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Jüdisches Leben in Bayern: Wie kann Erinnerungskultur aussehen? | BR24

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Wie sehen Jüdinnen und Juden in Bayern die Vergangenheit? Und wie die Zukunft? Wir haben uns bei zwei Generationen umgehört.

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  • Artikel mit Video-Inhalten

Jüdisches Leben in Bayern: Wie kann Erinnerungskultur aussehen?

76 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau leben rund 200.000 Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland. Die Erinnerungen an den Holocaust bleiben präsent – auch bei den Überlebenden und deren Nachkommen in Bayern.

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Von
  • BR24 Redaktion
  • Shahrzad Osterer
  • Nils Kopp

Rund 200.000 Juden und Jüdinnen leben derzeit in Deutschland, 76 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Die Erinnerungen an den Holocaust sind für sie allgegenwärtig. Welche Wünsche haben die Überlebenden der NS-Diktatur und deren Nachkommen hinsichtlich der Erinnerungskultur? Was ist für sie eine angemessene Weise, der Vergangenheit zu gedenken? Wir haben mit Überlebenden des Holocaust sowie mit der Enkel- oder Urenkelgeneration gesprochen.

Alice Kolesnichenko-Fomenok ist eine von ihnen. Für sie ist Erinnerungskultur ein sehr wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft. Es sei auch eine Art von Prävention für die Zukunft. Denn das zeige der Gesellschaft, der heutigen Generation und den nachkommenden Generationen, was geschehen ist und was nie wieder geschehen dürfe, sagt die 21-jährige.

"Begegnung ohne Vorurteile"

Dima Mendel Schneerson ist Jugenddezernent der Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern. Er erinnert sich gerne an eine Begegnung als er auf der indonesischen Insel Bali wohnte. Im Gespräch erzählt er von seinem ersten Treffen mit seinem damaligen Fahrer, der später ein Freund wurde. Nach seiner Landung auf dem Flughafen von Denpasar habe er im Auto eine Tefillin gelegt, einen Gebetsriemen. Der Fahrer habe ihm dabei zugeschaut. Er kannte jüdische Rituale nicht und auch das Judentum war im nicht vertraut. Gerade dieser Umstand habe die Begegnung einzigartig gemacht, sagt Dima Mendel Schneerson, weil ihm seine zufällige Bekanntschaft völlig vorurteilsfrei begegnet sei. "Ich glaube, jeder Mensch hat eine Chance auf eine neue Begegnung – und das würde ich mir auch hier wünschen".

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Dima Mendel Schmeerson ist Jugenddezernent der Israelitischen Kultusgemeinde Oberbayern. Er berichtet von einem Erlebnis auf Bali.

Charlotte Knobloch ist Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern. Die 88-jährige sagt:

"Hitler ist nicht vom Himmel gefallen und Hitler hat zehn Jahre vor seiner Machtübernahme schon seine Fühler ausgestreckt. Mit Erfolg. Das ist mein großes Problem: Ich möchte nicht, dass meine Nachkommen noch mal in Situationen kommen, die meine Familie und ich erlebt haben. Aber ich setze große Hoffnungen auf die jungen Menschen in unserem Land. Ich habe Kontakt zu jüngeren Altersgruppen und da sehe ich, wie sie sich heutzutage mit den Themen der Vergangenheit viel mehr beschäftigen, die Themen auch annehmen, auch nachfragen, manchmal auf provokative Fragen stellen. Ich glaube, das ist ein guter Weg auch für die Zukunft." Charlotte Knobloch, Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern.

Alice Kolesnichenko-Fomenok ist 21 Jahre alt und der Meinung, dass sich die Gesellschaft endlich darüber klar werden solle, dass Antisemitismus noch immer ein Thema sei und man nicht einfach wegschauen dürfe und sollte. "Dass Leute auf die Straßen gehen und den Holocaust offen relativieren, sollte auf keinen Fall möglich sein. Und das ist dann auch wieder die Aufgabe unserer Politikerinnen, dagegen was zu tun," sagt Kolesnichenko-Fomenok. Jüdisches Leben in Deutschland sei aber nicht allein der Holocaust. Jüdische Leben sei sehr, sehr bunt, vielfältig und aktiv.

Mehr als der Holocaust

Julia Ryaguzova will, dass die Gesellschaft Juden und Jüdinnen nicht weiter als Sonderlinge abgestempelt. Die 19-jährige sagt über sich selbst: Sie, als in München geborene Jüdin, sei sehr offen für Fragen von anderen Leuten über ihre Erfahrungen mit ihrer jüdischen Identität, sie wolle aber nicht in eine Opferrolle gesteckt werden. "Ich möchte nicht bemitleidet werden. Ich bin eben nicht die Vergangenheit", sagt Ryaguzova.

Gleiches gilt für Aviva Lapke. Die ebenfalls 19-jährige wünscht sich, dass Menschen jüdischen Glaubens einfach so gesehen würden, wie sie seien - und das sei nun einmal mehr als der Holocaust.

Roman Haller hat den Holocaust überlebt. Er hat ganz ähnliche Wünsche, wie die Generation seiner Enkelkinder. Er fordert Anerkennung für die Leistungen der Juden und Jüdinnen in Deutschland. Man sei schließlich mehr als ein Opfer. Zwar sei Erinnerung wichtig, damit die Grauen sich nicht wiederholten, aber es sei auch wichtig die Lebensleistungen der einzelnen Menschen anzuerkennen. Dennoch: der heutige Tag hat für den 76-jährigen einen besondern Stellenwert:

"Der 27. Januar ist natürlich speziell für mich ein ganz besonderes Datum. An diesen Tagen denke ich natürlich – und gedenke ich natürlich in besonderem Maße an die Menschen, die in den Gaskammern in den KZs umgekommen sind. Aber oft denke ich nicht nur an diese Menschen, sondern ich denke auch an diese Kinder, die nicht das Glück hatten, auf die Welt kommen zu können, weil ihre Eltern, ihre Großeltern, umgekommen sind. Und oft frage ich mich, was wäre aus diesen Menschen geworden? Was hätten diese Menschen vielleicht unserer Gesellschaft geben können? Vielleicht Wissenschaftler, Erfinder, Künstler? Man weiß es nicht." Roman Haller, Holocaust-Überlebender, 76 Jahre alt
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Roman Haller hat den Holocaust überlebt. Er fordert Anerkennung für die Leistung der Jüdinnen und Juden in Deutschland.

Mehr dazu heute im Dossier Politik unter dem Titel "Von Täter- und Opferorten" ab 21 Uhr auf Bayern 2.

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