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Immer mehr Schüler fallen durchs Abitur - auch in Bayern | BR24

© dpa-Bildfunk/Jens Wolf

Abiturprüfung in einer Turnhalle.

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    Immer mehr Schüler fallen durchs Abitur - auch in Bayern

    In den nächsten Wochen wird es für viele Schüler stressig: Die Abiprüfungen stehen an. Immer wieder wird eine Inflation guter Noten beklagt. Doch auch die Zahl derjenigen, die nicht bestehen, steigt .

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    Es ist die erste große Prüfung - und sie endet für immer mehr junge Leute auch in Bayern mit einer handfesten Enttäuschung: Während im Jahr 2009 nur ein Schüler bzw. eine Schülerin von 100 das Abitur nicht schaffte, waren es 2017 statistisch gesehen 3,5.

    Allerdings weist der Bayerische Philologenverband darauf hin, dass die Durchfaller-Quote bereits mit dem ersten G8-Abitur sprunghaft anstieg und seitdem im Freistaat weitgehend konstant bleibt. "Seit dem G8-Abitur liegen die Durchfallerquoten in Bayern zwischen 3,1 Prozent (2016) und 3,9 Prozent (2012)." Auch für 2018 erwarte der Bayerische Philologenverband, der die Gymnasiallehrer vertritt, einen Wert in diesem Bereich.

    Durchfaller-Quote steigt deutschlandweit beständig an

    In den vergangenen neun Jahren ist bundesweit die Quote der nicht bestandenen Prüfungen nahezu stetig gestiegen, wie eine Auswertung der Deutschen Presse-Agentur zeigt.

    Während im Abiturjahrgang 2009 laut Statistik der Kultusministerkonferenz im bundesdeutschen Mittel noch 2,39 Prozent der Schüler durchfielen, waren es 2017 schon 3,78 Prozent. Für 2018 liegen noch nicht aus allen Bundesländern Zahlen vor, die Tendenz bestätigt sich jedoch: In vielen Ländern stieg die Durchfaller-Quote erneut. Besonders hoch ist sie in Mecklenburg-Vorpommern, wo 2017 etwa jeder 14. Abitur-Prüfling scheiterte.

    Experten kritisieren, dass Schüler schlechte Leistungen vor dem Abitur zu einfach ausgleichen könnten - in der Prüfung dann aber nicht mehr.

    Zugleich aber wird bundesweit auch häufiger die Note 1,0 vergeben. Fast jeder vierte Abiturient hatte 2017 eine 1 vor dem Komma. Die Abinoten werden also extremer. Das verdeutliche die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom Elternhaus der Kinder, sagt der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. Bei der einen Gruppe könnten die Eltern die notwendige Förderung und Unterstützung privat organisieren, die anderen fielen "durch den Rost".

    "Die Schere öffnet sich immer weiter" Udo Beckmann, VBE

    "Schülern fehlt Kontinuität beim Lernen und Leisten"

    Die Vorsitzende des Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing, sieht eher Fehler in der Konzeption des Abiturs. "Im Abitur zeigt sich die Frucht von kontinuierlichem Lernen und kontinuierlichem Leisten - im Positiven wie im Negativen", sagt sie. Schülern werde diese Kontinuität aber nicht abgefordert, manche würden bereits ab der Unter- und Mittelstufe nur versetzt, weil sie schlechte Leistungen in einem Fach durch gute in einem anderen Fach ausbügeln könnten. "Nur am Schluss, im Abitur, müssen Mathe, Deutsch und eine Fremdsprache verbindlich bestanden werden, da hilft kein Ausgleich mehr", sagt die Erziehungswissenschaftlerin, deren Verband die Gymnasiallehrer vertritt.

    Schülern lernen, dass sie nicht beste Leistung bringen müssen

    Die Jugendlichen lernten also, dass sie gar nicht immer ihre beste Leistung bringen müssten. "Mehr Kurse einzubringen wäre aus vielerlei Hinsicht sinnvoll, weil sie ein besseres Abbild der kontinuierlichen Leistung in der gesamten Oberstufe geben", sagt Lin-Klitzing. Dann gebe es einen anderen Ansporn oder die Schüler merkten rechtzeitiger selbst, dass ihre Leistungen nicht ausreichten. In diesem Fall könnten sie entweder einen Lernturbo zünden oder Kurse freiwillig wiederholen. Das Sitzenbleiben während der Qualifikation fürs Abi einzuführen, hält Lin-Klitzing dagegen nicht für sinnvoll.

    Insgesamt sind die Abinoten in den vergangenen Jahren zwar etwas besser geworden, doch nicht stark. Den besten Notendurchschnitt gab es im Jahr 2017 in Thüringen mit 2,18 - den schlechtesten in Niedersachsen mit 2,57. In Bayern lag der Durchschnitt mit 2,31 im deutschen Mittelfeld.

    💡 "Abiturwissen": G8, Q11, Überholspur - was, wann, warum?

    Nachdem der damalige Bundespräsident Roman Herzog in einer Grundsatzrede 1997 die langen Ausbildungszeiten in Deutschland kritisiert hatte, beschlossen mehrere Bundesländer, die Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre zu verkürzen. Seither gleicht das gymnasiale Bildungssystem in der Bundesrepublik einem Flickenteppich - hier eine Überblickskarte der Bundeszentrale für Politische Bildung.

    In Bayern beschloss das mit Zwei-Drittel-Mehrheit der CSU regierende Kabinett Stoiber im November 2003 einen im Wahlkampf nicht angekündigten Umbau des Gymnasiums. Im Schuljahr 2010/2011 schlossen die ersten Schüler ihr Abitur im neuen, auf acht Jahre verkürzten System ab. Dafür wurde auch die Oberstufe reformiert. Die Klassen 11 und 12 gelten jetzt als "Qualifikationsphase" (Q11 und Q12), in der den sogenannten Grundlagenfächern Deutsch, Mathematik sowie den Fremdsprachen besondere Bedeutung zukommt.

    Nach anhaltender Kritik am "Turbo-Abitur" beschloss der Bayerische Landtag im April 2017 die Rückkehr zum neunstufigen Gymnasium. Schüler, die im aktuellen Schuljahr 2018/2019 die fünfte oder sechste Gymnasiumsklasse besuchen, werden also wieder neun Jahre aufs Abitur vorbereitet und sollen 2025 ihre Abiturprüfung machen. Geplant ist weiterhin, dass besonders leistungsstarke Schüler ab September 2021 die Möglichkeit haben sollen, ihr Abitur nach acht Jahren zu machen - die Rede ist von "individueller Lernzeitverkürzung" oder "Überholspur".