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Innenministerium erinnert an NS-Krankenmorde | BR24

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Unter den Nationalsozialisten war das bayerische Innenministerium für Gesundheitspolitik zuständig. Es ließ psychisch Kranke und Menschen mit Behinderung in Tötungsanstalten deportieren.

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Innenministerium erinnert an NS-Krankenmorde

Während des Nationalsozialismus koordinierte in Bayern das Innenministerium die Deportation von kranken und behinderten Menschen. Inzwischen arbeitet die Behörde ihre NS-Vergangenheit auf. Nun wurde in München der Opfer gedacht.

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Die Rampe am Rande des Klinikgeländes in Haar ist heute überwuchert, aber noch deutlich zu erkennen: Über sie wurden am 18. Januar 1940 25 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar in einen Zug geführt. Das Ziel: die Vernichtungsanstalt Grafeneck. Die Anordnung für den ersten Vernichtungstransport kam aus dem bayerischen Innenministerium.

Dort saß der leitende Beamte Walter Schultze, SS-Gruppenführer und ein eifriger Vertreter der nationalsozialistischen Rassenhygiene, also der Selektion von "lebensunwerten Leben". Unter seiner Aufsicht wurden circa 8.000 Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalten in Bayern in Tötungsanstalten verlegt und dort vergast. 1941 stoppte Berlin die "Aktion T4", nachdem sich im Umfeld der katholischen Kirche Protest formierte.

Tausende Menschen verhungerten unter ärztlicher Aufsicht

Doch die Krankenmorde gingen weiter: Wie Prof. Michael von Cranach von der Gedenkinitiative für die Euthanasie-Opfer ausführte, verlegt Walter Schultze die Tötungen in die Heilanstalten selbst. Er ordnete mit einem "Hungererlass" die Ermordung von circa 14.000 Patientinnen und Patienten in Bayern an, die nun systematisch durch Kalorienentzug unter ärztlicher Aufsicht totgehungert wurden.

Diese Tötungs-Methode aus der Schreibstube des bayerischen Innenministeriums war Vorbild für Patientenmorde in anderen Heilanstalten im damaligen Deutschen Reich. Außerdem war er verantwortlich für die Einrichtung der sogenannten "Kinderfachabteilungen" in den Anstalten Kaufbeuren, Haar und Ansbach, in denen Ärzte und Pfleger mindestens 700 Kinder mit Luminal-Gaben ermordeten.

Angehörige wurden über Todesursachen belogen

Die Angehörigen der Ermordeten wurden gezielt über die Todesursachen getäuscht. Auch wer nach Ende des Kriegs in den Heil- und Pflegeanstalten nachfragte, wurde meist abgewiesen. Das Thema der Krankenmorde war jahrzehntelang unter Medizinern, in vielen Familien und gesellschaftlich ein Tabu.

Unterdessen wurde Walter Schultze als der Hauptorganisator der NS-Krankenmorde in Bayern nach dem Krieg zu lediglich drei Jahren Haft verurteilt. Als strafmildernd sahen die Richter an, dass er ausschließlich Anordnungen des Reichsinnenministeriums vollzogen habe, und: "Seine bisherige einwandfreie Vergangenheit und seine offene, ehrliche und männliche Verteidigung vor Gericht". Da Schultze das Urteil anfocht und es im Revisionsprozess zu keinem rechtskräftigen Urteil kam, musste er die Haftstrafe nie antreten. Er verstarb 1979 in Krailling bei München. (Quelle: Michael von Cranach, NS-Dokumentationszentrum München)

Gedenkstunde im Innenministerium

"Dies alles macht heute fassungslos", sagte Innenminister Hermann bei der Gedenkstunde im Innenministerium. Die Angehörigen hätten ein Recht auf Wahrheit. Das Innenministerium veranstaltet das erste Mal erstmals eine Gedenkstunde im Ministerium zu diesem Thema, und stellte sich damit der Verantwortung der Ministeriumsverwaltung bei der Vernichtung von "lebensunwertem Leben" in der NS-Zeit. "Wir müssen darüber reden, weil sie eine Mahnung für die Zukunft sind", sagte Joachim Herrmann.

Reden über die Verbrechen war über Jahrzehnte tabu

Angehörige berichteten, wie belastend die jahrzehntelange Tabuisierung dieser Verbrechen für die Familien war. Gemeinsam mit Innenminister Joachim Herrmann gedachten sie der Toten, indem die Namen der Patienten des ersten Transports verlesen werden. Prof. Michael von Cranach dankte im Namen der Angehörigen, dass diese Gedenkstunde im Innenministerium stattfinden konnte: "Unsere Gedenkinitiative ist extrem froh, weil das zeigt, dass das Verständnis und die Auseinandersetzung mit der Thematik allmählich die gesamte Gesellschaft erreicht."

Ausstellung "Gedenken an die Opfer des NS-"Euthanasie"-Programms

Anlässlich des 80. Jahrestags des ersten Transports aus Haar zeigt das Ministerium vom 20. bis 24.01.2020 eine Ausstellung im Gedenken an die Opfer des NS-"Euthanasie"-Programms. Sie ist im Odeon des Innenministeriums zu sehen. Die Ausstellung ist von jeweils 11 Uhr bis 14 Uhr für den Publikumsverkehr geöffnet.

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Die Rampe in Haar für die Deportation

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Mahnmal in Haar

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Tötungsanstalt Grafeneck

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Das Schicksal von Ernst Lossa, der von den Nazis ermordet wurde, in der Ausstellung.

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Patientenakten in der Psychiatrie

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Deportation aus Bruckberg in Mittelfranken

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Deportation in der Anstalt Bruckberg in Mittelfranken. Die todgeweihten Psychiatriepatienten steigen ein.

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Deportation in Bruckberg in Mittelfranken. Kranke wurden mit den Bussen abtransportiert.

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"T4-Befehl" der die Deportation und Tötung angeordnet hat.

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Villa Tiergartenstraße 4 in Berlin

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Historisches Bild von Walter Schultze

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