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Mangelnde Aufklärung: Jugendliche und Kinderpornographie | BR24

© BR / Melanie Marks

Tim (16, Name geändert) wurde wegen des Besitzes von kinder- und jugendpornografischen Schriften von einem Jugendgericht schuldig gesprochen

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    Mangelnde Aufklärung: Jugendliche und Kinderpornographie

    Mehr als 600 Kinder und Jugendliche wurden im vergangenen Jahr in Bayern beschuldigt, Kinder- und Jugendpornografie besessen oder verbreitet zu haben – deutlich mehr als im Vorjahr. Ermittler mahnen, Jugendliche müssten besser aufgeklärt werden.

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    Von
    • Melanie Marks

    Tim liegt noch im Bett und schläft, als die Polizei vor seiner Tür steht. Es ist etwa halb sieben Uhr, erinnert er sich später. Er ist 16 Jahre alt. Gerade haben die Sommerferien begonnen. Die Polizei zeigt ihm einen Hausdurchsuchungsbeschluss. Es gehe um pornografische Inhalte, erklären die Beamten. Sie suchen das Material bei Tim.

    Tim heißt eigentlich anders. In diesem Jahr wurde er wegen des Besitzes von kinder- und jugendpornografischen Schriften von einem Jugendgericht schuldig gesprochen. Nun hat er einen Eintrag im Erziehungsregister. Nach fünf Jahren soll dieser gelöscht werden - um Kindern und Jugendlichen eine unbeschadete Zukunft zu ermöglichen. Deswegen bleibt Tim auch in diesem Artikel anonym.

    "Man fühlt sich wie ein Sexualstraftäter"

    Tim erzählt später, er habe sich an dem Morgen, als die Polizei vor seiner Tür stand, gefühlt, als sei er ein Sexualstraftäter. In seinen Erinnerungen waren es vier Polizisten, die das Haus durchsucht haben. Einer habe nur den Computer und andere digitale Geräte untersucht, zwei seien durch das ganze Haus gegangen und einer habe einfach nur aufgepasst.

    Tim hat immer wieder überlegt, was passieren könnte, wenn die Polizisten pornografisches Material finden würden. Und trotzdem: Eigentlich, so erzählt er, sei er sich sicher gewesen, dass da nichts wäre. Doch die Ermittler fanden trotzdem etwas.

    Immer mehr Kinder und Jugendliche tatverdächtig

    Im Jahr 2019 wurden in Bayern 621 Kinder und Jugendliche verdächtigt, Kinder- und Jugendpornografie erworben, besessen oder verbreitet zu haben. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich diese Zahl fast verdoppelt. Das zeigen Auswertungen des bayerischen Landeskriminalamtes.

    Bei einem Großteil der Inhalte würde es sich um selbst gefertigte Aufnahmen handeln, erklärt Michael Laumer von der Kriminologischen Forschungsgruppe, etwa eine Nacktaufnahme, die ein 13-jähriges Mädchen an ihren 15-jährigen Freund sendet. Bei einem weiteren, ebenfalls großen Teil der Fälle, würden die Jugendlichen aber im Internet und über ihr Smartphone auf kinderpornografisches Material stoßen. So wie Tim.

    WhatsApp-Gruppe mit Hunderten pornografischen Bildern

    Tim hatte irgendwann über Instagram einen Link erhalten. Der Absender war anonym, ein leeres Konto, keine Kontakte, keine Posts. Der Jugendliche sah, dass es sich bei dem Link um eine Einladung in eine WhatsApp-Gruppe handelte. Er klickte darauf - aus Neugierde, wie er sagt. In der Gruppe verschickten die Mitglieder Bilder - "von Frauen", so Tim. Und man habe sich unterhalten, zum Beispiel wurde gefragt, wer am nächsten Tag auch arbeiten müsse. Hunderte Nachrichten wurden dort versandt. Auch Tim antwortete manchmal. Bilder in die Gruppe habe er jedoch nie geschickt, sagt er.

    Und nach wenigen Tagen verschickten Mitglieder auch kinderpornografische Inhalte. Es seien nicht viele gewesen, meint Tim, und dennoch Bilder, bei denen er schon gewusst habe, dass sie eigentlich verboten seien. Er habe sie gelöscht - immer wieder, wie er sagt. "Ich dachte, dann sei das okay." Doch er entfernte nicht alle Aufnahmen. "Anscheinend habe ich irgendwann den Überblick verloren und anscheinend ein paar Bilder nicht herausgefiltert und gelöscht", so der Jugendliche.

    Pornografisches Material auf dem Smartphone

    Die Ermittler finden fünf kinderpornografische Inhalte auf Tims Smartphone: drei Fotos und zwei Videos. Gezeigt werden Jungen und Mädchen. Die jüngste ist erst drei Jahre alt.

    Heute sieht Tim ein, dass er früher aus der Gruppe hätte austreten müssen. Rund ein Jahr war er dort Mitglied, schätzt er. Genau weiß er es nicht mehr. Damals aber hat er sich anders entschieden und geglaubt, so lange er nichts weiter versende und alle Bilder lösche, mache er sich nicht strafbar.

    Jugendliche können ihr Handeln nicht einschätzen

    Dieses Verhalten hat Michael Laumer vom LKA Bayern bei vielen Jugendlichen beobachtet. In vielen Vernehmungen, die er ausgewertet hat, seien die Jugendlichen geständig und verwiesen darauf, dass sie nicht wussten, dass sie eine Straftat begangen hätten. Der Umgang mit dem Smartphone sei leichtsinnig, so Laumer: "Sie unterschätzen das."

    Ähnlich äußert sich auch Caroline Rapp, die Leiterin des Jugendamtes in Rosenheim. "Der Klick auf eine Taste, der sitzt locker bei den Jugendlichen", sagt sie. Außerdem komme ein Phänomen hinzu, das sie auch bei Erwachsenen beobachte, das sogenannte "Coping". Das bedeutet, dass sich Menschen zwar bewusst sind, dass sie gerade nicht richtig handeln, dafür aber eine Erklärung finden - etwa wenn man zu schnell fährt, das aber damit rechtfertigt, einen Termin einhalten zu müssen. "Wir Erwachsenen machen das schon ganz prima", sagt Rapp, "und Jugendliche machen das noch viel mehr als wir."

    Im Internet ist quasi alles verfügbar

    Laumer und Rapp sehen vor allem die Eltern in der Verantwortung, besser aufzuklären. Dass sich Kinder und Jugendliche in dem Alter für Sexualität interessierten, danach suchten und ihre Grenzen austesteten, sei normal, sagen sie. Aber, so Laumer, früher habe man eben noch keine Smartphones gehabt.

    Heute erhielten Kinder schnell ein Handy und hätten damit freien Zugang zum Internet. "Viele Eltern versäumen, dem Kind Regeln aufzustellen, oder gewisse Einstellungen vorzunehmen, um etwa pornografische Seiten vom Gebrauch auszuschließen", sagt Laumer.

    Viele Eltern leben Kindern das Falsche vor

    Außerdem, so Rapp, würden viele Eltern den Kindern das Falsche vorleben. Ein Beispiel sei, wenn Eltern ihre Kinder fotografieren oder filmen und auf Instagram posten würden. "Damit verletzen sie Persönlichkeitsrechte." Stattdessen sei es wichtig, den Jugendlichen beizubringen, dass sie auch eine Verantwortung haben. Es sei wichtig, mit ihnen darüber zu sprechen, wo die Grenzen zur Strafbarkeit liegen, dass es etwa strafbar ist, ein Nacktfoto der Freundin ohne ihre Erlaubnis zu versenden.

    Vor allem sei es wichtig, ihnen klar zu machen, dass Kinderpornografie auch viel mit Gewalt zu tun habe und "menschenverachtend, entwürdigend und traumatisierend" für Kinder sei, so Rapp. Neben dem Elternhaus könne und müsse das auch in der Schule thematisiert werden.

    Urteil als erzieherische Maßnahme

    Tim sagt heute, er habe vor dem Zwischenfall noch nie etwas über dieses Thema gehört. Im Urteil schreiben die Richter: "Der Angeklagte war (…) nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung durchaus reif genug, das Unrecht seiner Taten einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln." Ihm wird zugute gehalten, dass er sofort gestand und nie zuvor straffällig wurde. Zu seinen Lasten geht jedoch die Anzahl der Fotos und das Video.

    Bestraft wird er mit 40 Sozialstunden – eine erzieherische Maßnahme durch das Gericht. In Tims Fall wird damit nachgeholt, was die Gesellschaft zuvor verpasst hat.

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