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Immer mehr Kinder und Jugendliche in Therapie | BR24

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Seit Jahren steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine Psychotherapie in Anspruch nehmen. Leistungsdruck und Stress machen junge Menschen krank. Die Corona-Krise verschärft die Situation zusätzlich.

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Immer mehr Kinder und Jugendliche in Therapie

Seit Jahren steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine Psychotherapie in Anspruch nehmen. Leistungsdruck und Stress machen junge Menschen krank. Die Corona-Krise verschärft die Situation zusätzlich.

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Von
  • Daniel Peter

Auf dem Schulhof toben, gemeinsam bolzen gehen oder einfach mal mit Freunden Party machen, das ist für viele Kinder und Jugendliche derzeit unmöglich. Laut einem Bericht der Krankenkasse Barmer steigt die Zahl der jungen Menschen, die in Therapie sind, seit Jahren an und das hat nicht nur mit Corona zu tun.

Leistungsdruck und Stress

Leonie (Name geändert) ist eine zielstrebige junge Frau aus Mittelfranken. Die 21-Jährige macht eine Ausbildung in einem medizinischen Beruf und wirkt sympathisch und kommunikativ. Das war nicht immer so, erzählt sie. Früher in der Schule habe sie sich oft abgekapselt und sich vor allem aufs Lernen konzentriert. Sie wollte immer die besten Noten haben, was sie ziemlich gestresst habe.

Psychotherapie gegen große Ängste

Ein Krankheitsfall in der Familie hat ihre psychische Situation weiter verschlechtert. Nach dem Abitur habe sie große Ängste bekommen und sich auch gefragt: "Wer bin ich überhaupt und was will ich?" Deshalb hat sie sich entschlossen mit einer Psychotherapie zu beginnen und ist jetzt froh, dass sie diesen Schritt gewagt hat. Heute fühle sie sich wesentlich besser als noch vor dreieinhalb Jahren, als sie mit der Therapie begonnen hat.

Therapieplätze benötigt: Anstieg auch in Bayern

Laut der Barmer Krankenkasse hat der Bedarf an Therapieplätzen in Deutschland zwischen dem Jahr 2009 und 2019 zugenommen. Bundesweit sind rund 823.000 Kinder und Jugendliche in Psychotherapie. Vor allem Anpassungsstörungen und Belastungen sind die Ursache dafür, heißt es in dem Bericht. Auch in Bayern gibt es seit 2009 einen Anstieg von rund 38 Prozent.

Derzeit sind rund 60.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis zu einem Alter von 24 Jahren in psychotherapeutischer Behandlung (Richtlinientherapie). Bei einer Richtlinientherapie sind sowohl Kurz- als auch Langzeittherapien, die auch mehrere Jahre dauern können, eingeschlossen.

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) kann diesen Trend bestätigen. So gibt es laut der Quartalszahlen zwischen 2015 und 2020 einen Anstieg von rund 7.000 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren, die bei Psychotherapeuten in Behandlung sind. Insgesamt sind das bis zum dritten Quartal 2020 rund 28.000 Kinder und Jugendliche in ganz Bayern.

Ärzte bestätigen Trend

Auch Dr. Martina Hirner, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, bemerkt in ihrer Praxis in Nürnberg die steigende Nachfrage. Man käme kaum hinterher, alle Kinder und Jugendlichen zu behandeln. Sie glaube, dass es in den vergangenen Jahren auch eine Sensibilisierung bei Eltern und Kindern gegeben habe, weswegen Kinder und Jugendliche heute vermehrt Psychotherapie in Anspruch nehmen.

Professor Gunther Moll, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Erlangen, sieht ebenfalls immer mehr junge Menschen, die zu ihm in Behandlung kommen wollen. Seiner Meinung nach ist vor allem der Stress ein Hauptgrund für psychische Erkrankungen.

Schulnoten in diesem Jahr aussetzen

Für den Chefarzt (Mitglied der Freien Wähler) beginne der Stress der Kinder oft schon im Schulalter. Viele kämen bei dem Leistungsdruck nicht mehr hinterher, würden sich dann zurückziehen und aufgeben. Dies sei der erste Schritt in eine Depression, so Moll. Deshalb fordert er, dass die Schulnoten in Pandemiezeiten ausgesetzt werden.

Seine Station sei voll und die Wartelisten ebenfalls. Das sei zwar auch schon vor Corona so gewesen, aber jetzt habe sich die Anzahl auf der Warteliste deutlich vergrößert. Die Kinder und Jugendlichen hätten in diesen Zeiten große Angst, auch weil nicht absehbar ist, wie lange die Pandemie noch dauert. Normalerweise würden sich Menschen, wenn sie Angst haben, zusammentun und sich treffen, doch genau das geht derzeit nicht – einer der Hauptfaktoren, so Professor Moll, für die großen Ängste seiner jungen Patienten, die in psychischen Erkrankungen enden können.

Knapper Wohnraum als Brandbeschleuniger

Dr. Martina Hirner hat ebenfalls einige Kinder und Jugendliche, die mit Angststörungen zu ihr kommen. Sie beobachtet in der jüngst vergangenen Zeit aber auch immer mehr Eltern, die völlig überfordert in ihre Praxis kommen, weil sie mit mehreren Kindern in beengten Wohnverhältnissen in der Stadt leben. Wer zum Beispiel kein Haus mit Garten hat, habe es besonders schwer, so Hirner. Die Belastungen dieser Eltern wirkten sich auch auf die Kinder und Jugendlichen aus, erzählt die Fachärztin.

Froh um die Therapie

Auch Leonie aus Mittelfranken und vielen ihrer Freunde macht die Corona-Pandemie zu schaffen, erzählt sie. Sie sei deshalb froh, dass sie mit der Therapie vor rund dreieinhalb Jahren begonnen hat. Gerade jetzt in diesen schwierigen Zeiten sei sie glücklich, regelmäßig jemanden außerhalb der Familie zu haben, mit dem sie ihre Sorgen und Nöte besprechen könne.

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