Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

Zehn Jahre Inklusion - eine Bilanz | BR24

© BR

Die UN-Behindertenrechtskonvention wurde am 26. März 2009 auch in Deutschland umgesetzt. Menschen mit Behinderung haben seither politische, gesellschaftliche und kulturelle Teilhaberechte. Wie wird die Inklusion in Bayern aber gelebt?

4
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Zehn Jahre Inklusion - eine Bilanz

Die UN-Behindertenrechtskonvention wurde am 26. März 2009 auch in Deutschland umgesetzt. Menschen mit Behinderung haben seither politische, gesellschaftliche und kulturelle Teilhaberechte. Wie wird die Inklusion in Bayern aber gelebt?

4
Per Mail sharen
Teilen

Auf den ersten Blick sehen die offiziellen Zahlen des Bayerischen Kultusministeriums gar nicht so schlecht aus: In zehn Jahren ist die Zahl der Kinder mit Behinderung, die an bayerischen Regelschulen unterrichtet werden, von 17 Prozent (2008) auf 68 Prozent (2018) gestiegen. Das klingt nach einem Erfolg. Allerdings wird der Begriff Inklusion in Bayern weit gefasst. Auch sogenannte Kooperations-, Partner- oder Offene Klassen fallen darunter, in denen Kinder mit und ohne Behinderung nur in einzelnen Fächern wie z.B. Sport gemeinsam unterrichtet werden. In Kernfächern wie Mathematik oder Deutsch lernen sie hingegen weiterhin getrennt.

Bayern setzt auf die Förderschulen

Ein knappes Drittel aller bayerischen Kinder mit Behinderung, 31 Prozent, besucht weiterhin die Förderschule (früher: Sonderschule).

Die Meinungen gehen auseinander über dieses Modell. Entschiedene Inklusions-Befürworter und Befürworterinnen setzen sich dafür ein, auf Förderschulen ganz zu verzichten. Sie würden statt dessen lieber die Regelschulen besser ausstatten, so Regina Kastner, Vorsitzende der "Landesarbeitsgemeinschaft Bayern Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen":

"Ich bin der Meinung, dass grundsätzlich alle Kinder eine gemeinsame Schule besuchen sollten, das gehört zur sozialen Teilhabe dazu. Natürlich brauchen Kinder mit Behinderung mehr Förderung. Aber wir wollen die Erfahrungen aus den Förderschulen in die Regelschulen bringen. Davon profitieren alle." Regina Kastner, Vorsitzende der "Landesarbeitsgemeinschaft Bayern Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen"

Auf der anderen Seite gibt es in Bayern aber auch Betroffene, Eltern und Pädagogen, die an dem bayerischen Modell mit einer starken Förderschule festhalten, da in der derzeitigen Regelschule der Personalschlüssel, aber auch die Kompetenz der Lehrer nicht ausreichen würden, um Kindern mit schweren Behinderungen wirklich gerecht zu werden. Der blinde Sozialpädagoge und Teilhabeberater Volker Tesar aus Würzburg will keine Inklusion um jeden Preis:

"Wir können nicht alle Sonderschulen abschaffen, weil es bei besonders schwerwiegenden Behinderungen - das sehe ich in der Praxis - nötig ist, einen viel intensiveren Schlüssel für die Betreuung von Schülerinnen und Schülern zu haben." Sozialpädagoge Volker Tesar

Auf dem Arbeitsmarkt stagniert die Inklusion

Noch schlechter fällt die Bilanz für die Inklusion im Arbeitsleben aus. Die Zahl der Beschäftigten mit Behinderung im Ersten Arbeitsmarkt stieg bundesweit zwischen 2006 und 2016 nur geringfügig von 3,8 auf 4,6 Prozent, so die Bundesagentur für Arbeit. Lieber zahlen Unternehmen, die keine oder zu wenig Mitarbeiter mit Handicap beschäftigen, eine Ausgleichsabgabe von maximal 320 Euro im Jahr. Der Topf mit der Ausgleichsabgabe quillt über in Bayern: der Betrag verdoppelte sich in zehn Jahren von 43,4 Millionen Euro auf rund 83 Millionen Euro im Jahr 2017. Finanziert werden mit dem Geld beispielsweise Hilfen für Unternehmen, die behinderte Menschen beschäftigen, aber auch technische Hilfsmittel oder Assistenzen für Arbeitnehmer mit Behinderung. Kritiker wenden ein, die Ausgleichsabgabe sei zu niedrig, um Unternehmen dazu zu bewegen, sich wirklich für Inklusion zu engagieren. Arbeitgeber befürchten hingegen den bürokratischen Aufwand und fühlen sich nicht ausreichend informiert über staatliche Unterstützungsleistungen oder Hilfen.

Mehr Menschen in Behindertenwerkstätten

Die Zahl der Beschäftigten in den Behindertenwerkstätten hat in den letzten zehn Jahren sogar noch zugenommen. Arbeiteten 2009 in Bayern noch 32.444 Menschen in Behindertenwerkstätten, so stieg ihre Zahl auf 36.724 im Jahr 2018. Das Problem: Mitarbeiter der Werkstätten verdienen mit einem Durchschnittslohn von 180 Euro sehr wenig Geld, und sie haben schlechte Chancen, in den Ersten Arbeitsmarkt zu wechseln, beklagt der Behinderten-Lobbyist Peter Pabst vom Club Behinderter und ihrer Freunde in München:

"Wenn Sie in die Werkstätten reingehen, sehen Sie, dass das Menschen sind, die verantwortliche und hochprofessionelle Tätigkeiten übernehmen. Die Werkstätten sind eigentlich aufgefordert, auf den Ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln, aber die faktische Vermittlungsquote liegt bei unter einem Prozent." Peter Pabst, Club Behinderter und ihrer Freunde