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Vor über einer Woche sind sie in Florenz losmarschiert, ihr endgültiges Ziel ist heute Rom. Die toskanischen Gastronomen demonstrieren gegen damit die Corona-Politik der italienischen Regierung, die für viele ein wirtschaftliches Desaster bedeutet.

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Italien: Marsch der Gastronomen gegen Corona-Politik

Vor über einer Woche sind sie in Florenz losmarschiert, ihr endgültiges Ziel ist heute Rom. Die toskanischen Gastronomen demonstrieren gegen damit die Corona-Politik der italienischen Regierung, die für viele ein wirtschaftliches Desaster bedeutet.

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Von
  • Elisabeth Pongratz

Seit dem 26. Oktober müssen alle Restaurants und Bars in Italien um 18:00 Uhr schließen, nur Take-away ist noch möglich. Auf diesen Lieferservice haben sich bereits viele eingestellt, auch Gourmetrestaurants. Trotzdem: Die Einbußen sind immens, der Branchenverband spricht von einer dramatischen Situation. Viele Gastronomen wollen das nicht mehr hinnehmen, sie gehen auf die Straße, protestieren - überall in Italien. Manche machen sich auf einen langen Marsch auf, vor mehr als einer Woche sind rund 200 Menschen in Florenz gestartet. Heute wollen sie in Rom ankommen und auf ihre Misere aufmerksam machen.

300 Kilometer Fußmarsch zum Regierungschef

An der berühmten Ponte Vecchio in Florenz sind sie vor neun Tagen gestartet, bepackt mit dicken Rucksäcken. Pasquale Naccari, Sprecher der Gastronomen der Toskana, hat den Protest organisiert, sie könnten einfach nicht mehr zusehen, sagt er. An die 300 Kilometer sind es von Florenz nach Rom, dem Ziel der Marschierenden. Dort wollen sie Regierungschef Giuseppe Conte klarmachen, welch verheerende Folgen seine Corona-Politik für sie hat.

Nach 18 Uhr nur noch Abholservice

Erst der wochenlange landesweite Lockdown im Frühjahr, nun erneut immense Einschränkungen. Überall dürfen Bars und Restaurants lediglich bis 18 Uhr öffnen, danach ist nur noch ein Lieferservice erlaubt. Angesichts der stark steigenden Neuinfektionen hat Italien aber inzwischen die einzelnen Regionen nach Zonen aufgeteilt. In den roten und orangefarbenen Zonen etwa müssen alle Gastronomiebetriebe schließen. Dazu gehören die Toskana und das benachbarte Umbrien.

Das Problem: Die Regierung hat kein Geld

Hier, in der Nähe von Orvieto, liegt das Sternerestaurant von Gianfranco Vissani. Den Meister der italienischen Küche kennen viele aus dem Fernsehen oder über seine Bücher. Auch er hat sich dem Protest angeschlossen. "Das grundlegende Problem ist, dass die italienische Regierung nie Geld hatte, um es den Gastronomen zu geben", sagt Gianfranco Vissani.

Über 34 Milliarden Euro Verluste

Zwar seien inzwischen schon einige staatlichen Hilfen angekommen, aber diese reichten bei weitem nicht aus. Normalerweise macht die Gastronomie im Jahr rund 84 Milliarden Euro Umsatz, so der Verband FIPE. Schon jetzt übersteigen die Verluste jedoch mehr als 34 Milliarden Euro, aber: "die Angestellten klopfen am Monatsende an und wollen ihr Geld, denn sie müssen ihre Familien durchbringen, sie müssen leben können", fasst Gianfranco Vissani zusammen.

Starkoch: Behandelt, als wären wir unwesentlich

In der Küche des Starkochs Vissani standen einst 20 Mitarbeiter. Nun sind es nur wenige, doch immerhin kann das Restaurant für die Gäste im angeschlossenen Hotel weiter offenbleiben. Doch viele Kollegen, so Vissani, müssten jeden Tag für immer schließen. Auf ihrem Protestmarsch nach Rom haben die Gastwirte Politiker und Bürgermeister getroffen und auf ihre dramatische Situation hingewiesen, so Naccari.

"Wir haben diesen Marsch organisiert, weil wir immer wie das letzte Rad vom Wagen behandelt werden, wie Menschen, die unwesentlich sind, die Conte immer als unwesentlich definiert und weil die Hilfen der verschiedenen Dekrete nicht ausreichen, um die Unternehmen zu retten." Pasquale Naccari

Journalist warnt vor Mafia und Kartellen

Der Autor und Journalist Roberto Saviano, der sich viel mit der organisierten Wirtschaftskriminalität befasst, sieht in den wochenlangen Schließungen noch ein weiteres großes Problem. Im Fernsehsender La 7 warnt er:

"Das Land ist gerade dabei, in die Arme des organisierten Verbrechens zu laufen. Wer kauft die Restaurants, die pleite gehen? Die Cafés, die pleite gehen? Die Hotels, die pleite gehen? Wir haben schon sehr viele Beweise. Die Wucherei läuft zur Hochform auf. Wir haben sogar Beweise dafür, dass das organisierte Verbrechen in den Mafiagebieten die Wucherer vermittelt, denn die Mafia macht keine Wuchergeschäfte. Aber sie mischen mit." Roberto Saviano

Nicht nur in Italien, auch in vielen anderen Staaten Europas würden Kartelle ganze Sektoren aufkaufen. Naccari und seine Mitstreiter sind mittlerweile ganz nah an ihr Ziel herangekommen, es sei ein schöner, aber anstrengender Marsch gewesen. Mit vielen anderen wollen die Gastronomen nun friedlich für mehr Hilfe weiterkämpfen.

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