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In akuter Not: Wenn Kinder Schutz vor ihren Eltern brauchen | BR24

© pa/dpa/Patrick Pleul

Immer mehr Kinder und Jugendliche müssen in Bayern aus ihren Familien genommen werden

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In akuter Not: Wenn Kinder Schutz vor ihren Eltern brauchen

Überfordert, wohnungslos, gewalttätig – immer mehr Kinder und Jugendliche müssen in Bayern aus ihren Familien genommen werden. Die Zahl der sogenannten Inobhutnahmen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

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Es ist ein weitläufiges Gelände im Nürnberger Stadtviertel Gostenhof, mit altem Baumbestand. Zwei bunte Nestschaukeln, ein Holzklettergerüst mit mehreren Rutschen, Spielhäuser. Beim Kinder- und Jugendnotdienst kommen die meisten der 340 Kinder und Jugendlichen unter, die 2018 zum Beispiel in Nürnberg in Obhut genommen wurden. Bayernweit waren es fast 4.000. Im Jahr 2012 hingegen waren es noch weniger als 3.100 - das ist ein Anstieg von knapp 30 Prozent innerhalb von nur sechs Jahren.

© BR

Grafik: Inobhutnahmen in Bayern

Turbulente Zeiten, verunsicherte Familien

Das liegt auch an den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, aber nicht nur. Selbst wenn diese Zahlen herausgerechnet werden, bleibt ein Anstieg der Inobhutnahmen um 138. Woran das liegt, dafür gibt es verschiedene Erklärungen.

Carola Liebl vom Kinder- und Jugendnotdienst in Nürnberg sagt, es gebe nicht den einen Ansatz. Sicher sei, dass die ganze Welt unübersichtlicher geworden ist, der Medienkonsum gestiegen, und dass gerade bei Problemfamilien die Vorbilder fehlten. Simone Strohmayr von der Landtags-SPD beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema. Sie formuliert das so: "Wir haben eine wahnsinnig turbulente Zeit gerade, viele Menschen sind tief verunsichert, das wirkt sich natürlich auch auf die Familien aus." Tatsache ist - das belegen auch die Zahlen - vor allem die Inobhutnahmen wegen psychischer oder physischer Gewalt nehmen zu.

Schutz von Kindern vor unmittelbarer Gefahr

Damit ein Kind aus seiner Familie genommen wird, muss eine Notsituation vorliegen – zum Beispiel eine unmittelbare Gefahr für ein Kind oder einen Jugendlichen. Dann entscheidet das Jugendamt über die so genannte Inobhutnahme. Auch Kinder oder Jugendliche selbst können sich an das Jugendamt wenden und darum bitten, in Obhut genommen zu werden.

💡 Was bedeutet "Inobhutnahme"?

Die Inobhutnahme "dient primär der Gefahrenabwehr und ist nur dann erforderlich, wenn die Eltern trotz Förderung und Hilfe nicht in der Lage oder willens sind, eine akute oder drohende Gefahr selbst, mit Unterstützung Dritter oder mittels Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung abzuwenden ... Die Inobhutnahme ist eine zeitlich befristete, sozialpädagogische Interventionsmaßnahme in einer aktuellen Krisensituation ... Vorrangiges Ziel ist, die Kindeswohlgefährdung abzuwehren." (Quelle: Website des Bayerischen Landesjugendamtes)

Vorab ambulante Familienhilfen statt Inobhutnahmen

Das bayerische Sozialministerium weist wie die Sozialpädagogin Liebl und die Sozialpolitikerin Strohmayr darauf hin, dass ein weiterer Grund für die steigenden Zahlen ein "besseres Hinschauen" ist: Die Sensibilität der Bevölkerung sei gewachsen und nehme weiter zu. Fälle wie Lügde tragen dazu bei.

Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) betont, dass jeder einzelne Fall von körperlicher, sexualisierter und seelischer Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sowie Vernachlässigung einer zu viel sei. Mit einem Gesamtkonzept von der Prävention, wie Schulsozialarbeit oder Familienbegleitung, bis hin zum konsequenten Vollzug will das Ministerium Kinder schützen. Eine engmaschige und ambulante Betreuung zum Beispiel durch Familienhebammen fordert auch Simone Strohmayr. Die SPD-Politikerin sagt, es gebe schon viele gute Ansätze - die müssten vernetzt werden.

Hilfen für Familien und Ärzte

Neben vielen schon seit Jahren bestehenden Hilfsmaßnahmen wie den koordinierenden Kinderschutzstellen oder der Bayerischen Kinderschutzambulanz gibt es seit vergangenem Oktober ein E-Learning-Angebot für Ärztinnen und Ärzte. Auf der Internet-Seite www.kinderschutz.bayern.de kann sich jeder informieren und über eine Karte Anlaufstellen in Bayern suchen.

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Immer öfter müssen bayerische Jugendämter wegen Kindeswohlgefährdung tätig werden. Experten werten das jedoch auch positiv. Denn es deute darauf hin, dass die Aufklärungsarbeit langsam greift.

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