein tief bewegendes Erlebnis, seither engagiert er sich für Zeitzeugen, schon in Israel, jetzt auch in München im Café Zelig, einem Treffpunkt für die letzten Überlebenden der Shoah.

"Das liegt mir wirklich am Herzen. Bald wird es einen Punkt geben, wo sie nicht mehr da sind und alle, die den Holocaust leugnen, werden kommen und sagen, zeigt mir jemanden, der da war und mir sagen kann, dass es wirklich passiert ist. Deshalb müssen wir Zeuge sein für ihre Geschichten." Ben, Student

Und die Studentin Naomi sagt: "Mich beeindrucken Menschen wie Charlotte Knobloch sehr, die der Nachwelt ihre Geschichte erzählen können und sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, für Aufklärung, Verantwortungsbewusstsein und Dialog in der heutigen Gesellschaft zu sorgen. Im selben Atemzug besorgt mich der Gedanke zutiefst, was sein wird, wenn diese authentische Symbolik nicht mehr da ist."

Endlich lernen aus der Geschichte

Sowohl Naomi als auch Ben sind Stipendiaten des jüdischen Ludwig Ehrlich Studienwerkes. Ben setzt sich dort bei den Dialogperspektiven für interreligiösen Dialog auf europäischer Ebene ein. Naomi will sich künftig bei der Initiative "Nie wieder!?“ engagieren, die sich gegen Antisemitismus und für eine plurale Gesellschaft einsetzt. Die jüngste Entwicklung in der Corona-Pandemie hat sie darin bestärkt.

Naomi: "Gerade in solchen Zeiten, in denen es in Mode kommt, sich mit schiefen Vergleichen mit der NS-Zeit von der Polizei geschützt auf die Bühne zu stellen und diese besorgniserregenden Vergleiche öffentlich verbreiten zu können, ist die Arbeit von 'Nie wieder!' gesellschaftlich und politisch von großer Bedeutung. Ich denke nicht, dass diese Menschen sich jemals vorgestellt haben, wie es wäre, wenn Charlotte Knobloch in der Menge vor ihnen stehen würde.“

Es ist längst nicht alles normal für Juden in Deutschland, auch wenn die Politik viel tut, die gesellschaftliche Realität ist oft eine andere. Was aber ist die Perspektive für junge Juden, die in einem Spannungsfeld zwischen Normalität und Erinnerung leben?

"Der Schlüssel ist Bildung: Die junge Generation ist nicht schuldbehaftet, das ist ganz wichtig, das muss gesagt werden. Es gehört zur deutschen Geschichte. Es darf nicht ignoriert werden. Aber wir müssen weg von der Schuldhaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein für die Gegenwart schaffen." Naomi, Studentin

Und Ben erklärt: "Wir dürfen die Augen nicht verschließen, denn es passiert wieder: In China mit Uiguren, in Myanmar mit Rohingya. Nicht wegsehen, sondern aufstehen und endlich lernen aus der Geschichte."

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