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Judenfeindliche Saudarstellung darf stehen bleiben | BR24

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Die "Judensau" an der Kirche in Wittenberg darf stehen bleiben. Das hat das Oberlandesgericht nun entschieden.

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    Judenfeindliche Saudarstellung darf stehen bleiben

    Das Oberlandesgericht Naumburg hat entschieden, dass die judenfeindliche Darstellung an der Kirche in Wittenberg erhalten bleibt. Auch in Bayern finden sich an den Gotteshäusern in Nürnberg, Regensburg und Bayreuth antisemitische Darstellungen.

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    Eine Person hält dem Schwein eine Fressschale unters Maul, zwei andere sitzen unter der Sau und saugen an ihren Zitzen. Eine Gestalt steht hinter dem Tier und fängt die Exkremente auf. Wer genau hinschaut, kann die drei Personen auf dem Kunstwerk an der Sebalduskirche in Nürnberg identifizieren: "Diese Gestalten werden durch die Kleidung als Juden erkennbar gemacht", sagt Axel Töllner, Beauftragter der evangelischen Kirche für christlich-jüdischen Dialog. "Das ist natürlich wirklich der ekelhafteste Abgrund."

    Stammt aus dem Mittelalter

    Mittwochnachmittag fiel die Entscheidung des Oberlandesgerichts Naumburg: Die judenfeindliche Sau-Darstellung, eine Schmähplastik aus dem Mittelalter an der Stadtkirche in Wittenberg muss nicht entfernt werden. Ein Mitglied einer jüdischen Gemeinde hatte sich durch die Darstellung beleidigt gefühlt und geklagt.

    Auch an etlichen bayerischen Kirchen finden sich antisemitische Kunstwerke. Neben der Darstellung in der Stadtkirche in Wittenberg gibt es laut Axel Töllner rund 30 solcher Darstellung in ganz Deutschland. In Bayern finden sich "Judensäue" unter anderem in Nürnberg, Regensburg und Bayreuth. Ziel war es, im Mittelalter die Christien vor dem vermeintlich "teuflischen" Lebensstil der Juden abzuschrecken, erklärt Axel Töllner.

    Funktion eines Mahnmals erfüllen

    Trotzdem plädiert Töllner dafür, die judenfeindlichen Kunstwerke nicht aus den Gotteshäusern und von den Mauern zu entfernen. Er setzt sich dafür ein, dass sich die Kirchen intensiver mit unangenehmen Teilen ihrer Geschichte auseinandersetzen, wie der Judenfeindlichkeit. "Wenn ich diese judenfeindlichen Darstellungen entfernen würde, dann würde ich das als eine Art Geschichtsklitterung empfinden", sagt Töllner.

    Judenfeindliche Plastiken könnten die Funktion eines Mahnmals erfüllen, meint Töllner. Dafür brauche es aber einen offeneren Umgang mit dem Thema, zum Beispiel mit Hilfe von Hinweistafeln und thematischen Kirchenführungen, wie er sie bereits anbietet.

    "In einer Zeit, in der Leute behaupten, dass es nur eine kurze Phase, ein Vogelschiss in unserer Geschichte gewesen sei, da kann man an solchen Beispielen zeigen, dass unsere ganze Geschichte voll von solchen Drecksspritzern ist." Axel Töllner, Beauftragter der evangelischen Kirche für christlich-jüdischen Dialog

    "Judensau" - auch ein Christenwort

    Für das Erinnern an die "Drecksspritzer" in der christlichen Geschichte setzt sich auch Wolfram Kastner aus München ein. Als Aktionskünstler und Vorstandsmitglied des Bunds für Geistesfreiheit kämpft Kastner dafür, dass der Begriff "Judensau" aus dem allgemeinen Sprachgebrauch verschwindet.

    Mit öffentlichen Aktionen hat sich Kastner in der Vergangenheit schon oft gegen antisemitische Darstellungen, wie am Kölner oder am Regensburger Dom, eingesetzt. Kastner findet, diese Darstellungen könne man nicht im öffentlichen Raum belassen.

    "Es ist eine christliche Saudarstellung. Eine antisemitische, judenhasserische, christliche Sauerei, die im Fachjargon "Judensau" genannt wird. Das ist kein Nazi-Wort, sondern ein Christenwort." Wolfram Kastner

    Darstellung ist laut Oberlandesgericht nicht beleidigend

    An der Ritterstiftskirche im baden-württembergischen Bad Wimpfen wurde die Sau-Darstellung in den 1980er-Jahren erneuert. Kastner fordert: Diese Plastiken sollen entfernt werden. So sah das eben auch ein Mitglied einer jüdischen Gemeinde und hatte deshalb vor dem Oberlandesgericht Naumberg geklagt. Doch das Gericht entschied im Fall Wittenberg, dass das judenfeindliche Relief hängen bleiben darf: Dieses habe aktuell keinen beleidigenden Charakter mehr und sei in ein Gedenkensemble mit Info-Tafel eingebunden. Außerdem gebe es ein Mahnmal an der Stadtkirche. Der Richter verwies auch darauf, dass Sprüche an KZ-Gedenkstätten wie "Arbeit macht frei" heute auch nicht mehr als Beleidigung zu sehen seien.

    © BR/ Markus Kaiser

    Wolfram Kastner setzt sich seit Jahren dafür ein, dass judenfeindliche Darstellung aus dem öffentlichen Raum verschwinden.