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Das Hersbrucker Familienunternehmen Création Gross produziert seit mehr als 90 Jahren Anzüge, Sakkos und Herrenbekleidung. Die Corona-Pandemie trifft das Unternehmen hart. Denn im Homeoffice trägt kaum jemand einen Anzug.

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Jogginghose statt Anzug: Krise der Herrenbekleidung-Hersteller

Im Homeoffice trägt man(n) statt feinem Anzug eher einen Jogginganzug. Das trifft Einzelhändler, aber auch die Hersteller – wie das Hersbrucker Unternehmen Creation Gross – besonders hart: Nicht nur sind die Läden zu, die Nachfrage ist auch geringer.

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Von
  • Nicolas Eberlein

Das inhabergeführte Familienunternehmen Creation Gross aus Hersbruck bei Nürnberg produziert seit bald 100 Jahren Anzüge, Sakkos und Herrenbekleidung. 650 Mitarbeitende beschäftigt das Unternehmen, allein am fränkischen Standort 250. Im Moment sind aber 60 Prozent von ihnen in Kurzarbeit, die Coronakrise trifft das Unternehmen besonders hart.

Produktion steht seit Langem still

Nur eine Schneiderin kümmert sich im Moment um Musterbestellungen, bügelt und näht, ansonsten ist die weite Produktionshalle des Modeherstellers Creation Gross in Hersbruck wie ausgestorben. Wo es aufgrund von dutzenden Nähmaschinen und sonstigen Gerätschaften normalerweise sehr laut ist, hört man heute sogar die Kleiderbügel auf den Stangen.

Am Hauptstandort steht die Produktion der feinen Herrenmode seit Langem still. Mit-Geschäftsführer Thomas Steinhardt spricht von einer "enormen Zäsur". Bereits der "Lockdown light" habe die Firma insbesondere im Anzugbereich schwer getroffen, da keine Festivitäten stattgefunden haben. "Und jetzt im harten Lockdown, wo die Händler nichts verkaufen können, sind die Umsätze natürlich ins Bodenlose gefallen" und das werde nachhaltige Effekte auf die Verkaufszahlen haben, so Steinhardt weiter.

Keine Anlässe für schicke Kleidung

Das Geschäft der Firma Creation Gross und seinen Marke Club of Gents und Carl Gross sind Anzüge, Sakkos, Hemden, Fliegen, Krawatten. Feiern im Privaten und größere Festivitäten sind zurzeit unmöglich. Jeglicher Anlass sich schicke Klamotten zu kaufen, ist abgesagt. Die Coronakrise trifft den Textilienhersteller damit stärker als jede andere Krise.

Wie viele andere geht auch Creation Gross aktuell den Weg über Online-Shops, aber den größten Umsatz macht die Firma über Einzelhandelsgeschäfte. Das größte Problem ist für Thomas Steinhardt, dass diese nicht mehr verkaufen dürften. Das führe dazu, "dass sich die Läger entsprechend füllen und zwar in allen Teilbereichen. Nicht nur im Handel, sondern genauso auch in den Vorstufen." Zum Beispiel auch bei den Webern, alle seien davon betroffen. "Diese Bestände haben leider den unangenehmen Nebeneffekt, dass sie Liquidität kosten."

Pulli statt Sakko im Homeoffice

Viele Menschen arbeiten zudem seit Monaten von zuhause. Da ist eher ein gemütlicher Pulli angesagt statt einem Sakko. Keine Anzughose, sondern eben die Jogginghose. Eine kurzfristige Umstellung im Sortiment funktioniert aber nicht, so Mit-Geschäftsführer Ralph Böhm. Er ist aber von seinen Produkten absolut überzeugt. Er blickt optimistisch auf eine Zeit nach Corona und sieht die aktuelle "Mode" als eine "Übergangssituation in eine hoffentlich auch bessere Zukunft". So sei für ihn der Stil besonders wichtig.

"Wenn ich mir vorstelle, dass Mann und Frau sich Tag für Tag nur noch im Jogginganzug zuhause begegnen, wenn das unsere Zukunft ist, wird es dunkel. Wir setzen ganz fest drauf, dass es auch in der Richtung andere Begleitungskultur geben wird." Ralph Böhm, Geschäftsführer Creation Gross

Trend zu lässigerer Kleidung in Büros

Dennoch: Blickt man in die ein wenig weiter entfernte Vergangenheit, sah es damals noch förmlicher aus in den Büros. Der Trend geht mittlerweile jedoch zu legererer Kleidung. Vielerorts ist der Casual Friday – der lockere Freitag – abgelöst worden von einem Casual Everyday – also, dass sich jeden Tag locker gekleidet wird. Diese Herausforderung an die Produktlinie sieht auch Ralph Böhm. Der Stil dürfe für ihn dabei nicht verloren gehen. Es gehe eher um Bequemlichkeit, die der Mann beim Tragen von Anzügen zurecht einfordere.

Aber seiner Meinung nach sieht ein Mann in keinem Kleidungsstück besser aus, als in einem Anzug. "Das ist die große Hoffnung, dass auch wieder ein – ich nenne es mal – persönliches Stilempfinden in die Gesellschaft zurückkehrt, das uns im Augenblick sicherlich verloren gegangen ist", so Böhm.

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