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"jetzt red i": Wieviel Tourismus verträgt Bayern? | BR24

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Kontroverse Diskussion im Allgäu: Die einen fürchten den "Ausverkauf der Heimat", die anderen sehen im Tourismus eine existenzielle Grundlage.

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"jetzt red i": Wieviel Tourismus verträgt Bayern?

Kontroverse Diskussion im Allgäu: Die einen fürchten den „Ausverkauf der Heimat“, die anderen sehen im Tourismus eine existenzielle Grundlage. Wirtschaftsminister Aiwanger will Modernisierungsprojekte wie am Grünten weiterhin fördern.

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Der Tourismus in Bayern boomt. „Das wird zu viel“ und „irgendwann ist Schluss“, sagte gleich zu Beginn der Sendung ein Bürger bei „jetzt red i“ aus dem Oberallgäu. Eine Gastwirtin entgegnete: „Der Tourismus hat den Wohlstand gebracht!“

Fast 40 Millionen Übernachtungsgäste kamen 2018 nach Bayern, Tendenz weiter steigend. Eine der beliebtesten Regionen ist das Allgäu mit mehr als 17 Millionen Übernachtungen pro Jahr. Allerdings könne man noch nicht von „Overtourism“, einem Übermaß an Tourismus sprechen, meinte die Gastwirtin. Über das Jahr gerechnet liege die Auslastung in der Region bei 50 Prozent.

Die kontroverse Diskussion über die Zukunft des Tourismus fand in Sonthofen statt, zu Gast waren der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) und der Grünen-Politiker Ludwig Hartmann. Wird der Grünten zum „Rummelplatz“? Ausgangspunkt waren die Ausbaupläne am Grünten, dem sogenannten „Wächter des Allgäu“. Geplant sind an dem sowohl bei Sommer- und Winterurlaubern beliebten Berg moderne Liftanlagen, neue Berg- und Talstationen sowie eine neue Hütte auf dem Grüntenplateau.

„Wir können unsere Heimat nicht immer weiter ausverkaufen und am Ende vom Lied hocken wir nur noch in Beton und Stahl“ Anwohner Adrian Gioja

Er habe nicht grundsätzlich etwas gegen Tourismus in der Region, jedoch gegen Projekte „in dieser Größenordnung“. Inzwischen haben sich vor Ort zwei Bürgerinitiativen formiert - für und gegen den Umbau.

In der Sendung äußerten sich nun die neuen Eigentümer der Grüntenlifte: „Wir möchten keinen Rummelplatz“, sagte Sabine Hagenauer. Ihre Tochter Anja wies darauf hin, dass hier eine Modernisierung und weder Neuerschließung noch Vergrößerung geplant seien. Statt der alten dieselbetriebenen Lifte solle es neue, elektrische geben. Der Familienbetrieb sei offen dafür, zusammen mit Naturschützern ein „Vorzeigeprojekt“ zu entwickeln. Sie wollen 30 Millionen Euro investieren und hoffen auf Förderung durch den Freistaat Bayern, darüber soll bis 2021 entschieden werden.

Aiwanger: Weiterhin Förderung für moderne Skilifte

Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) sagte in der Sendung, dass Projekte dieser Art auch weiterhin gefördert werden sollen. Denn es gehe hier um Sanierung, nicht um die Erschließung neuer Gebiete.

"Mir stehen massiv die Bürgermeister und die Landräte im Nacken. Ich habe mich sogar dafür eingesetzt, dass wir noch mehr in die Seilbahnförderung geben." Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler)

Der Tourismus sei „Gottseidank“ eine starke Wirtschaftssäule mit Wachstumspotential. Zu den 50 Millionen Euro der letzten Jahre kämen weitere 35 Millionen hinzu, um alte Dieselanlagen durch neue zu ersetzen - für Sommer- und Wintersport.

„Wenn wir das nicht tun, dann würden solche Anlagen verfallen, dann sagen alle: da kannst du nicht mehr hingehen, dann fahren wir nach Österreich. Ist das besser? Ich sage nein“, so Aiwanger.

Hartmann: „Alpen werden zur Kulisse“

Der Fraktionschef der Grünen im Landtag Ludwig Hartmann widersprach Aiwanger in diesem Punkt heftig. „Wir fördern in eine Sackgasse“, sagte er. Denn es gehe am Grünten auch um Schneekanonen und Wintersport, der in solch niedrigen Lagen nicht mehr lange gewährleistet sei. „Wir werden das technische Wettrüsten mit Österreich nicht gewinnen“, so Hartmann. Und im Hinblick auf immer technischere Attraktionen für den Sommertourismus: „Die Alpen werden zur Kulisse.“

Stattdessen plädierte der Grünen-Fraktionschef in der Sendung für sanften Tourismus, Wandern und das Konzept der Bergsteigerdörfer.

„Wenn man die Stärke im Tourismus hat, dann hat man den Luxus, auch sagen zu können, welchen Tourismus möchte ich eigentlich?“ Ludwig Hartmann

Dies betonte aber auch Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger in der Sendung. Das neue Leitbild der Staatsregierung sei „Tourismus im Einklang von Mensch und Natur“ - das bedeute Qualitätstourismus statt Massentourismus. Zu diesem neuen Leitbild meinte Grünen-Politiker Hartmann allerdings: „Ein Umsteuern spüre ich nicht.“

Jahrzehntelang Versäumnisse im öffentlichen Nahverkehr

Als grundsätzliches Problem für viele Tourismus-Regionen wurde in der Sendung auch mehrfach die Verkehrssituation in den Orten angesprochen. Von „Staus“ und „Blechlawinen“ war da die Rede, sowie fehlenden Zug- und Busverbindungen.

„Ich bin mehr als enttäuscht.“ Oberallgäus Landrat Anton Klotz (CSU)

In den letzten Jahrzehnten sei „so gut wie nichts geschehen“. Auch Hubert Aiwanger (Freie Wähler) sagte, dass in den letzten Jahren „zu wenig“ in die Infrastruktur investiert wurde. Jetzt gehe es um eine „verbesserte Anbindung“, da seien sich alle einig.Alexander Huber, der mit seinem Bruder Thomas als „Huber Buam“ als Extremkletterer unterwegs ist, sagte in der Sendung zum Thema ÖPNV: „Hier ist wirklich die Politik gefordert. Hier gehört aufgerüstet.“ Er sprach sich für „langsamen Tourismus“ aus. Denn: „Wenn die Leute durch eine Walderlebnisbahn rauschen, dann geht es natürlich um Rummel“, so der Sportler. „Wenn ich den Wald erleben will, dann ist das sicherlich mehr in einer Wanderung zu sehen.“

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Bayern ist eine der beliebtesten Urlaubsregionen in Deutschland. Vor allem die Allgäuer Alpen sind ein "Hotspot". Während sich die Hotelbetreiber und Gastronomen freuen, wird es Bürgern und Naturschützern langsam zu viel.