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IS-Prozess in München: Jesidin sagt aus | BR24

© DPA

IS-Prozess in München: Angeklagte Jennifer W. mit Verteidiger Ali Aydin

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    IS-Prozess in München: Jesidin sagt aus

    Jennifer W. soll während ihrer Zeit bei der Terrormiliz IS nicht eingegriffen haben, als ein fünfjähriges Mädchen in Gefangenschaft qualvoll verdurstete. Die Mutter der Getöteten sagt nun vor Gericht aus. Sie könnte die Angeklagte schwer belasten.

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    Sie soll mitangesehen haben, wie ihre fünfjährige Tochter angekettet unter sengender Sonne qualvoll verdurstete. Die 47-jährige Jesidin und ihr Kind sind Opfer der Terrormiliz IS. Aber sind Mutter und Tochter auch Opfer der angeklagten 28-jährigen Jennifer W.? Das will das Oberlandesgericht München herausfinden. Die 47-jährige Jesidin erscheint als Zeugin. Sie lebt inzwischen in Deutschland – fern von den Gräueltaten des IS. Die Terrormiliz hat ihre Familie auseinandergerissen.

    Verteidiger mutmaßlicher IS-Sympathisantin kritisiert Dolmetscherin

    Gehüllt in ein Kopftuch und in ein langes schwarzes Kleid betritt die Zeugin den Gerichtsaal. Sie spricht den kurdisch-irakischen Dialekt Kurmandschi. Die Stimme ist kräftig, sie geht leicht gebückt. Der Richter spricht langsam.

    Rechts und links von der Zeugin sitzen ihre Anwältin und eine Dolmetscherin. Immer wieder ermahnt Verteidiger Ali Aydin die Dolmetscherin. Sie sitze nicht nah genug am Mikro. Sie übersetze nicht wortgetreu und solle sich ab jetzt daran halten.

    Zeugin: Meine Tochter war ein hübsches Kind

    Die Vernehmung soll mehrere Tage dauern. Die 47-Jährige erzählt dem Richter ihre Geschichte – von ihrem Leben im Irak, dass sie schon als Kind viel im Haus helfen musste. Ihr Bruder habe eine kleine Landwirtschaft betrieben. Ihr Vater sei inzwischen gestorben. Der sogenannte Islamische Staat habe ihre Mutter entführt, sie wisse nicht, was aus ihr geworden sei – verschollen oder vielleicht auch tot. Die 47-Jährige selbst berichtet, sie sei Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter.

    Einmal sei die Tochter krank geworden, habe Durchfall gehabt. Die Tochter kam ins Krankenhaus – mit Entzündungen im Bauch. "Sie war ein hübsches Mädchen", sagt die Zeugin. "Sie war meistens sehr ruhig, ab und zu war sie mal laut." Ein lebhaftes Kind sei sie gewesen. Aber erst spät fing sie richtig mit dem Sprechen an. "Erst als wir in IS-Gefangenschaft gekommen sind", sagt die Zeugin. Sie berichtet, dass sie viel geweint hat während dieser Zeit - unsicher, was mit ihr und Familie passieren werde. "Sie haben uns gezwungen zum Islam zu konvertieren. Sie haben uns gesagt, wenn wir nicht konvertieren, dann werden sie uns umbringen", berichtet sie.

    Von ihrem älteren Sohn habe sie der IS getrennt, der Jüngere befinde sich jetzt in Deutschland. Drei Jahre habe er sich in Gefangenschaft des IS befunden.

    Die Zeugin erzählt auch von einem Mann namens Abu Osama, dass er sie gekauft habe und dass sie mit ihm schlafen musste. Dann kam ein anderer Mann - Abu Ibrahim. Der habe sie von Osama losgekauft. Zehn Tage habe sie bei Abu Ibrahim verbracht und dann habe Abu Osama sie wieder zurückgekauft.

    Tochter soll qualvoll verdurstet sein

    Die 47-Jährige könnte die angeklagte 28-jährige Jennifer W. schwer belasten. Gemeinsam mit ihrer Tochter landete die Zeugin nach Angaben der Bundesanwaltschaft im Sommer 2015 auf einem IS-Sklavenmarkt. Die Angeklagte soll gemeinsam mit ihrem Ehemann Mutter und Tochter gekauft haben. Laut Bundesanwaltschaft wollte der Ehemann der Angeklagten das Mädchen bestrafen, nachdem die Fünfjährige ins Bett gemacht hatte. Er ließ sie unter sengender Sonne angekettet qualvoll verdursten. Die 47-jährige Zeugin soll alles mitangesehen haben.

    Die Angeklagte habe nichts zur Rettung des Mädchens unternommen, so die Bundesanwaltschaft.

    Als die Mutter als Zeugin vernommen wird, starrt die Angeklagte Jennifer W. auf Unterlagen, die vor ihr auf einem Tisch liegen. Sie kaut etwas im Mund - mit kleinen Pausen. Gelegentlich greift sie nach dem Kugelschreiber und macht sich Notizen. Seit April muss sie sich vor Gericht verantworten. Sie trägt Brille, einen schwarzen Blazer und ein weißes Hemd. Von September 2014 bis 2016 soll sie sich beim IS aufgehalten haben. Ihr Ehemann wurde inzwischen in Griechenland verhaftet.