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Interview zum Thema "Impfdrängler" mit Liam Klages aus Ebersberg, dem wohl jüngsten Leiter eines Impfzentrums in Deutschland

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Impfzentrum Ebersberg: Drei bis fünf "Impfdrängler" pro Tag

Alter, Beruf, Vorerkrankung, Kontaktperson sind Kriterien dafür, wie schnell Menschen geimpft werden. Manche wollen aber nicht abwarten, bis sie dran sind. Ein Interview zu "Impfdränglern" mit dem Leiter des Impfzentrums im Landkreis Ebersberg

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Von
  • Michael Weberpals

Alter, Beruf, Vorerkrankung, Kontaktperson von Schwangeren oder Plegebedürftigen: Nach diesen Kriterien werden Impfwillige in Priorisierungsgruppen eingeteilt. Doch nicht jeder ist geduldig, bis er einen Impftermin hat. Manche Menschen sind sogar so ungeduldig, das sie regelrecht als "Impfdrängler" bezeichnet werden könnten. Liam Klages ist Leiter des Impfzentrums für den Landkreis Ebersberg. Er ist Rettungssanitäter und lässt sein BWL-Studium gerade ruhen. Der 20-jährige ist wohl der jüngste Leiter eines Impfzentrums in Deutschland. Die Bayern 1-Sendung "Mittags in Oberbayern" hat mit ihm gesprochen.

Herr Klages, wie sind Ihre Erfahrungen? Wie oft kommt es vor, dass jemand zu Ihnen kommt, der eigentlich noch gar nicht an der Reihe wäre?

Wir machen ungefähr 600 Impfungen hier im Landkreis am Tag. Und da sind schon drei bis fünf Leute dabei, die eigentlich gar nicht an der Reihe wären.

Wie haben es die Menschen denn geschafft, überhaupt einen Termin zu bekommen? Die Anmeldung läuft doch zentral über das Online-Portal der bayerischen Impfzentren.

Jeder meldet sich entweder über die Internetseite an oder über das Callcenter. Dort kann man verschiedene Checkboxen setzen und je nachdem, was man dort anklickt, wird man eben priorisiert und das wird online überhaupt nicht überprüft.

Wie kontrollieren Sie das dann vor Ort?

Im Impfzentrum lassen wir uns für jeden einzelnen Haken, den man gesetzt hat, einen Nachweis zeigen - sei es jetzt zur Frage der Kontaktpersonen, etwa von Schwangeren oder eine Bescheinigung vom Arbeitgeber, Nachweise von Krankheiten und so weiter.

Wenn Sie sagen: Drei bis fünf Impfwillige kommen schon am Tag vorbei, die eigentlich nicht kommen sollten. Was hören Sie da als Gründe oder vielleicht sogar als Ausreden?

Man kann das nicht so negativ sehen. Im Großen und Ganzen sind da sehr viele freundliche, nachvollziehbare und verständliche Vordrängelversuche dabei. Es mag sein, die junge Großmutter, die irgendwie im Einzelhandel arbeitet und Enkelkinder hat, die sie betreut, aber noch nicht so schlimme Vorerkrankungen hat, dass sie in der Priorität 2 landet. Oder vielleicht auch ein Unternehmer, der von der Insolvenz bedroht ist, weil er keine Aufträge annehmen kann, seine Mitarbeiter nicht ins Ausland schicken kann, weil die sonst in Quarantäne müssten.

Natürlich gibt es auch abgefahrene Geschichten: ein Handwerker, der uns erzählt, dass er bei vielen Schwangeren die Waschmaschine aufstellt... netter Versuch! Aber so funktioniert es nicht, es geht ja um enge Kontaktpersonen.

Da brauchen Sie wahrscheinlich auch eine psychologische Schulung, um die Leute wieder heimzuschicken.

Ja, unsere Ärzte hier, die sind alle Profis. Die meisten haben dann auch Verständnis dafür, wenn wir darum werben: Ach kommen Sie doch bitte in vier Wochen nochmal.

Zumal jemand, der nicht berechtigt ist, jemand anderem die Impfung wegnimmt...

Das ist absolut richtig. Falls es so Einzelfälle gegeben hat bei uns - wir haben mittlerweile weit über 20.000 Impfungen gemacht - kann es schon sein, dass der eine oder andere mal durchgerutscht ist und mich ärgert das schon. Es gibt nun mal eine klare Regelungen. Man muss da gesellschaftlich denken. Für die ganze Gesellschaft sollte man sich einfach an die Priorisierung halten.

Wie werden denn offensichtliche Betrugsversuche geahndet? Gibt es da auch Strafen?

Kein ernsthaften. Wir dokumentieren diese Fälle, wir geben sie ans Landratsamt weiter. Aber die Strafen sind vermutlich zu gering bis gar nicht vorhanden. Das Risiko ist ja auch relativ gering und dann ist natürlich der Versuch verlockend.

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Der Impfstoff von Astrazeneca ist in Bayern seit Mittwoch für alle Altersgruppen ab 18 Jahren freigegeben. Freie Impfstoff-Kontingente wurden aber nicht gleichmäßig im Freistaat verteilt.

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