BR24 Logo
BR24 Logo
Alles zur Maskenpflicht

Intensivstation statt Uni: Studentin hilft Corona-Patienten | BR24

© BR/Simon Berninger

Medizinstudentin Lucy Hoenen hilft auf der Corona-Intensivstation im Münchner Klinikum rechts der Isar.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Intensivstation statt Uni: Studentin hilft Corona-Patienten

Medizinstudenten sind derzeit aufgerufen, bei der Behandlung von Corona-Patienten zu helfen, um Pflegekräfte in den Kliniken zu entlasten. Am Münchner Klinikum rechts der Isar war die 23-jährige Lucy Hoenen die erste auf der Corona-Intensivstation.

Per Mail sharen

Nur für einen kurzen Augenblick zieht Lucy Hoenen ihren Mund- und Nasenschutz ab, und auch das nur vor der Station R3a im Münchner Klinikum rechts der Isar. Es ist eigentlich verboten, denn im gesamten Klinikum müssen Mund und Nase derzeit bedeckt sein.

Für ein schnelles Foto macht Lucy Hoenen aber eine Ausnahme. Nun sieht man, wie schweißtreibend ihre Arbeit auf der Station R3a ist. In dem Gebäudetrakt des Münchner Uni-Klinikums muss die 23-Jährige sogar eine der enger sitzenden FFP2-Masken tragen, nicht nur eine luftigere, blaue OP-Maske. Denn auf Station R3a muss sich das Personal besonders vor dem Coronavirus schützen: Hier liegen Patienten, die sich mit SARS-CoV-2 angesteckt haben.

Aktuelle Entwicklungen zum Coronavirus in Oberbayern finden Sie hier.

Mehr als 100 Studierende helfen am Klinikum

Lucy Hoenen trat am 21. März zum ersten Mal ihren Dienst an: "Wir haben eine Rundmail bekommen von unserem Lehrstuhl, der uns aufgefordert hat, mitzuhelfen in dieser Krise", erzählt Lucy Hoenen. Als sie die Mail erreichte, saß sie gerade an ihrer Doktorarbeit - und hat prompt zugesagt. "Es ist ja doch auch eine einmalige Situation, dass Medizinstudenten gebeten werden, ihre Bücher liegen zu lassen und im Krankenhaus auszuhelfen. Dann ist das fast schon eine Selbstverständlichkeit."

Allein am Münchner Klinikum rechts der Isar unterstützen inzwischen mehr als 100 Medizinstudierende die Pflegekräfte quer durch die Stationen, sagt Ulrike Großmann. Die Pflegedirektorin des Klinikums freut sich über den regen Zulauf an angehenden Medizinern: "Ohne die Studenten hätten die Pflegekräfte wirklich mehr zu tun."

Komplette Intensivstation für Corona-Patienten geräumt

Lucy Hoenens Einsatzort, die Station R3a, ist eine Intensivstation. Schon 2016 wurde hier der Betrieb aufgenommen, um "besonders schwer erkrankte Intensivpatienten" zu behandeln, heißt es im Stations-Portfolio. Mitte März wurde die Station für Corona-Patienten freigemacht, kurz darauf waren die 14 Intensivplätze mit SARS-CoV-2-Infizierten schon belegt. "Wer hier herkommt, ist lebensbedrohlich betroffen von Corona", erklärt Lucy Hoenen.

Sprich: letzte Hoffnung Intensivbetreuung. "Das heißt, es wird ein Plastikschlauch, ein Tubus eingeführt, um von außen Sauerstoff in die Lungen reinzupressen", sagt Lucy Hoenen. In all den Fällen hat die Infektion mit dem Coronavirus in erheblichem Ausmaß zu der typischen Flüssigkeitseinlagerung in den Lungenwänden geführt. "Der Sauerstoff kommt nicht mehr ins Blut. Und dafür braucht man irgendwann eben diese invasive Beatmung. Dafür sedieren wir den Patienten, das heißt, wir legen ihn schlafend, bis die Gesamtinfektion besser wird", erklärt die 23-Jährige.

"Man hört, dass sich ein Mensch wahnsinnig quält"

Bei der Einleitung einer invasiven Beatmung hat Lucy Hoenen auch ihre bislang schlimmste Erfahrung auf Station R3a gemacht: "Ein Patient wurde hierhin verlegt und ich habe noch mitbekommen, wie der Patient nicht genug Luft bekommt. Das finde ich persönlich sehr belastend: Man hört, dass sich ein Mensch wahnsinnig quält; dass da jetzt nichts anderes eine Rolle spielt außer endlich wieder genug Luft zu bekommen."

Immer, wenn sie nun hinter die dicke Glastür von Station R3a ihren Dienst beginnt, muss sie damit rechnen, eine ähnliche Erfahrung wieder zu machen. Auf ihre weiße FFP2-Maske hat sie auch an diesem Tag mit rotem Filzstift ihren Namen geschrieben, damit sie kein anderer nimmt. "In Zeiten von Ressourcenknappheit tragen wir die Masken leider bis zum absoluten Maximum, das heißt, wir haben leider nur eine am Tag."

FFP2-Masken - auch auf Station R3a ein rares Gut

In ihrer 8-Stunden-Schicht kann Lucy Hoenen ihre Maske also nicht wechseln. Dabei steigt die Luftfeuchtigkeit darin im Laufe der Arbeit, sodass die Membran irgendwann nicht mehr so gut funktioniert - und das im "kontaminierten Bereich", als solcher der lange Klinikflur der Corona-Station R3a gilt. "Wenn man selbst darauf angewiesen ist, diese Maske bis an das absolute Maximum der Tragezeit zu tragen und gleichzeitig Privatpersonen eine Notwendigkeit sehen, diese Masken zu besitzen - für mich hart zu ertragen", sagt Lucy Hoenen. Selbst am Klinikum rechts der Isar müssten die Masken eingesperrt werden, weil sie sonst geklaut würden.

Noch mehr Schutzkleidung ist nötig, wenn die Pfleger direkt an die Patienten herantreten. "Wir versuchen, so lange wie möglich physische Barrieren zwischen dem Patienten und uns selbst zu bringen, um hier noch so frei wie möglich arbeiten zu können", erklärt Lucy Hoenen vor einem nochmals isolierten Patientenzimmer. Der Klinikflur hinter der dicken Glastür zu Station R3a, wo "nur" FFP2-Masken-Schutz nötig ist, sei daher eine Art Dauerschleuse. Dort herrscht quasi Alarmstufe orange, im Patientenzimmer dagegen Alarmstufe rot.

© BR/Simon Berninger

Das Fenster links im Klinikflur von Station R3a gehört zum Patientenzimmer eines invasiv behandelten Corona-Infizierten.

Im Patientenzimmer macht Lucy Hoenen nun eine Blutgasprobe - eigentlich ein Routineeingriff, den sonst die festangestellten Pflegekräfte übernehmen. Zum Beispiel Anna Johler, Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin. "Mal schnell eine Blutgasanalyse machen, also gucken, ob die Beatmung stimmt - das mache ich normalerweise selber. Das ist eine Sache von vier Minuten. Aber durch diese Schutzmaßnahmen mit einschleusen und ausschleusen, wäre ich eine Viertelstunde beschäftigt. So kann ich das einfach rausgeben und die studentische Hilfskraft erledigt das für mich."

"Kein schlechter Horrorfilm - Es ist tatsächlich ernst"

Studenten wie Lucy Hoenen helfen aber auch bei Medikamentengaben, wobei den Pflegekräften zugute kommt, dass sich die zusätzlichen Helfer durch ihr Studium medizinisch gut auskennen. "Und so etwas brauchen wir", sagt Anna Johler. Andernfalls sähe es auf Station R3a düster aus, sagt sie: "Vielleicht könnten wir das mal über eine Woche stemmen, aber das ist unmöglich. Es ist kein schlechter Horrorfilm. Sondern es ist tatsächlich ernst."

Deshalb bereitet das Klinikum rechts der Isar derzeit auch weitere Intensivplätze für Corona-Patienten vor. Vielleicht wird auf Station R3a durch den Patienten, bei dem Lucy Hoenen an diesem Tag eine Blutgasprobe gemacht hat, aber auch bald wieder ein Platz frei. Die Ergebnisse seien nämlich "erfreulich", sagt Lucy Hoenen, als sie mit Notizen zurück ins Stationszimmer der Pflegekräfte geht.

Bis 22 Uhr geht heute noch ihr Dienst. Sie rechnet aber damit, dass sie vorerst mal auf Station R3a bleibt - Studium und Doktorarbeit hin oder her. "Weil Papier geduldig ist", sagt sie, "schwerkranke Patienten sind es nicht."

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!