BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern
© BR
Bildrechte: BR

Historischer Erfolg: Zum ersten Mal überhaupt haben die Grünen in Bayern ein Direktmandat gewonnen. Die stellvertretende Bundesvorsitzende Jamila Schäfer holte im Wahlkreis München-Süd 27,5 Prozent der Wählerstimmen.

39
  • Artikel mit Video-Inhalten

Direktmandat für die Grünen: Jamila Schäfers historischer Sieg

Jamila Schäfer hat Geschichte geschrieben. Als erste Politikerin der Grünen errang sie für ihre Partei bei einer Bundestagswahl in Bayern ein Direktmandat - im Wahlkreis München-Süd. Ein Aufstieg, der nicht jedem in Deutschland gefällt.

Von
Moritz M. SteinbacherMoritz M. Steinbacher
39

Die 28-jährige Jamila Schäfer hat das erreicht, was ihr zu Beginn des Bundestagswahlkampfes wohl niemand zugetraut hätte. Mit 27,5 Prozent der Stimmen eroberte sie das Direktmandat im Wahlkreis München-Süd, einem seit den 1970er Jahren traditionellen CSU-Bezirk.

Trotz ihres historischen Wahlsiegs – Jamila Schäfer für ein Interview zu bekommen, ist am Tag nach der Bundestagswahl alles andere als leicht. Eine Besprechung folgt auf die nächste: Bundesvorstandssitzungen und Treffen mit den neuen Abgeordneten - alles bereits heute. Politik muss man wohl lieben, nur so kann man sich vorstellen, warum sich Menschen diese endlosen Gremiensitzungen antun.

Erste Sondierungen in der Nacht

Schon in der Nacht hätten erste Sondierungen stattgefunden, erzählt Schäfer, als sie endlich am Nachmittag kurz Zeit findet. Vor den Gesprächen habe sie aber noch mit Robert Habeck auf ihren gemeinsamen Sieg angestoßen. Habeck hat ebenfalls sein Direktmandat gewonnen.

Jamila Schäfer ist - das darf man wohl so sagen - eine waschechte Münchnerin. Über vier Generationen lässt sich ihre Familie im Münchner Stadtteil Hadern zurückverfolgen, wie sie im BR-Interview verrät. Aber nur väterlicherseits, die Mutter kommt aus Düsseldorf. Mit einem leichten NRW-Zungenschlag erzählt die neue Bundestagsabgeordnete dann auch von ihrer politischen Sozialisierung, die ganz früh in Hadern begann.

Als Kind bei der ersten "Öko-Demo"

2001, also knapp 18 Jahre bevor Demonstrationen für Klima- und Umweltschutz unter dem Kürzel FFF (Fridays-for-future) bei Schülern in Deutschland wirklich eine Rolle spielten, besucht Schäfer als Achtjährige ihre erste "Öko-Demo", wie sie sagt, bei der sie sich für den Erhalt eines Bannwaldes ganz in der Nähe von Hadern stark macht.

Dieses Interesse an Umweltschutzthemen lässt auch im Gymnasium nicht nach. Immer wenn dort Projekttage anstanden, gesteht sie mit einem hörbaren Lachen, habe sie ihre Klasse dazu genötigt, bitte dringend nochmal über das Thema "Walfang" nachzudenken. Damals hatte der wegen seiner sehr konservativen Haltung auch "Schwarzer Peter" genannte Peter Gauweiler genau das Direktmandat inne, das sie nun erobert hat.

Viele Jahre bei der Grünen Jugend

Doch davor stehen viele Jahre politischen Engagements bei der Grünen Jugend in München. Als sie wegen ihres Studiums der Philosophie und Soziologie nach Frankfurt am Main zieht und sich deswegen in München nicht mehr einbringen kann, wird sie in den Bundesvorstand der Jugendorganisation gewählt. Kurz darauf avanciert sie zur Bundesprecherin. Spätestens ab da ist das Studieren für sie nur noch nebenbei möglich. Mit ihrer Wahl zur Bundestagsabgeordneten ist ihre Masterarbeit aber in weite Ferne gerückt.

Schäfer erhält Drohungen

Mit dem Aufstieg in den Bundesvorstand muss sie sich auch mit einer traurigen Nebenwirkung der Berufspolitik auseinandersetzen: Sie erhält Morddrohungen. Nicht jedem in Deutschland scheint es zu gefallen, dass eine 28-Jährige aus dem Münchner Süden mit einem Direktmandat in das deutsche Parlament einzieht. Die letzte Morddrohung habe sie vergangene Nacht per Mail erhalten, erzählt sie und fügt ironisch hinzu, dass sich offenbar nicht alle über ihre Wahl gefreut hätten.

Schäfer habe ihren eigenen Weg, mit dieser Nebenwirkung umzugehen, sagt sie: Sie versuche dies als Ansporn zu nehmen, um für eine Gesellschaft zu arbeiten, in der Menschen ohne Angst verschieden sein könnten. Trotzdem bringe sie jede Drohung zur Anzeige.

Künftige Aufgaben werden erst fraktionsintern geklärt

Knapp 20 Minuten dauert das Interview, im Hintergrund hört man den Pressesprecher, der zur nächsten Sitzung mahnt. Doch wenn sie über ihre politischen Themen spricht, kommt eigentlich keiner zu Wort. Egal ob Wohnungsbau, Frischluftschneisen oder der Umgang mit Geflüchteten, Jamila Schäfer hat eine Meinung und die will sie in den Bundestag auch einbringen. Über die möglichen Ausschüsse, in denen sie sitzen möchte, schweigt sie aber. Das müsse erst mal fraktionsintern geklärt werden.

Es scheint, so stressig wie der Wahlkampf sind auch die Gremiensitzungen und Sondierungsverhandlungen. Wie gesagt, Berufspolitik muss man lieben. Jamila Schäfer ist Vollblutpolitikerin. Dennoch, wenn der Nachwahlstress vorbei ist, freut sie sich auf einen langersehnten Urlaub an der Ostsee mit ihrem Freund.

© BR
Bildrechte: BR

Die Grünen-Politikerin Jamila Schäfer hat der CSU ein sicher geglaubtes Direkt-Mandat im Wahlkreis München-Süd weggeschnappt: Das erste grüne Direktmandat in Bayern überhaupt.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

Schlagwörter