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Eine Frau und ein Kind streicheln ein Fohlen.

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    Immer mehr Tierhalter sind genervt vom "Tier-Tourismus"

    In Corona-Zeiten nutzen viele Familien auf dem Land zur Freizeitbeschäftigung ihrer Kleinen den Bauernhof oder die Pferdekoppel um die Ecke. Da heißt es dann: kraulen, füttern, tätscheln. Für immer mehr Tierhalter ist das ein Ärgernis.

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    Von
    • Katja Paysen-Petersen

    Sieben Kälber leben aktuell hinter dem Kuhstall im Klosterdorf St. Ottilien in Oberbayern. Manche sind noch ganz jung und stehen auf wackeligen Beinen. Andere haben sich verkrochen und schlafen auf Stroh. Sie alle sind Besuchermagneten: Familien mit kleinen und großen Kindern sind begeistert von den süßen Tieren. Der "Kälber-Tourismus" mag ein schönes Erlebnis für die Besucher sein – für die Mitarbeiter in der Landwirtschaft wird er zunehmend zur Belastung.

    "Natürlich ist es für Kinder total attraktiv. Die süßen Kälbchen. Es wär weniger das Problem, wenn ein Kind mal ein Kalb streichelt. Aber an einem schönen Tag, Sonntag oder Wochenende sind hier wirklich Leute im zweistelligen Bereich, die dann von einem Kalb zum anderen gehen. Die Oma, die Mama, die Kälber streicheln. Dann wird’s wirklich zu viel." Bruder Jürgen Foitl, Betriebschef der Landwirtschaft in St.Ottilien

    Warum man Tiere nicht streicheln sollte

    Wer Kälber streichelt, der kann ihnen schaden. Die jungen Tiere sind empfindlich; ihr Immunschutz baut sich erst auf. Und: Sie sind nur an die Keime aus ihrer Umgebung gewohnt. Kommen Besucher aus anderen Orten, könnten sie fremde Keime und damit Krankheiten einschleppen. Auch vor Ort lauert eine Gefahr: Wenn ein Kalb nicht fit ist, könnte es sein, dass der Besucher durchs Streicheln die Krankheit von einem Kalb zum anderen trägt.

    "Früher, da haben die Leute einfach noch eine gesunde Distanz gewahrt. Nur in letzter Zeit scheint, ich glaube, nicht einmal corona-bedingt, sondern einfach allgemein, das Verständnis der Leute abzunehmen." Bruder Jürgen Foitl

    Hinweisschilder sollen auf das Problem aufmerksam machen

    Um dem "Kälber-Tourismus" entgegenzusteuern, setzt man in St. Ottilien nun auf Hinweisschilder an den Boxen. "Kein Streichelzoo! Tiere brauchen Ruhe", steht da in schwarzer Schrift auf weißem Papier. Die meisten Leute zeigen dafür Verständnis und werden sich erst durch die Schilder des Problems bewusst.

    Falsches Futter macht die Tiere krank

    Das Streicheln ist das eine Problem – das andere, noch größere, das Füttern. In den Kälberboxen findet sich ab und zu abgerissener Löwenzahn. Den fressen die Tiere nicht – also kein Problem. Im Kuhstall nebenan ist es anders: Bei den Kühen fanden sich schon Brotreste im Futter – teilweise verschimmelt. Das kann die Tiere krank machen.

    Auch immer mehr Pferdehalter betroffen

    Das "Fremdfüttern" ist auch ein zunehmendes Problem für Pferdehalter. Viele stellen fest: Seit Beginn der Corona-Pandemie besuchen immer mehr Familien mit Kindern ihre Koppeln – und füttern die Tiere mit altem Brot, gelben Rüben, Äpfeln – und sogar selbst gemachten Pferdeleckerlis. Doch davon raten Pferdehalter ab. Denn erstens kann man nicht wissen, ob ein Pferd Allergien hat, sagen sie. Und zweitens kann falsches Futter oder zu viel davon auch Koliken auslösen.

    "Ich geh auch nicht auf den Spielplatz und fütter Ihren Kindern irgendwas. Das macht man einfach nicht. Das sind unsere Tiere, das sind unsere Familienmitglieder. Wir möchten, dass es ihnen gut geht und sie kriegen von uns genug zu fressen.“ Pferdehalterin aus Jesenwang in Oberbayern

    An den Koppeln finden sich deshalb vermehrt Hinweisschilder: "Füttern verboten! Streicheln verboten!" Viele Tierhalter suchen das Gespräch mit den Familien, wollen sie fürs Thema sensibilisieren. Und hoffen auf ein baldiges Ende von Corona. Damit die Menschenkinder wieder mit den Menschenkindern spielen – und zu den Tieren eine gesunde Distanz aufbauen.

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