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In der eigenen Wohnung alt werden | BR24

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Hausnotrufknopf

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In der eigenen Wohnung alt werden

In Deutschland leben immer mehr ältere Menschen, das Durchschnittsalter steigt. 2017 lag es bereits bei 44 Jahren. Zehn Jahre davor noch bei 40 Jahren. Krankenkassen, die Regierung und Firmen entwickeln neue Systeme für das Älterwerden.

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Zwei Zimmer, Küche, Bad – alles behindertengerecht ausgebaut, dazu für eine spätere Pflegesituation das entsprechende Personal im Haus - das war bis jetzt oft das Angebot, das Senioren dargelegt werden konnte. Doch Firmen, die Politik und Krankenkassen entwickeln immer mehr Ideen, um Senioren ein Leben im häuslichen Umfeld lange Zeit möglich zu machen.

Technische Lösungen für den Alltag zuhause

Die digitalen alltagsunterstützenden Assistenzlösungen, kurz AAL, sollen moderne Technik in die eigenen vier Wände der Senioren bringen. Noch ist die Nachfrage in der ambulanten Pflege zurückhaltend, doch erste Projekte zeigen, dass das Leben für ältere Menschen leichter und vor allem sicherer werden könnte.

"Viele Menschen haben den Wunsch, auch im Alter oder bei Pflegebedürftigkeit in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. Die moderne digitale Technik eröffnet hier neue Möglichkeiten. Das Projekt '9 x Selbstbestimmt Wohnen in Oberfranken' untersucht zum einen den sinnvollen Einsatz digitaler Lösungen daheim. Zum anderen ist es Ziel des Projekts herauszufinden, wie die Akzeptanz für technische und digitale Assistenz erhöht werden kann." Melanie Huml, bayerische Gesundheitsministerin

Barrierefreie Grundrisse, eine rollstuhlgerechte Aufzugsanlage, bodengleiche Duschen und extrabreite Türen, damit soll es nicht getan sein. Das moderne Zuhause von Senioren muss mehr Sicherheit und Komfort bieten.

Test soll zeigen, welche Hilfe tatsächlich benötigt wird

In Oberfranken wurde durch das Gesundheitsministerium das Forschungsprojekt "9 x selbstbestimmtes Wohnen" ins Leben gerufen, gefördert mit 580.000 Euro. In den Wohnungen und Häusern wird gemeinsam mit Senioren und ihren Angehörigen getestet, welche Hilfe im realen Leben benötigt wird. Neun Projekte in Oberfranken wurden dabei unterstützt, unter anderem in Bamberg.

"Es ist wichtig, dass der Einsatz von Technik über klassische Hilfsmittel wie Rollstühle oder Rollatoren hinausgeht. Ein Beispiel dafür sind sogenannte Smart-Home-Lösungen wie etwa die automatische Abschaltung aller elektronischen Geräte beim Verlassen der Wohnung oder automatische Rollladen- und Beleuchtungssteuerung." Melanie Huml, bayerische Gesundheitsminsterin
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SmartHome Sophia in Bamberg

Beispiel "SmartHome Sophia" in Bamberg

Seit sechs Jahren wohnt das Ehepaar Zahneisen nun in einem stattlichen und zugleich etwas futuristischen Haus, dass es auch seit dieser Zeit mit Firmen, Entwicklern und Wissenschaftlern mitgestaltet. Anton Zahneisen ist gleichzeitig Projektleiter eines Wohnungsunternehmens, dass speziell auch in dieser Gruppe einen Kundenkreis von morgen erkennt.

Der Anspruch an die technischen Systeme des Hauses ist, auch im Alter modern leben zu können, auf Komfort nicht verzichten zu müssen und gleichzeitig auch keine Angst davor zu haben, im Bad oder aus dem Bett zu stürzen, ohne dass Hilfe gerufen werden könnte. Und so verfügt das Haus selbstverständlich über eine Lichtsteuerung mit Bewegungsmelder, einen Herdwächter, Hilferuftaster im verschiedenen Räumen, Tablettenkarussell, Bewegungssensor oder auch ein automatischer Türöffner. Manche Innovation, wie die Überwachung mit Videokameras, wurde wieder verworfen, aus Gründen des Datenschutzes. Im Notfall kann die Alarmmeldung an einen Nachbarn, den Angehörigen oder einen Sozialdienst weitergeleitet werden.

Viele schieben Umbauten für das Alter auf die lange Bank

Das Haus in Bamberg haben sich bis jetzt mehr als 2.000 Besucher angesehen. Es soll für die neuen Hilfestellungen werben, doch viele, so die Erfahrung von Anton Zahneisen, schieben Umbauten lange vor sich her, in den meisten Fällen bis es zu spät ist.

"Wir haben ein großes Problem in der Umsetzung, dass die Menschen zwar sagen, wenn sie die Technik sehen, das ist toll, das hätte ich gerne wenn ich mal alt bin, aber niemand ist dann schon alt genug, um diesen Schritt zu gehen. Die meisten Menschen warten einfach viel zu lange." Anton Zahneisen, Projekt SmartHome Sophia

Seine Erfahrung ist auch, dass die Leute meist auch erst einen Hausnotruf bestellen, wenn sie bereits einmal in einer kritischen Situation waren.

Wie nehmen Senioren die technische Unterstützung an?

Im Projekt "9 x selbstbestimmtes Leben" arbeiteten eine Wohnungsbaugesellschaft, die Handwerkskammer und ein Gesundheits- und Sozialdienstleister zusammen. Es ging darum, Fragen zu entwickeln, Anregungen zu geben, im realen Leben zu testen und Denkanstöße zu bewirken. Die wachsende Zahl an älteren Menschen bietet Chancen für Handwerker und Entwickler. Die gestiegenen Ansprüche bewirken aber auch, dass Sozialdienste oder ambulante Pflegedienste ihr Angebot erweitern müssen.

Begleitet wird das Projekt "9 x selbstbestimmtes Leben" vom Institut für Physiogerontologie der Uni Erlangen-Nürnberg. Die einzige universitäre Einrichtung ihrer Art in Bayern untersucht, wie die technische Unterstützung bei Senioren ankommt und wie sie verbessert werden kann.

"Wir haben bereits ein großes Potential, mit der Technik Menschen zu unterstützen, weil sie individuell verfügbar ist, weil sie einfach ist, weil sie funktioniert, weil wir sie auf den Bedarf anpassen können, weil sie auch kostenmäßig in den Bereich liegt, den auch bei vorliegendem Pflegegrad die Pflegekassen übernehmen, aber wir müssen die Menschen dazu bringen, zu erkennen, dass diese Technik ihnen helfen kann." Anton Zahneisen, Projekt SmartHome Sophia
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SmartHome Sophia in Bamberg

Chancen, dass die Krankenkasse Kosten übernimmt

Ob Senioren, Risikopatienten oder Menschen mit Behinderung, mittlerweile stehen die Chancen gut, dass die Pflegekasse die Kosten für ein Hausnotrufgerät, Anschlusskosten und die monatliche Grundgebühr übernimmt.

Bei Einbau von spezieller Technik, auch bei Umbauten greift die Förderung "wohnumfeldverbessernde Maßnahmen". Die Pflegekasse kann für Pflegebedürftige der Pflegegrade 1 bis 5 auf Antrag bis zu 4.000 Euro als Zuschuss für Anpassungsmaßnahmen zahlen, die die häusliche Pflege in der Wohnung ermöglichen, erleichtern oder eine möglichst selbstständige Lebensführung der pflegebedürftigen Person wiederherstellen sollen. Ziel ist es auch, eine Überforderung der Pflegepersonen zu verhindern. Wohnen mehrere Anspruchsberechtigte zusammen, kann der Zuschuss bis zu viermal 4.000 Euro, also bis zu 16.000 Euro betragen.

"Seiten des Gesetzgebers wurden die Möglichkeiten schon mal geschaffen, dass Leistungen gewährt werden können. In der Praxis ist es aber im Einzelfall oft schwierig, weil die Anspruchsvoraussetzungen oft nicht klar geregelt sind, so dass ganz viel im Ermessen der Krankenkasse liegt." Alexander Weik-Endres, VdK Kreisverband Nürnberg

Der VdK Kreisverband Nürnberg empfiehlt in der Metropolregion die Möglichkeit des "Kompetenznetzwerk Wohnungsanpassungsberatung" in Anspruch zu nehmen. Bayernweit können sich Interessierte an die "Beratungsstellen Barrierefreiheit" der Bayerischen Architektenkammer wenden. Es heißt, die Beratung erfolgt kostenlos sowie produkt- und dienstleistungsneutral.

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Bereits im nächsten Jahr soll im Rahmen des Projekts "Intelligente Vernetzung" eine deutschlandweite Notruf-App eingeführt werden. Sie wurde bereits in einigen Bundesländern erprobt. Federführend bei der Entwicklung ist das Land Nordrhein-Westfalen.