Bildrechte: dpa-Bildfunk/Chris Humphrey

Insekten als Lebensmittel

  • Artikel mit Audio-Inhalten

Insekten in Lebensmitteln: Ein gefundenes Fressen für EU-Gegner

Die Nachricht und ihre Folgen: EU erlaubt Hausgrillen in Lebensmitteln. Und schon geht’s los: Youtuber prophezeien Ekel im Essen. Twitter-User vermuten eine Insekten-Verschwörung der EU. Hubert Aiwanger glaubt an einen Veganer-Trick.

Neben Mehlwürmern und Heuschrecken dürfen seit 24. Januar auch Grillen und Getreideschimmelkäfer zu und in Lebensmitteln verarbeitet werden. Das hat die EU mit einer Erweiterung der Lebensmittelverordnung festgelegt. Die Verordnung wird zum gefundenen Fressen für Verschwörer und EU-Gegner. Eine Liste der (unterhaltsamsten) Falschbehauptungen:

Falschbehauptung 1: Die EU mischt uns heimlich Insekten ins Essen

Ein User schreibt auf Twitter: "Ekelhaft! Ab dem 24. Januar werden wir - ohne es zu ahnen - mit Insekten gefüttert. Danke EU!" Ein anderer ist sich sicher: "Die Menschen werden nun Insekten essen, OHNE es zu wissen!" Ein User fürchtet um die Qualität seines Fertig-Instant-Kuchenteiges: "Die EU mischt heimlich Insektenpulver in den Kuchenteig!" Und die Bildzeitung kommentiert selbstbewusst: "Eklig, aber wahr: Das neue MADE in Germany krabbelt."

Richtig ist: Die Europäische Kommission hat ein drittes Insekt, das Heimchen, auch bekannt als Hausgrille, als neuartiges Lebensmittel in der EU genehmigt. Es wird als Ganzes, entweder gefroren oder getrocknet, sowie als Pulver erhältlich sein. Mehlwürmer und Heuschrecken waren bereits auf dem Markt, seit 24.01. darf auch der Getreideschimmelkäfer in Lebensmitteln verarbeitet werden. Allerdings: Krabbeln oder kriechen wird kein Insekt mehr im Essen, genauso wenig, wie das fränkische Schäufele auf dem Teller noch grunzt.

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Visarut Sankham

Am 24.01.23 tritt ein EU-Gesetz in Kraft, wonach Hausgrillen gefroren, getrocknet oder als Pulver in Lebensmitteln verwendet werden dürfen.

Und von "heimlich unterjubeln" kann auch keine Rede sein. Denn nach der EU-Verordnung muss klar gekennzeichnet sein, dass ein Lebensmittel ein Insekt enthält (mit lateinischen und deutschen Namen) und auch in welcher Form (also zum Beispiel als Pulver). Wörtlich steht in der Verordnung: "Die Bezeichnung des neuartigen Lebensmittels, die in der Kennzeichnung des jeweiligen Lebensmittels anzugeben ist, lautet 'Teilweise entfettetes Pulver aus Acheta domesticus (Hausgrille)'."

💡 Auch für Restaurants gelte bereits seit 2014 die Lebensmittelinformationsverordnung, teilte die EU-Kommission auf Nachfrage von BR24 mit. Diese besage, dass Restaurants über die wichtigsten Allergene in Lebensmitteln informieren müssen. Weiter schreibt die EU-Kommission, dass zu den häufigsten Allergenen auch Krebstiere und daraus gewonnene Erzeugnisse sowie Weichtiere zählten. "Darunter fallen wiederum die Insekten. Also ja, auch in Restaurants muss entsprechend informiert werden!"

Beim Bundeslandwirtschaftsministerium von Cem Özdemir erklärt uns eine Sprecherin: "Werden von den Verbraucherinnen und Verbrauchern unerwartete Zutaten wie etwa Mehl aus Insekten in bekannten Speisen eingesetzt, ist davon auszugehen, dass diese in schriftlichen Informationen wie der Speisekarte aufgeführt werden, da die Angaben ansonsten irreführend und damit unzulässig sein dürften." Zur Einordnung: Insekten werden nicht massenhaft in Lebensmittel verarbeitet werden. Denn sie sind teuer. Speiseinsekten sind in Deutschland ein Nischenprodukt, deshalb könnten Gewinne nicht über die Masse erwirtschaftet werden, sind sich Experten einig. Deshalb gibt es aktuell in Deutschland kaum Lebensmittel mit Insekten zu kaufen - und wenn, dann sind diese Produkte oftmals eben sehr teuer.

Diese Passage haben wir aufgrund eines Kommentars unseres Nutzers "ThoJoDe" im Rahmen des BR24 Projekts "Dein Argument" ergänzt. 💡

Falschbehauptung 2: Insekten sind ungesund

Insekten sind alles andere als ungesund. Sie sind reich an Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, Spurenelementen und Mineralstoffen wie Magnesium und Phosphor. Einige Heuschrecken enthalten zum Beispiel mehr als doppelt so viel Eiweiß wie Rinder- oder Hühnerfleisch. Als Proteinlieferanten übertreffen Insekten sogar Nüsse, Hülsenfrüchte und Getreide. Und sie punkten mit einer weit umweltfreundlicheren Produktion als Fleisch herkömmlicher Nutztiere: Insekten brauchen weniger Platz und verursachen weniger Treibhausgas-Emissionen.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat in verschiedenen Studien festgestellt, dass Insekten sehr nahrhaft und gesund sind. Demnach sieht die FAO Insekten auch als alternative Proteinquelle, die den Übergang zu einem nachhaltigeren Lebensmittelsystem erleichtern könnte.

Bei Speise-Insekten wie Hausgrillen muss aber darauf hingewiesen werden, dass diese Zutat bei Menschen, die bekanntermaßen gegen Krebstiere und Erzeugnissen daraus sowie gegen Hausstaubmilben allergisch sind, allergische Reaktionen auslösen kann.

Die EU-Kommission schreibt: "Entsprechende Allergiehinweise sind auch Pflicht." Und weiter: "Vor der Zulassung durchläuft jeder Antrag eine strenge wissenschaftliche Prüfung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA. Auch die EU-Staaten müssen grünes Licht geben."

Falschbehauptung 3: Abschaffung der Tierhaltung steht bevor

Auf Youtube behauptet ein User: Speise-Insekten würden die Fleischproduktion ersetzen.

Richtig ist: Insekten werden in vielen Teilen der Welt regelmäßig gegessen, sie sind eine alternative Proteinquelle. Und das schon ziemlich lange. Und dennoch findet Tierhaltung statt. Außerdem sind Insekten ein Nischenprodukt in der Lebensmittelwirtschaft. Es ist eher so, dass Insekten in Lebensmitteln sogar ausdrücklich beworben werden, seien es Insekten-Riegel oder der Insekten-Burger.

Übrigens können Insekten sogar sehr hilfreich sein in der Tierhaltung. Denn immer häufiger setzen auch Tierhalter Insektenpulver als Tierfutterzusatz ein – wegen des hohen Proteingehalts.

Falschbehauptung 4: Veganer essen Insekten

Nimmt eine Diskussion an Fahrt auf - so unsinnig sie auch ist - darf auch der ein oder andere Politiker nicht fehlen. Ring frei für den bayerischen Wirtschaftsminister Huber Aiwanger von den Freien Wählern! Er schaltet sich auf Twitter in die Diskussion ein: "Früher wurde ein Lebensmittelbetrieb bei Mehlwürmern und Schaben geschlossen, heute soll es 'in' sein, damit Veganer ihr tierisches Eiweiß bekommen."

Doch hier liegt mindestens ein Missverständnis vor. Schließlich essen Veganer keine tierischen Produkte. Und Insekten sind Tiere. Und die essen Veganer nicht. Weiß das der Minister nicht?

Der stellvertretende Ministerpräsident legt sogar noch nach: "Eventuell müssen die Insekten im Essen gar nicht deklariert werden und Sie essen sie ohne es zu wissen. Vielleicht wird das ja aus "Fürsorge" gemacht, damit jeder genügend tierisches Eiweiß bekommt", antwortet Aiwanger einer Nutzerin, die ihm das mit den Veganern und den Tieren erklärt. Inzwischen hat sich die Europäische Kommission selbst eingeschaltet und Aiwanger auf Twitter geantwortet: "Nicht nur eventuell, sondern ganz definitiv müssen Insekten als Zutat gekennzeichnet sein. Die z. B. als "Acheta domesticus (Hausgrille, Heimchen). Und ja, Insekten sind und gelten als Produkte tierischen Ursprungs."

Aus dem Wirtschaftsministerium erklärt uns ein Sprecher Aiwangers Tweet so: "Man muss sich fragen, warum tierisches Eiweiß von Insekten in Lebensmitteln enthalten sein dürfen, die als Fleischersatzprodukte in den Markt gebracht werden. Eine besondere Kennzeichnung von Insekten-Lebensmitteln oder ein Hinweis im Produktnamen ist jedoch nicht erforderlich. Ob ein Produkt Insektenbestandteile enthält, ist bestenfalls lediglich dem Zutatenverzeichnis im Kleingedruckten zu entnehmen." Und weiter: "Das Fehlen einer deutlichen Kennzeichnung birgt die Gefahr, dass Verbraucher beim Kauf insektenbasierter Fleischersatzprodukte wie Burger-Patties irrtümlich annehmen, es handele sich um vegetarische oder gar vegane Lebensmittel."

Fazit: "Bitte tief durchatmen"

Als Fazit twittert die EU-Kommission: "Bitte tief durchatmen – und: wir wünschen guten Appetit beim Verzehr Eurer Snacks – ob mit oder ohne Grille oder Wurm!" So oder so: Der Deutungskampf um Krabbelviecher im Essen zeigt, dass das Thema Ernährung wohl ein sehr großes Wahlkampfthema in Bayern werden dürfte.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!