BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Insektenschutzgesetz: Härtere Auflagen für Landwirtschaft | BR24

© BR/Johannes Hofmann

Von "Enteignung" und "Übergriffen" ist die Rede - in ganz Deutschland protestieren Bauern gegen das Insektenschutzgesetz, das heute auf der Tagesordnung des Bundeskabinetts steht. Steht die Landwirtschaft zu Unrecht im Mittelpunkt der Debatte?

189
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Insektenschutzgesetz: Härtere Auflagen für Landwirtschaft

Das umstrittene Gesetzespaket zum Insektenschutz ist beschlossen. In ganz Deutschland hatten Bauern dagegen protestiert, von "Enteignung" und "Übergriffen" ist die Rede. Steht die Landwirtschaft zu Unrecht im Mittelpunkt der Debatte?

189
Per Mail sharen
Von
  • Johannes Hofmann
  • BR24 Redaktion

Nach monatelangem Ringen hat das Bundeskabinett das Gesetzespaket zum Insektenschutz beschlossen. Wie Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mitteilten, sind sowohl die Neufassung des Bundesnaturschutzgesetzes (gemeinhin bekannt als Insektenschutzgesetz) als auch die Änderung der sogenannten Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung auf den Weg gebracht worden.

Das Insektenschutzgesetz muss nun noch durch den Bundestag und den Bundesrat. Die Zeit drängt, damit es vor dem Ende der Legislatur noch umgesetzt werden kann.

Landwirte protestierten

Manche Landwirte waren wegen des geplanten Insektenschutzgesetzes im Traktor-Korso hupend nach Berlin gefahren, um ihrem Ärger Luft zu machen. Andere hielten lieber eine Mahnwache.

Michael Muhr, 3. Vorstand des Vereins "Landwirtschaft verbindet Bayern", hat den Protest vor der Bayerischen Staatskanzlei in München organisiert. Sein Ziel: keine weiteren Einschränkungen für Landwirte. "Dieses Programm rettet kein einziges Insekt, da bin ich mir relativ sicher. Das schützt nur Ideologien und Wählerstimmen."

Schutz für Insekten wird ausgeweitet

Bereits im September 2019 hatte Bundesumweltministerin Svenja Schulze das "Aktionsprogramm Insektenschutz" ins Bundeskabinett eingebracht: Wie im Koalitionsvertrag vereinbart und zusammen mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium sollten Änderungen im Bundesnaturschutzgesetz sowie der Pflanzenschutzanwendungsverordnung vorgenommen werden.

Dadurch sollen unter anderem an den Rändern von Gewässern Randstreifen von mindestens fünf Metern gelten, auf denen keine Pestizide mehr versprüht werden dürfen. Glyphosat soll nur noch in Ausnahmefällen erlaubt sein, bis es Ende 2023 komplett verboten wird. Außerdem sollen der Biotopschutz auf Streuobstwiesen und artenreiches Grünland erweitert werden. Auch die Lichtverschmutzung als Gefahr für nachtaktive Insekten soll künftig eingedämmt werden.

Landwirte wollen nicht die Sündenböcke sein

Landwirt Michael Muhr ist der Meinung, mit dem "Aktionsprogramm Insektenschutz" habe man den schwarzen Peter der Landwirtschaft zugeschoben. Es sei immer einfach, pauschal auf die Landwirtschaft zu schimpfen. Dabei gebe es auch andere Ursachen, wie Verkehr, Mobilfunk und Lichtverschmutzung. Zudem fragt sich Muhr, wie schlecht es um die Insekten tatsächlich steht.

Wer ist verantwortlich für Insektensterben?

Die Antwort aus der Wissenschaft ist eindeutig: Den Insekten geht es schlecht — und damit auch dem Ökosystem. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina forderte vor kurzem eine radikale Ökowende. Egal ob Vögel, Insekten oder Pflanzen — fast überall zeigen die Bestandskurven nach unten. Auch eine aktuelle Ausgabe des Fachjournals PNAS bestätigt frühere Erkenntnisse.

Es gibt viele schädliche Faktoren, wie etwa den Klimawandel. In manchen Gegenden wird es Insekten zu heiß oder die Nahrung fehlt. Und auch die Lichtverschmutzung tötet Insekten.

"Der wichtigste Faktor, mit großem, großem Abstand, ist die Landwirtschaft", sagt der Biologe Norbert Schäffer vom Landesbund für Vogelschutz. "Und wenn Sie sich anschauen, dass fast die Hälfte der Fläche Bayern als landwirtschaftliche Fläche bewirtschaftet wird. Das heißt automatisch: Zumindest für diese Hälfte sind die Landwirte natürlich verantwortlich."

Wissenschaftler haben Hoffnung

Auch für den Direktor des Senckenberg Deutschen Entomologischen Instituts, Prof. Thomas Schmitt, gibt es daran keine Zweifel. In einer Studie in der Nähe von Regensburg habe er die Bestände von Tagfaltern und Widderchen untersucht. Das Ergebnis: In den letzten 170 Jahren sind etwa ein Drittel der Arten verloren gegangen.

Für beide Wissenschaftler gibt es nur eine Lösung: Mehr Rückzugsorte für Insekten, mehr Biotope und ein Umdenken bei Schädlingsbekämpfungsmitteln. Das neue Gesetz, durch das deutschlandweit Gewässerrandstreifen besser geschützt würden, wäre ein Fortschritt, sagte Norbert Schäffer im Vorfeld. "Ohne die Gewässerrandstreifen werden Gewässer belastet, da werden auch Chemikalien eingeschwemmt. Diese Streifen entlang von Gewässern können das Rückgrat sein für einen Biotopverbund, da können sich Insekten zurückziehen und von dort auch andere Lebensräume erschließen."

Landwirte müssen entschädigt werden

Inhaltlich sind sich der Wissenschaftler Norbert Schäffer und der Landwirt Michael Muhr nur über eines einig: Wenn durch das neue Gesetz Flächen wegfallen — dann müssen Landwirtinnen und Landwirte dafür Geld bekommen.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!