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"Judas gesucht" – Karlsteiner CSU lässt auf Bibel schwören | BR24

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Wer glaubt, dass der Bibelschwur zur Entlarvung von Verrätern schon in grauer Vorzeit aus der Mode kam, irrt: Mit dieser Praxis sollten jüngst Gemeinderäte genötigt werden, das Wahlgeheimnis zu brechen ...

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"Judas gesucht" – Karlsteiner CSU lässt auf Bibel schwören

Ein SPD-Mann als dritter Bürgermeister: Das sorgte für Ärger innerhalb der CSU-Fraktion im unterfränkischen Karlstein am Main. Ein Mitglied griff zu einer ungewöhnlichen Maßnahme – und ließ auf die Bibel schwören, um den Abweichler zu ermitteln.

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Es hatte Tradition, dass die CSU in Karlstein am Main im Landkreis Aschaffenburg den ersten, zweiten und auch dritten Bürgermeister stellte. Bis 2017: Da schaffte es ein FDP-Mitglied zum ersten Bürgermeister. Die CSU-Fraktion hält aber nach wie vor die Mehrheit im Gemeinderat. Dementsprechend groß war nun die Bestürzung innerhalb der Partei, als mit einer Stimme Vorsprung ein SPD-Mann zum dritten Bürgermeister gewählt wurde. Um herauszufinden, wer der "Judas" gewesen ist und dem SPD-Kandidaten seine Stimme gegeben hatte, griff die Fraktion zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Die Fraktionsmitglieder sollten auf die Bibel schwören. Der Vorfall ereignete sich bereits im Frühjahr, wurde aber erst kürzlich bekannt.

CSU-Mitglied weigert sich

Richard Pfannmüller ist seit 36 Jahren CSU-Gemeinderat, seit zwölf Jahren zweiter Bürgermeister in Karlstein. Er schildert den Vorgang wie folgt:

"Der Fraktionssprecher hat eingeladen zu einer außerordentlichen Fraktionssitzung und dann hat ein Mitglied der Fraktion die Bibel hervorgeholt und gesagt – so, jetzt wollen wir es wissen. Es soll mal jeder darauf schwören, dass er die CSU-Kandidatin gewählt hat." CSU-Gemeinderatsmitglied Richard Pfannmüller

Pfannmüller war als Letzter an der Reihe. Und er weigerte sich. "Ich habe meine Hand auch daraufgelegt, habe geschworen: 'Ich habe gewählt gemäß meinem Gewissen.'“ Seitdem wird er geschnitten. Von einzelnen Fraktionsmitgliedern aber auch von anderen im Ort.

Bibel-Schwur sorgt für Diskussionen

Pfannmüller will keine Namen nennen, keine Schlammschlacht provozieren. Dennoch erzählte er den Vorgang, der sich bereits im Frühjahr dieses Jahres ereignete, einem Redakteur der Tageszeitung Main-Echo. "Auch in der Bibel steht, man solle nicht auf die Bibel schwören. Aber generell halte ich es – was die Demokratie angeht – respektlos, das zu verlangen", sagt Pfannmüller. Er ist bestürzt über das Vorgehen: "Das Recht der Nicht-Offenbarung, wie ich gewählt habe, nehme ich absolut in Anspruch für mich!" Wer in Karlstein auf das Bibel-Thema angesprochen wird, schüttelt mit dem Kopf. "Einen an den Pranger zu stellen, weil er nicht gefolgt ist, ist ja wohl das Allergrößte", sagt eine Frau. Ein anderer fragt sich, in welchem Zeitalter die CSU eigentlich hängen geblieben sei.

CSU-Gemeinderäte wollen nicht mehr antreten

Auch Bürgermeister Peter Kress, ein FDP-Mann, muss schmunzeln. Karlstein sei durchaus im 21. Jahrhundert angekommen, sagt er im BR-Gespräch. Angst, dass die Geschichte einen Schatten auf die 8.000-Seelen-Gemeinde wirft, hat er nicht: "Es ist ein CSU-Thema. Wenn wir Bürgermeister oder Gemeinderäte vereidigen, gibt es durchaus die Möglichkeit zu sagen 'So wahr mir Gott helfe'. Aber das ist freiwillig."

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Ein SPD-Mann als dritter Bürgermeister: Das sorgte für Ärger innerhalb der CSU-Fraktion im unterfränkischen Karlstein am Main. Ein Mitglied griff zu einer ungewöhnlichen Maßnahme - und ließ auf die Bibel schwören, um den Abweichler zu ermitteln.

Rechtliche Konsequenzen wird es wohl keine geben. Obwohl der eine oder andere schon von Nötigung spricht. Doch das Thema spaltet – auch die CSU-Fraktion. "Die Tatsache alleine, dass von elf CSU Gemeinderäten, die aktuell im Gemeinderat vertreten sind, fünf, also knapp die Hälfte, nächstes Jahr nicht mehr zur Wahl antritt, hat schon eine gewisse Signalwirkung", sagt Kress.

CSU-Mitglied erhält böse Briefe

Besonders zu spüren bekommt Richard Pfannmüller, der vermeintliche "Judas", die Nachwehen. Er bekommt böse Briefe. Oder gar keine mehr. Pfannmüller: "Ich fühle mich nach wie vor als Mitglied der Vorstandschaft, aber seit dieser Zeit bekomme ich weder eine Einladung zu einer Vorstandssitzung noch irgendein Protokoll." Antreten bei der Kommunalwahl 2020 wird er nicht mehr. Aber das stand schon vorher fest.