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Impfexperte: Astrazeneca genauso gut wie andere Impfstoffe | BR24

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Astrazenca Impfstoff

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    Impfexperte: Astrazeneca genauso gut wie andere Impfstoffe

    Der Erlanger Impfexperte Prof. Dr. Christian Bogdan sagt ganz deutlich: Astrazeneca ist genauso gut wie die anderen Corona-Impfstoffe. Die Nebenwirkungen unterscheiden sich laut dem Mitglied der ständigen Impfkommission kaum.

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    Von
    • Florian Deglmann

    Professor Christian Bogdan ist Leiter des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Infektionsimmunologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied der ständigen Impfkommission STIKO. Im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk betont Bogdan, Astrazeneca sei genauso gut wie die anderen derzeit in Deutschland verfügbaren Impfstoffe. Alle zugelassenen Vakzine seien wirksam und zuverlässig.

    Studio Franken: In den vergangenen Tagen wurde immer wieder über zahlreiche Fälle von Nebenwirkungen beim Impfstoff Astrazeneca berichtet. Wie ordnen Sie diese Fälle ein?

    Prof. Bogdan: Bei jeder Impfung, so auch beim Astrazeneca-Impfstoff, gibt es natürlich eine normale Impfreaktion. Das ist ein sogenannter "Vektorimpfstoff", das heißt man kommt mit einem ganzen intakten Virus in Kontakt. In diesem Virus befindet sich dann das eigentliche Impf-Antigen beziehungsweise das Gen für dieses Impf-Antigen. Und auf so eine Impfung reagiert man mit seinem angeborenen Immunsystem und man löst dadurch eine Entzündungsreaktion aus. Das ist das, was wir auch von allen anderen Impfungen kennen, zwar in unterschiedlichem Ausmaß, aber im Vergleich mRNA-Impfung und Astrazeneca Vektorimpfstoff haben wir ganz ähnliche Reaktionen. Mal bekommen Patienten Kopfschmerzen, mal fühlt es sich an, wie bei einer beginnenden Grippe, sie können auch Fieber entwickeln, auch Schmerzen an der Impfstelle können auftreten, das ist alles sehr weit verbreitet.

    Ähnliche Werte bei Impfstoffstudien

    Prof. Bogdan: Wenn man die Impfstoffstudien-Daten vergleicht von diesen beiden Impfstoff-Typen, dann kommt man eigentlich zu ganz ähnlichen Werten. Das heißt im Moment gibt es keinen Hinweis, dass hier irgendwelche Dinge passieren, die nicht den Daten entsprechen, die wir aus den Studien kennen.

    Studio Franken: Ist es grundsätzlich egal, welchen Impfstoff man bekommt, Hauptsache man ist vor einem schweren Krankheitsverlauf geschützt?

    Prof. Bogdan: Ja, denn beide Impfstoffkategorien sind erstens sicher und zum zweiten auch wirksam, das haben die Studien gezeigt. Wo mögliche Unterschiede in der Wirksamkeit liegen, wird man noch sehen. Bei Astrazeneca lag es in der ganzen Diskussion ja daran, dass bestimmte Altersgruppen, also ab 65 Jahren aufwärts, in der Studie recht wenig repräsentiert waren. Dadurch konnte die Stiko dazu auch keine Empfehlung herausgeben, aber insgesamt kann man davon ausgehen, dass beide Impfstofftypen gleich wirksam sind. Wenn dann am Ende zehn oder auch zwanzig Prozent Unterschied in der Wirksamkeit wären, würde das für die gesamte Pandemiebekämpfung dennoch keine Rolle spielen.

    Meldepflicht bei Komplikationen

    Studio Franken: Es wurde auch über extreme Nebenwirkungen berichtet, wie beispielsweise bei einer 18-jährigen Auszubildenden in Nürnberg, die Schaum vor dem Mund gehabt haben soll? Wie ordnen sie solche Extremfälle ein?

    Prof. Bogdan: Man muss bei jeder Impfung natürlich unterscheiden, ob es sich um eine übliche Impfreaktion handelt oder um eine Reaktion, die über das übliche Maß hinausgeht. Zu dem konkreten Fall kann ich nichts sagen, da ich die Umstände nicht kenne und nicht genau weiß, welche Symptome und Zeichen aufgetreten sind. Aber genau das ist die Aufgabe der Impfärzte: sicherzustellen, dass sich Patienten beziehungsweise Impflinge melden, wenn sie nach der Impfung Reaktionen zeigen, die nicht dem üblichen Ausmaß entsprechen. Das muss gemeldet werden, da gibt es eine Meldeverpflichtung. Solche Reaktionen, also jede Art von Komplikation, muss man melden.

    Studio Franken: Arztpraxen, Krankenhäuser und Co. beklagen derzeit den Ausfall vieler Angestellter wegen der Impfung mit Astrazeneca. Was empfehlen Sie diesen Einrichtungen?

    Prof. Bogdan: Es gibt grundsätzlich die Empfehlung, dass man nicht alle Mitarbeiter einer Abteilung oder Station oder gar eines ganzen Klinikums zeitgleich impfen sollte. Das gilt übrigens für jeden Impfstoff, das würden wir nie machen. Denn es kann immer sein, dass zehn oder vielleicht 20 Prozent eine Impfreaktion zeigen, die dazu führen, dass jemand für ein oder zwei Tage nicht arbeitsfähig ist. Das ist etwas, das in den Studien gesehen wurde. Und dementsprechend ist es empfehlenswert, die Leute zeitversetzt zu impfen, sodass nicht viele Mitarbeiter gegebenenfalls gleichzeitig ausfallen. Wir gehen zwar nicht davon aus, dass das der Regelfall ist, aber wenn auch nur zehn Prozent mal für zwei Tage nicht arbeitsfähig sind, dann wäre das natürlich für die ein oder andere Einrichtung schwierig, wenn das ganze Personal zeitgleich geimpft wurde.

    Neuer Corona-Impfstoff muss her

    Studio Franken: Wie schätzen Sie die aktuelle Impfsituation in Deutschland ein?

    Prof. Bogdan: Wir haben derzeit das Problem, dass wir weniger Impfstoff haben als wir gerne hätten. Wir würden jetzt natürlich gerne so voranschreiten, wie es die Impfzentren von ihrer Kapazität her erlauben würden. Wir könnten aktuell ja wesentlich mehr impfen, allein mit den knapp 100 Impfzentren in Bayern. Wir haben das Problem, dass die bestellten Impfstoffe bisher nicht in der angeforderten Menge geliefert wurden. Da muss sich einiges verbessern, damit wir möglichst in den kommenden Monaten so weit kommen, dass viele Menschen und vor allem die, die es am dringlichsten brauchen, geimpft sind.

    Studio Franken: Wie bewerten Sie aktuell die öffentliche Debatte über die unterschiedlichen Impfstoffe?

    Prof. Bogdan: Meiner Meinung nach wird zu viel darüber geredet. Wir diskutieren laufend über einen Impfstoff speziell und vergessen, dass die anderen eigentlich ähnliche Impfreaktionen zeigen, das ist ein Aspekt. Und dadurch, dass wir selektiv über einen Impfstoff reden, wird natürlich irgendwo der Eindruck erweckt, dass da irgendein Problem ist. Das Ganze hat natürlich eine gewisse Historie, weil wir bereits vorher darüber gesprochen hatten, wie es mit der Wirksamkeit aussieht. Es wurde zurecht kritisiert, dass es bei Astrazeneca keine Daten für Menschen über 65 gibt, weil die Studie da zu wenig repräsentative Probanden hatte. Das sind alles Dinge, die den Eindruck erwecken, als ob es hier ein grundsätzliches Problem gibt.

    Impfstoffstudien laufen weiter

    Prof. Bogdan: Aber wenn man ins Detail geht und sich die Studien und die Daten genau anschaut, dann kommt man ganz schnell zu der Erkenntnis, dass wir keinerlei Hinweise haben, dass dieser Impfstoff auf irgendeine Art und Weise schlechter wäre. Wir haben einfach einen begrenzteren Datensatz, aber das wird sich jetzt sukzessive ändern, weil die Studien ja weiterlaufen. Bisher waren das sogenannte "Interimsanalysen". In den kommenden Wochen und Monaten werden wir da ganz sicher noch weitere Daten bekommen, die dann auch zeigen, dass die Wirksamkeit bei Astrazeneca wahrscheinlich in einer ganz ähnlichen Größenordnung liegt wie bei den mRNA-Impfstoffen.

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