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Prof. Dr. Thomas Wurmb vom Uniklinikum Würzburg im Interview mit BR24-Moderatorin Christina Metallinos zur Situation auf den Intensivstationen.

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Intensivmediziner: "Große Sorge" wegen Corona-Lage

In Bayern liegen derzeit mehr als 600 Corona-Patienten auf Intensivstationen. Intensivmediziner Wurmb von der Uniklinik Würzburg sieht die Entwicklung mit "großer Sorge". Er betont aber auch, dass es keine Triage-Situation gebe.

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Mirjam LengenfelderMirjam Lengenfelder
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Die vierte Corona-Welle ist da und mit ihr erreichen die Infektionszahlen vor allem in Bayern neue Höchstwerte. Auf den Intensivstationen in den Krankenhäusern des Freistaats wurden am Montag mehr als 600 Menschen wegen einer Covid-19-Erkrankung behandelt - die allermeisten sind ungeimpft, sagt Prof. Thomas Wurmb, Leiter der Sektion Notfall- und Katastrophenmedizin am Uniklinikum Würzburg.

Keine "Triage-Situation"

Die Lage auf den Intensivstationen sei schon länger angespannt - unabhängig von Corona. Doch nun würden immer mehr Covid-19-Patienten eingeliefert, so Wurmb. Seit ca. drei Wochen gebe es im Süden Bayerns einen sprunghaften Anstieg. In einigen Regionen sei es bereits zu vorübergehenden Engpässen gekommen.

Eine "Triage-Situation" gebe es aber nicht, betonte der Intensivmediziner. In Deutschland gebe es Strukturen, die das verhinderten. So würden bereits jetzt Patienten aus dem Süden Bayerns in den Norden verlegt. Möglich sei auch eine Verlegung innerhalb Deutschlands.

Die Lage auf den Intensivstationen sei noch unter Kontrolle, so Wurmb. Trotzdem beobachte er die aktuelle Entwicklung mit "großer Sorge", man sei sehr "angespannt". Wichtig sei, dass sie Politik den Ernst der Lage erkannt habe und nun weitere Maßnahmen ergreife, die transparent und nachvollziehbar seien. Werkzeuge im Kampf gegen Corona seien Abstand halten, Maske tragen - und am Wichtigsten: sich impfen lassen.

Patienten verlegt, Operationen verschoben

Der Geschäftsführer der München Klinik, Axel Fischer, betonte im Interview mit Reuters: "Die Bevölkerung bemerkt gar nicht, was bei uns in den Kliniken los ist." Es müsse jetzt die letzte Corona-Welle sein, man könne keine fünfte und keine sechste im nächsten Winter mehr bewältigen. "Ich habe dann irgendwann dann kein Personal mehr."

Auch Fischer betonte, dass derzeit Patienten wegen der Corona-Lage verlegt werden müssten und Operationen verschoben. "Das heißt, wir machen schon Dinge, die wir eigentlich nicht machen sollten, das ist aber noch lange keine Triage."

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Die vierte Welle ist mit voller Wucht da. Vielerorts müssen Operationen verschoben werden. So etwa in der München Klinik. Dinge, "die wir eigentlich nicht machen sollten", sagt der Geschäftsführer Axel Fischer.

Wird der Katastrophenfall erneut ausgerufen?

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) betonte heute nach der Kabinettssitzung, noch funktioniere die Verlegung der Patienten zwischen den Krankenhäusern gut. Er fügte aber hinzu: "Sollte es aber in den nächsten Tagen schwieriger werden, werden wir im Laufe der Woche möglicherweise den Katastrophenfall ausrufen." Dann könnten Kliniken und Behörden wieder zentraler koordiniert werden. "Jetzt ist sehr viel kooperatives Management gefragt, dann wären es hierarchische Entscheidungen", so Söder.

Inzidenzen teils über 800

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Bayern steigt weiter. Am Dienstag lagen dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge vier Landkreise über einer Sieben-Tage-Inzidenz von 800 - ein bisher unerreichtes Niveau. Bundesweiter Spitzenreiter war der Landkreis Miesbach mit einer Inzidenz von 868,4. Bayernweit liegt die Sieben-Tage-Inzidenz demnach bei 348.

Bayerns Intensivstationen laut Divi voller als andernorts

In Bundesländern wie Bayern, Thüringen und Sachsen mit einer geringeren Impfquote sind laut dem Präsidenten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, deutlich mehr Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen als andernorts. "Je mehr Corona-Patienten intensivmedizinisch behandelt werden müssen, desto weniger Kapazitäten haben wir für alle anderen Patienten, die schwer oder sogar lebensbedrohlich erkrankt sind", sagte er der Düsseldorfer "Rheinischen Post". Schon jetzt müssten wieder Operationen verschoben werden, weil ähnlich viele Covid-19-Patienten auf den Stationen seien wie im vergangenen Jahr.

Auch die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Claudia Schmidtke, zeigte sich angesichts der zunehmenden Auslastung der Intensivstationen besorgt. Sie rechnet laut den Zeitungen der Funke Mediengruppe damit, dass Corona-Erkrankte bald wieder notverlegt werden müssen. Die Lage in den Kliniken sei "insbesondere im Osten und im Süden des Landes mittlerweile äußerst kritisch". Inzwischen würden Patienten innerhalb des eigenen Bundeslandes verlegt. Auch eine länderübergreifende Verteilung und Versorgung der Covid-Patienten sei "nur noch eine Frage der Zeit".

Grafik: Anzahl der Corona-Patienten auf bayerischen Intensivstationen

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