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"Jetzt red i" zu Corona: Bayern "eigentlich schon Risikogebiet" | BR24

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Es sei "eine Minute nach zwölf", warnt der Virologe Alexander Kekulé in der BR-Sendung "jetzt red i". Das Risiko, sich anzustecken, sei in Bayern hoch. Gesundheitsministerin Melanie Huml kündigte derweil weitere Einschränkungen im Pflegebereich an.

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"Jetzt red i" zu Corona: Bayern "eigentlich schon Risikogebiet"

Es sei "eine Minute nach zwölf", warnt der Virologe Alexander Kekulé in der BR-Sendung "jetzt red i". Das Risiko, sich anzustecken, sei in Bayern hoch. Gesundheitsministerin Melanie Huml kündigte derweil weitere Einschränkungen im Pflegebereich an.

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Auch Fernsehsendungen finden zur Zeit ohne Publikum statt, und so gab es am Mittwochabend eine Premiere für die beliebte Diskussionssendung "jetzt red i" im BR Fernsehen. Das Moderatoren-Team Tilmann Schöberl und Franziska Eder war mit Politikerinnen und Experten allein im BR-Funkhaus in München, die Zuschauer konnten per Mail und Kommentarfunktion Fragen stellen. Einige waren auch live per Video aus den BR-Regionalstudios zugeschaltet. Das Thema der Sendung lautete: "Corona in Bayern: Wie bewältigen wir die Krise?"

Virologe bezeichnet Bayern als Corona-Risikogebiet

Besonders viele Zuschauerfragen drehten sich um die tatsächliche Bedrohung durch das Virus für die eigene Gesundheit. Sowohl Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) als auch der Virologe Alexander Kekulé betonten, dass die nächsten zwei bis drei Wochen entscheidend für die weitere Ausbreitung des Virus seien und man soziale Kontakte um jeden Preis meiden solle, um sich selbst und andere zu schützen.

Kekulé: "eine Minute nach zwölf"

Maßnahmen zur Prävention seien verpasst worden, sagt der Professor am Lehrstuhl für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. "Wir hier in Bayern sind eigentlich schon Risikogebiet. Nicht nach der Definition des Robert-Koch-Instituts. (…) Ich würde sagen: Gehen Sie davon aus, dass Sie sich inzwischen in München, in Würzburg, irgendwo, wirklich auf der Straße infizieren können, wenn Sie jemand anhustet."

Einen Impfstoff werde es frühestens nächsten Winter geben, bisher sei niemand immun und alle anfällig für das Corona-Virus. Wenn eine Klinik mit genügend Beatmungsgeräten ausgestattet sei, hätten Patienten aber eine gute Chance, zu überleben. Neben Alten und Risikopatienten müssten das Krankenhaus- und Pflegepersonal besonders geschützt werden, so Kekulé.

Huml kündigt Änderungen für den Pflegebetrieb an

Gesundheitsministerin Melanie Huml konnte in der Sendung "nicht ausschließen", dass in den kommenden Wochen eine Ausgangssperre für ganz Bayern beschlossen wird. Es komme jetzt darauf an, wie die bereits beschlossenen Maßnahmen von den Bürgerinnen und Bürgern umgesetzt würden. Im Bereich der Tagespflege kündigte sie jedoch an, dass es bis zum Ende dieser oder zu Beginn nächster Woche weitere Einschränkungen geben werde.

"Die Tagespflege ist ein Bereich, den wir bisher noch nicht geschlossen haben. Ich sage bisher, weil es ein Bereich ist, den wir nochmal angehen müssen. Weil wir da besonders schützenswerte, ältere Menschen haben. Man müsste sich überlegen, ob man Not-Dienste mit einrichtet, ähnlich wie bei Kindertagesstätten und Schulen." Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU)

Eine entsprechende Forderung hatte die Bereichsleiterin der Altenhilfe der AWO Würzburg, Ulrike Hahn, die aus dem BR-Regionalstudio Würzburg zugeschaltet war, vorgebracht. Rund hundert Personen kämen täglich in ihre stationären Einrichtungen zur ambulanten Pflege. "Wir fühlen uns ein Stück weit vergessen", sagte sie.

"Es ist mir völlig unbegreiflich, dass die Politik noch nicht eine Anordnung erlassen hat, dass Tagespflegen analog der Kindertagesstätten und Kindergärten geschlossen werden. Unsere Gäste sind Hochrisikogruppen!" Ulrike Hahn, AWO Würzburg

Bayerische Wirtschaft als "Patient im künstlichen Koma"

Mehrere Fragen erreichten die Expertenrunde auch im Hinblick auf finanzielle Hilfen für die Bayerische Wirtschaft und insbesondere Selbstständige. Peter Bofinger, Professor für Volkswirtschaft an der Universität Würzburg, meinte, dass nur gezielte Hilfe tatsächlich einen positiven Effekt habe. Er sprach sich gegen ein sogenanntes "Helikoptergeld" aus, bei dem Geld unspezifisch an alle Bürger ausgezahlt wird. Die vom Bayerischen Freistaat angekündigten direkten Zuschüsse nannte er "vorbildlich".

"Die ganze Wirtschaft ist derzeit in einem Zustand, den man als künstliches Koma bezeichnen kann. Und wie bei einem künstlichen Koma kommt es jetzt darauf an, dass der Patient ausreichend künstlich ernährt und beatmet wird, damit er möglichst wenig Schäden hat, wenn das Ganze vorbei ist." Peter Bofinger, Professor für Volkswirtschaft, Universität Würzburg

Die CSU-Politikerin Melanie Huml wies darauf hin, dass beispielsweise auch Künstler die bayerische Soforthilfe in Anspruch nehmen können. Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD im Landtag, Ruth Waldmann, forderte darüber hinaus, auch Betreuer und Betreuerinnen in Altenheimen in den Schutzschirm aufzunehmen. Wenn dort ein Corona-Fall auftrete, müsse zum Teil die ganze Belegschaft in Quarantäne. Waldmann regte auch an, dieses Personal vorrangig auf das Virus zu testen, "weil wir auf die nicht verzichten können".

Nach den 45 Minuten intensiver Diskussion stand jedenfalls fest, dass die nächsten Wochen und das Verhalten jedes Einzelnen entscheidend sein werden. Und auch, dass die nächste „jetzt red i“ - Sendung in 14 Tagen wieder ohne Publikum stattfinden wird.