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Kinder und Jugendliche leiden unter dem Lockdown. Schule zu, Clubs zu, keine Freunde treffen, kein Vereinssport. Ob die Pandemie langfristige Folgen für die Jugend hat, ist noch unklar. Spuren hat Corona aber schon jetzt hinterlassen.

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Jugend im Lockdown: Eine junge Generation leidet unter Corona

Kinder und Jugendliche leiden unter dem Lockdown. Schule zu, Clubs zu, keine Freunde treffen, kein Vereinssport. Ob die Pandemie langfristige Folgen für die Jugend hat, ist noch unklar. Spuren hat Corona aber schon jetzt hinterlassen.

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Von
  • Katrin Bohlmann

"Corona ist einfach blöd!" Angelie ist genervt. Von dem blöden Virus und den ganzen Einschränkungen. Seit zwei Wochen ist die Siebenjährige wieder im Homeschooling. Sie hat ihre Freundinnen, ihre Klassenkameraden und ihre Lehrerinnen lange nicht mehr gesehen. Sie vermisst die Schule, den Alltag, das Spielen. "Ich bin halt gelangweilt und ich bin auch ein wenig sauer wegen Corona, weil ich nicht in der Schule sein kann", sagt Angelie. Und jetzt wurde der Lockdown auch noch verlängert.

"Im Homeschooling lerne ich nicht soviel wie in der Schule!" Angelie, 7 Jahre

Die Eltern von Angelie und ihrem Bruder versuchen, positiv zu bleiben und keine Ängste zu verbreiten. Sie sind als Familie zusammengerückt, kochen und essen gemeinsam, die Kinder werden in den Haushalt mehr eingebunden. Sie versuchen, neue Werte zu vermitteln: Zusammenhalt und gegenseitiges Helfen. Die Mutter hilft Angelie bei den Schulaufgaben. Die Tochter sitzt am Esstisch am großen Monitor und lauscht aufmerksam den Worten ihrer Lehrerin im Video. Viel lieber würde die kleine Münchnerin jetzt in der Schule sein. "Meine Eltern wissen nicht alles, in der Schule lernt man halt mehr", stellt Angelie seufzend klar.

Teenager vermissen die Freiheit und Unbefangenheit ihrer Generation

Auch Inga und Emily, beide 16 Jahre alt, leiden unter den Corona-Einschränkungen. Einsamkeit und Isolation prägen ihren Alltag. "Ich fühle mich langsam bedrückt und es ist langsam auch echt anstrengend. Man lebt irgendwie jeden Tag dasselbe durch, es gibt keinen Routinewechsel oder Ortswechsel", klagt Inga aus Kirchheim bei München. Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit der Einschränkungen: Emily macht die Pandemie zu schaffen: "Ich habe gemerkt, dass ich mich viel träger fühle als davor. Ich habe es langsam satt, zu Hause zu sein."

Am meisten stört die Teenager, dass sich nicht alle an die Schutzmaßnahmen halten. "Dadurch zieht sich alles hin und wir werden dafür bestraft", sagt Inga. Denn die Jugendlichen vermissen die Freiheit, einfach machen zu können, worauf sie Lust haben: Freunde treffen, in die Stadt gehen, Reisen, einfach Spaß haben.

16-Jährige fragen sich: Wird es ein Leben ohne Corona geben?

Auch Zukunftsängste haben Inga und Emily. Prüfungen verschieben sich. Lernstoff geht verloren. Die Lehrer können online nicht so gut erklären wie in der Schule. Wie geht es weiter? "Corona wird sicher noch eine Weile bleiben, das kann ja nicht so einfach verschwinden, auch nicht durch die Impfungen.

"Ein Leben ohne Corona wird es so schnell nicht mehr geben", meint Inga pessimistisch. Emily macht sich grundsätzlich Sorgen um ihre Generation. "Ich habe das Gefühl, dass ich ein bisschen meine Jugend vermisse. Wir wollen in unserem Leben so viel Neues erleben, soviel dazu lernen. Ich glaube, das ist auch wichtig für die Entwicklung. Aber ich habe das Gefühl, das können wir gerade einfach nicht."

Münchner Jugendpsychologin: Angststörungen nehmen zu

Die Kinder und Jugendlichen seien am Limit. Corona lähme die Jugend, stellt die Münchner Jugendpsychologin Viviane Carolin Eberlein aus ihrer Praxiserfahrung fest. Angststörungen nehmen zu. "Es ist eine Mischung aus Angst und Depression. Vor allem trifft es die Jugendlichen hart, die jetzt einen Schulabschluss machen." Sie lebten in Unsicherheit, hätten zum Teil Panik. Auch wenn Kita- und Grundschulkinder jetzt schon von Corona genervt sind, geht Eberlein davon aus, dass die Pandemie an ihnen spurloser vorbeigehe als bei den Teenagern.

Ob sechs oder 16 Jahre alt: alle Kinder und Jugendlichen leiden unter Corona. Aber unterschiedlich, stellt der bayerische Kinderschutzbund fest. Aktuelle Umfragen und Studien haben ergeben: Mehr als 70 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen fühlen sich durch die Corona-Krise seelisch belastet.

70 Prozent der Kinder und Jugendlichen fühlen sich seelisch belastet

Das Risiko für psychische Auffälligkeiten habe sich fast verdoppelt, sagt Alexandra Schreiner-Hirsch vom bayerischen Kinderschutzbund dem BR. "Die Studie zeigt, dass die Kinder selber sagen, dass sie gereizter und antriebsloser sind oder auch Einschlafprobleme haben, Konzentrationsschwierigkeiten, Kopf- und Bauchweh." Das seien alles klassische Stresssymptome. "Dass sie auch das Gefühl haben, dass deutlich mehr gestritten wird in der Familie und mehr an den Medien sitzen."

Kinder sind meist dann stark belastet, wenn Eltern belastet und gestresst sind, so die Pädagogin. Ihr Appell an die Erwachsenen: positives Vorbild sein für die Jugend in der Corona-Krise. Aber genau das ist das Problem: wenn es den Erwachsenen nicht gut geht wegen Überforderung, Stress oder Krankheit, ist es schwer, Optimismus vorzuleben.

Langfristige Pandemie-Folgen für Kinder und Jugendliche noch unklar

Aber was macht Corona langfristig mit den Kindern und Jugendlichen? Die Experten sind sich darin nicht einig. Noch gibt es dazu keine belastbaren Zahlen, teilt die Bayerische Landeskammer der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (PTK) mit. Feststeht aber laut Experten: Für das gesunde Aufwachsen sind soziale Kontakte schon als Kind wichtig, um soziales Verhalten zu lernen. "Das Problem bei Corona: es ist eine Bedrohungslage, die man nicht wirklich sieht", sagt Peter Lehndorfer von der PTK. Er vermutet, dass die Pandemie und die Einschränkungen schon etwas mit Kindern und Jugendlichen machen, aber das hängt davon ab, wie lange Corona noch geht.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) sagt: Viele, jedoch nicht alle Kinder und Jugendlichen erlebten die Veränderungen und Folgen der Pandemie emotional belastend. Es sei aber aktuell noch ungeklärt, inwieweit dadurch zusätzliche behandlungsbedürftige psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen entstehen, heißt es in einer Pressemitteilung. Erste Studien weisen daraufhin, dass vor allem Kinder mit bestehenden psychischen Störungen und Kinder in schwierigen psychosozialen Situationen unter der Pandemie leiden.

Bayern: Langzeitstudie zu psychischen Folgen bei Kindern läuft

Der Freistaat will es nun genau wissen: Zur psychischen Belastung durch Corona von Kindern und Jugendlichen ist im Sommer vergangenen Jahres in Bayern eine Studie gestartet. "COVID Kids Bavaria" heißt das Forschungsprojekt. Untersucht werden soll auch, wie sich der Stress und die Bedrohungslage auf das seelische Gleichgewicht der Kinder auswirkt.

Die beiden Teenager Inga und Emily und die siebenjährige Angelie sind sich einig: Corona nervt. Alle drei haben den Wunsch: Die Pandemie soll endlich vorbeigehen.

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Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) fordert Öffnungsschritte von Schulen und Kitas ab Mitte Februar. Je länger die derzeitigen Einschränkungen andauerten, desto größer würden die Belastungen für Kinder und Jugendliche.

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