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Trend: Junge Jägerinnen

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Jagd im Wandel: Immer mehr Frauen gehen jagen

Lange Zeit galt die Jagd als Männerdomäne. Zunächst, weil der Mann so die Familie versorgen musste. Und auch später, als Trophäen wichtiger wurden, um den Rang eines Mannes zu zeigen. Frauen waren da nicht gerne gesehen. Jetzt aber ändert sich das.

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Nadine Graf lädt ihr Gewehr. Es ist früher Nachmittag, die Sonne steht schon tief und scheint ihr auf den Rücken. Nadine sitzt in einem Hochsitz, im Jagdrevier um die kleine niederbayerische Gemeinde Straßkirchen. Sie blickt durch den Sucher des Gewehres. Vor ihr liegt eine Lichtung, rund einhundert Meter entfernt ist der Waldrand.

Nadine ist mit der Jagd groß geworden. Ihr Vater ist Förster und verwaltet das Revier bei Straßkirchen. Schon früher hat er sie mit ins Gelände genommen. Doch selbst wollte sie den Jagdschein erst später machen. "Hauptgrund war für mich eigentlich das Fleisch", sagt sie. "Die Tiere leben hier einfach unter ganz anderen Bedingungen." Ein Schwein oder ein Huhn lebe in der Massentierhaltung. Das Wild hingegen sei frei. "Und ich finde es legitim zu schießen, was man auch isst."

Jeder fünfte Absolvent in Bayern ist eine Frau

So wie Nadine geht es vielen. In den vergangenen Jahren haben immer mehr Menschen in Bayern die Jägerausbildung gemacht und bestanden. Und dabei ist vor allem der Anteil der jungen Frauen gestiegen. Waren es 2010 noch 219 Frauen, die ihre Jägerprüfung bestanden haben, so waren es 2019 schon 390. Damit ist in Bayern mittlerweile jeder fünfte Absolvent der Jägerprüfung weiblich.

Das zeigt sich auch 220 Kilometer von Nadine entfernt. In Flachslanden, in Franken, trifft sich eine Jagdklasse auf einem Acker. Es ist ein kalter Wintermorgen. Die Pfützen am Boden sind noch gefroren. Die Teilnehmer haben ihre Jacken bis zum Kinn geschlossen und ziehen die Schultern zu den Ohren. Es sind acht Männer und fünf Frauen.

Seit Oktober machen sie ihre Ausbildung gemeinsam. Zweimal wöchentlich abends haben sie Theorie-Unterricht. Samstags ist Praxis-Tag: Schießtraining, die Hilfe bei einer Treibjagd oder Unterricht im Revier. Heute laufen alle Schüler über den Acker. Manchmal bücken sie sich, schauen die Spuren der Wildschweine auf dem Boden an. Alle verstehen sich gut, scherzen miteinander. Dass Frauen dabei sind, stört hier niemanden.

Jagd von der Gesellschaft beeinflusst

Die Urmenschen waren noch darauf angewiesen zu jagen. Ihr Überleben hing davon ab. Doch seit Menschen sesshaft wurden, Ackerbau und Viehzucht betrieben, verlor die Jagd an Bedeutung und wurde zu einem Privileg für die Oberschicht und den Adel. Im 17. und 18. Jahrhundert stellte man damit seinen Rang dar. Die Trophäenjagd gewann an Bedeutung. Frauen waren hier nicht so gerne gesehen.

Heute wandelt sich das allmählich. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft ist deutlich gestärkt. Zudem nimmt das Bewusstsein für Umwelt und Klimaveränderungen zu. Beide Entwicklungen beeinflussen auch die Jagd. "In den Medien wird immer wieder gesagt, Natur sei gut", sagt Uwe Köberlein. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Ökologischen Jagdverbandes. Seit einigen Jahren beobachtet er, dass mehr Frauen in den Kursen sitzen. Und ein Zugang zur Natur sei eben die Jagd. Er findet es gut, dass mehr Frauen zur Jagd kommen. "Die Frauen, die ich kenne, jagen bewusster", sagt er. Sie hätten ein höheres Sicherheitsbewusstsein und sie schössen präziser.

Frauen jagen bewusster

Das erste Tier, das Nadine Graf erlegt hat, war ein Hirsch. Er stand lange vor ihr, erzählt sie. Länger als sie erwartet hätte. Sie war nervös, wollte perfekt schießen, damit das Tier auf keinen Fall leiden muss. Noch heute ist sie jedes Mal angespannt, wenn sie bei der Jagd ein Tier sieht.

Als sie heute ihre Sachen zusammenpackt, hat sie nichts geschossen. Kein Hirsch, kein Reh oder Wildschwein haben sich gezeigt. Aber ihr macht das nichts aus. Sie läuft den Schotterweg zurück zu ihrem Auto. "Das ist normal", sagt sie. Sie gehe vielleicht 15 Mal raus, um ein Mal zu schießen. Aber darum gehe es ihr auch gar nicht. In der Natur zu sein, die Stille zu genießen, das bedeute ihr genauso viel.

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