S-Bahn-Stammstrecke in München
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Jetzt ist es offiziell: Die zweite Münchner S-Bahn-Stammstrecke wird viel später fertig und deutlich teurer

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Jetzt offiziell: Zweite Stammstrecke viel später und teurer

Jetzt offiziell: Zweite Stammstrecke viel später und teurer

Die Deutsche Bahn hat den neuen Zeit- und Kostenplan für die 2. Münchner Stammstrecke vorgelegt: Sie soll zwischen 2035 und 2037 in Betrieb gehen. Die Kosten steigen auf sieben Milliarden Euro. Ministerpräsident Söder beklagt einen "schweren Happen".

Die Befürchtungen bewahrheiten sich: Die zweite Münchner S-Bahn-Stammstrecke wird deutlich später fertig und viel teurer als geplant. Bahn-Vorstandschef Richard Lutz sagte nach einem Treffen mit dem bayerischem Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU), die prognostizierten Gesamtkosten des "Jahrhundertprojekts" würden auf sieben Milliarden Euro klettern. Grund seien gestiegene Bau- und Materialkosten, Projekterweiterungen und ein deutlich erhöhter Risikopuffer.

Die Gesamtsumme setze sich zusammen aus Bau- und Planungskosten von 5,5 Milliarden Euro sowie einem Risikopuffer von 1,5 Milliarden Euro. Die Kalkulation basiert dem Bahnchef zufolge auf dem "Preis- und Kostenstand 2021". Wie sich die Inflation im Zuge des Kriegs in der Ukraine auf das Projekt auswirken werde, könne er nicht abschätzen: "Meine Glaskugel ist nicht groß genug."

Die Bahn gehe aktuell von einer Inbetriebnahme im Jahr 2035 aus, erläuterte Lutz. Wegen Unwägbarkeiten und noch ausstehenden Genehmigungsverfahren sehe man Risiken von bis zu zwei Jahren. Eigentlich war die Eröffnung für 2028 vorgesehen - bei Kosten von 3,8 Milliarden Euro. Die neuen Zahlen ähneln damit Berechnungen des bayerischen Verkehrsministeriums, das im Juni Kosten von bis zu 7,2 Milliarden und eine Bauzeit bis 2037 prognostiziert hatte. Die Bahn wollte die Zahlen damals nicht kommentieren, da die Überprüfung der Zeit- und Kostenpläne des Projekts andauere.

Söder: Bayern steht zur zweiten Stammstrecke

Ministerpräsident Söder sprach einem "schweren Happen, den es zu verdauen gilt". Er sei sich sich auch nicht sicher, ob die prognostizierten Gesamtkosten "das letzte Wort" seien. Der Anteil Bayerns an den Kosten erhöhe sich von 1,7 auf 3,7 Milliarden Euro, "das bedeutet dann - auf die Zeitachse umgerechnet - ungefähr 200 Millionen pro Jahr". Söder stellte zugleich klar, dass der Freistaat nicht für die Kosten- und Preissteigerung verantwortlich sei: "Bayern plant nicht, und Bayern baut nicht." Darum seien Vergleich beispielsweise mit dem Berliner Flughafen "nicht korrekt". Bau- und Planungsträger sei die Bahn.

Die Staatsregierung werde nun noch mal alle Details prüfen, aber die Richtung sei klar: "Wir stehen zur zweiten Stammstrecke." Denn sie sei von zentraler Bedeutung für Bayern - insbesondere mit Blick auf die Zukunft. "Fakt ist: Ohne die zweite Stammstrecke stehen wir vor einem möglichen Verkehrsinfarkt." Bayern stelle aber das Controlling auf neue Beine, damit es schärfer werde. "Der Freistaat Bayern wird ein strengerer Begleiter werden", kündigte er an. Zudem müsse die Transparenz höher werden, betonte Söder. Er unterstütze auch die Idee, im Landtag ein Begleitgremium einzurichten. Entscheidend sei aber vor allem, die aktuelle Situation zu verbessern, damit die S-Bahn München pünktlicher und in einem besseren Takt verkehre sowie weniger Ausfälle habe.

Bahn kündigt Qualitäts- und Ausbauoffensive für S-Bahn an

Bahnchef Lutz betonte, in München entstehe mit dem neuen Hauptbahnhof und der zweiten Stammstrecke der größte und modernste ÖPNV-Knoten Europas. Zugleich versprach er, dass die Menschen in München und dem Umland nicht auf die Fertigstellung der zweite Stammstrecke warten müssten, bis sich die Situation, die Qualität und die Zuverlässigkeit "bei der S-Bahn signifikant verbessert".

Unter anderem solle eine große Qualitätsoffensive zu einem "pünktlicheren und zuverlässigen Zugverkehr und besserer Fahrgastinformation führen", kündigte Lutz an. Die Bahn setze dabei stark auf Prävention und tausche "Komponenten im bestehenden System in Stellwerken und auch bei Bahnübergängen" aus. Auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Zugdisposition sei vorgesehen. Zusammen mit dem Freistaat sei zudem "ein ganzes Bündel von Maßnahmen" vereinbart worden, um die Infrastruktur auszubauen und das S-Bahn-Netz "insgesamt weniger störanfällig und leistungsfähiger zu machen". Dazu zählten "zusätzliche Gleiskapazitäten gerade auf den Außenästen" und "eine Verdichtung des Taktes".

Reiter bleibt Treffen fern - "Ernüchternde" Zahlen

Der Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) nahm an dem Treffen nicht teil, weil sich die Bahn offenbar geweigert hatte, ihm zur Vorbereitung auf das Gespräch aktuelle Unterlagen zur Verfügung zu stellen. Nach der Pressekonferenz von Lutz und Söder bezeichnete Reiter die neuen Zahlen als "ernüchternd".

Es gehe nun - bei aller Verärgerung über "die zurückliegende mangelnde Kommunikation" insbesondere der Bahn - darum, nach vorne zu schauen, teilte der Oberbürgermeister mit. Dringend erforderlich sei, dass es umfassende Verbesserungen für die S-Bahn gebe, um das System leistungsfähiger zu machen - auch als Überbrückung der Zeit bis zur Inbetriebnahme der zweiten Stammstrecke. "Ich bin weiter in engem Kontakt mit Freistaat und Bahn und wo immer es Möglichkeiten gibt, Prozesse zu beschleunigen, werde ich mich persönlich dafür einsetzen."

Verkehrsminister Bernreiter
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Verkehrsminister Bernreiter

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S-Bahntunnel an der Hackerbrücke, Allgemeinmotiv

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Freie Wähler sehen Keine Alternative

Ähnlich wie Söder sehen auch die Freien Wähler keine Alternative dazu, die Arbeiten an der zweiten Stammstrecke weiterzuführen. FW-Fraktionschef Florian Streibl betonte, ein Moratorium oder ein Baustopp würden nur dazu führen, "dass ohne Not Milliarden Euro von Steuergeldern vergeudet würden, ohne dass für unsere Bürgerinnen und Bürger ein positiver Effekt erkennbar wäre". Die zweite Stammstrecke sei notwendig, um den Großraum München sowie ganz Oberbayern vom Individualverkehr zu entlasten und es mehr Menschen zu ermöglichen, auf der Schiene zur Arbeit zu kommen.

Grüne beklagen Frust bei Pendlern

Dagegen warf Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann dem Ministerpräsidenten vor, er habe vor zwei Jahren wichtige Informationen "einfach in der Schublade verschwinden lassen" - auch wenn Söder jetzt so tue, als habe er bis heute so gut wie keine Fakten über die Probleme gekannt. Noch größer als die Kostenexplosion sei der Frust bei den Pendlerinnen und Pendlern in München. Seit Jahrzehnten wird ihnen vorgebetet, welche großartigen Verbesserungen die zweite Stammstrecke bringe. "Bis heute spüren sie davon rein gar nichts: Zugausfälle, Wartezeiten, Verspätungen." Die Menschen bräuchten jetzt gute Alternativen "und nicht erst, wenn die Pendlerinnen und Pendler von heute schon in Rente sind".

SPD: Pannen müssen aufhören

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Florian von Brunn kritisierte, Söder verkaufe längst beschlossene Projekte als Fortschritt für die S-Bahn, drücke aber nicht aufs Tempo. "Wir als SPD wollen, dass es schneller vorangeht, damit die Pannen endlich aufhören - mit externen Experten und einem echten Beschleunigungs-Plan." Nötig sei Transparenz, warum es so teuer werde - und ob sich das nicht vermeiden lasse. "Was haben Markus Söder und die CSU eigentlich getan nach der Vorwarnung 2020? Bauaufsicht kann man das wohl nicht nennen", betonte von Brunn. Wenn jetzt das Controlling verbessert werden soll, sei er skeptisch, "ob es diesmal besser klappt".

FDP: "Milliarden-Fiasko"

Nach Meinung des FDP-Verkehrsexperten Sebastian Körber kommt der "heute von Söder an den Tag gelegte Aktionismus" zwei Jahre zu spät. "Heute hat Bayern als Auftraggeber der zweiten Stammstrecke die Rechnung für jahrelanges Zaudern und Wegsehen bekommen." Er sei gespannt, "wie Söder die Zeche zahlen möchte". Körper betonte: Nachdem sich die Staatsregierung auf das "Milliarden-Fiasko" nicht vorbereitet und keine Rücklagen gebildet habe, werde er ein Auge darauf haben, "dass nicht alle Regionalisierungsmittel vollends in die zweite Stammstrecke fließen". Denn der ÖPNV müsse insbesondere in der Fläche ausgebaut und modernisiert werden.

Das BR24live zur Stammstrecke zum Nachschauen: