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Impfung von italienischen Hotelmitarbeitern: Ermittlungen laufen

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    Impfung von italienischen Hotelmitarbeitern: Ermittlungen laufen

    Nach der Impfung von Beschäftigten einer sardischen Ferienanlage in München hat die Staatsanwaltschaft Gebäude durchsuchen lassen. Es geht um Unterschlagung von Impfstoff und Bestechung. Ermittelt wird gegen Apotheker, Ärzte und einen Rechtsanwalt.

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    Von
    • Jörg Hertle

    Dr. Udo B., ein Mediziner mit Praxen in der Münchner Innenstadt und am Tegernsee, steht im Mittelpunkt der Ermittlungen der Zentralstelle zur Bekämpfung von Betrug und Korruption im Gesundheitswesen in Nürnberg. "Wir haben am vergangenen Dienstag eine umfangreiche Erklärung an die Zentralstelle geleitet", berichtet der Verteidiger von Dr. B., Thomas Pfister aus München. "Wir wollen bei der Aufklärung helfen."

    Impfaktion soll vertraglich geregelt gewesen sein

    Nach Recherchen des BR-Politmagazins "Kontrovers" habe ein Patient Dr. B. in dessen Praxis angesprochen, ob er nicht bei einer Impfaktion helfen würde. Dr. B. willigte ein, bestellte bei einer Apotheke in München den entsprechenden Impfstoff. Und - erhielt ihn auch. Laut Rechtsanwalt Pfister arbeite Dr. B. schon "längere Zeit" mit der Apotheke zusammen. "Der Impfstoff kommt nicht von Schwarzmarkt", betont Thomas Pfister. "Das ist aber trotzdem ein Verstoß gegen die Impfverordnung."

    Noch halten sich alle bedeckt, wie der Kontakt zwischen Dr. B. in München und der Luxus-Hotelanlage "Forte Village" südwestlich der sardischen Hauptstadt Cagliari zustande kam. Es gab aber mehrere Zwischenstationen. Ein Anwalt für Zivilrecht hat einen Vertrag für die Impfung der rund 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von "Forte Village" aufgesetzt. Darin sind Ort, Uhrzeit und Art der Durchführung der Impfungen geregelt. Wer hat den Zivilrechtler ausgewählt? Das Management von "Forte Village"? Ein Strohmann? Offene Fragen.

    Hotelleitung spricht von "Investitionen in die Gesundheit der Mitarbeiter"

    In der sardischen Tageszeitung "L'Unione Sarda" rühmt sich das Management von "Forte Village", spezielle Flüge für das gesamte Team des Resorts nach München organisiert zu haben. Dort sei der Impfstoff von Biontech-Pfizer verabreicht worden. Durch diese Partnerschaft - wie dies von Management genannt wird - werde der Belegschaft ein "spezieller medizinischer Dienst im Ausland ermöglicht". Allerdings werde die geplante und verwendete Menge an Impfstoff, an der alle Mitgliedsstaaten der EU beteiligt sind, in keiner Weise beeinträchtigt. Eine Investition der Hotelkette, "bei der die Gesundheit der Mitarbeiter an erster Stelle stand".

    Fest steht nach "Kontrovers"-Recherchen, dass die Hotelbelegschaft aus Sardinien am 21. Mai gegen 9 Uhr in Cagliari ins Flugzeug stieg, zwei Stunden später in München im Hilton-Hotel am Airport eintraf, dort aufgeklärt und geimpft wurde - von Dr. B. und zwei weiteren Medizinern. Nach einem bayerischen Bier ging es wieder ins Flugzeug, das am Abend in Cagliari landete.

    Verdacht der Impfstoff-Unterschlagung steht im Raum

    Ins Rollen gebracht hatten die Geschichte zwei Berichte in einem Reportage-Magazin des italienischen öffentlich-rechtlichen Senders RAI3. In einem Interview behauptete Dr. B., die Impf-Reise sei vom Gesundheitsministerium organisiert worden. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ließ dies ebenso dementieren wie sein bayerischer Amtskollege Klaus Holetschek (CSU). Auch der Rechtsanwalt von Dr. B. verneint dies. Was da mit seinem Mandanten durchgegangen sei, könne er sich nicht erklären, berichtet Anwalt Pfister. Die ganze Aktion sei "instinktlos" gewesen, meint Pfister. Aber: Dr. B. habe dafür keinen Cent bekommen.

    Bayerns Gesundheitsminister Holetschek wies am vergangenen Freitag die für den Flughafen München zuständige Staatsanwaltschaft Landshut an, in diesem Fall von Impftourismus zu ermitteln. Diese gab den Fall an die erst jüngst eingerichtete Zentralstelle zur Bekämpfung von Betrug und Korruption im Gesundheitswesen in Nürnberg ab. Ihr Sprecher Matthias Held: "Nach der Impfverordnung steht der Corona-Impfstoff nur einem berechtigten Personenkreis zur Verfügung. Die Mitarbeiter des italienischen Hotels waren nicht berechtigt, in Deutschland Impfungen zu bekommen. Hieraus ergab sich dann der Verdacht der Unterschlagung von Impfstoff."

    Insgesamt ermittelt die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Nürnberg gegen sieben Beschuldigte. Drei Mediziner, ein Anwalt für Zivilrecht, zwei Personen aus dem Hotelmanagement und einen Apotheker.

    Wie kommen niedergelassene Ärzte zu Impfstoff?

    Niedergelassene Ärzte teilen der Apotheke, mit der sie gewöhnlich auch bei der Bestellung von Impfseren beispielsweise gegen Grippe zusammenarbeiten, mit, welche Mengen an Covid-Impfstoff sie vermutlich in der Folgewoche brauchen. Die Apotheke bezieht den Impfstoff vom Großhändler, der die knappen Kontingente an die Apotheken verteilt. Diese wiederum beliefern dann die Hausärztinnen und Hausärzte. Nachdem Covid-Impfstoffe noch immer knapp sind, fallen die Lieferungen an die Praxis häufig geringer aus, als ursprünglich bestellt wurde.

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