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Immer mehr Fälle von Kindeswohlgefährdung | BR24

© BR/Johannes von Creytz

Gewaltfreie Erziehung - viele Kinder in Bayern können davon nur träumen. 2018 mussten in Bayern so viele Hinweise auf körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen, entwürdigende Vernachlässigungen von Kindern überprüft werden wie noch nie.

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Immer mehr Fälle von Kindeswohlgefährdung

Von einer Erziehung ohne Gewalt können viele Kinder nur träumen. 2018 mussten in Bayern so viele Hinweise auf körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und entwürdigende Vernachlässigungen von Kindern überprüft werden wie noch nie.

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Gewalt gegen Kinder ist ein Tabu. Das Dunkelfeld ist dementsprechend groß. Die Bayerischen Jugendämter meldeten im Jahr 2018 insgesamt 18.784 Gefährdungseinschätzungen - das heißt Fälle, in denen der Verdacht bestand, das Wohl von Kindern oder Jugendlichen sei in Gefahr.

Die Hinweise liefen teils anonym über Polizei und Erziehungsberatungsstellen ein oder kamen von Kitas, Schulen und Ärzten, denen unerklärliche Verletzungen oder Verhalten aufgefallen waren.

Kindeswohl in jedem dritten gemeldeten Fall gefährdet

Nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Statistik konnte in 5.929 Fällen der Verdacht der Kindeswohlgefährdung ausgeräumt werden. Kindeswohlgefährdung bedeutet, dass das körperliche, geistige und seelische Wohl eines Kindes durch schädliche Aktivitäten, aber auch durch Unterlassen, von Personen im engeren Umfeld deutlich beeinträchtigt wird.

Bei 6.760 Gefährdungseinschätzungen wurde von den Mitarbeitern des Jugendamtes zwar keine Gefährdung der Kinder oder Jugendlichen festgestellt, jedoch Hilfebedarf in Familien erkannt und angeboten.

In rund einem Drittel, bei 6.095 Fällen, lag eine Kindeswohlgefährdung vor. Gegenüber 2017 bedeutet das einen Anstieg um fast 23 Prozent.

Schutzmaßnahmen zeigen laut Experten Wirkung

Allerdings wurden im vergangenen Jahr auch insgesamt mehr Fälle gemeldet als in den Jahren zuvor. Experten aus Sozialministerium und Jugendämtern sehen daher in dem Anstieg keine Zunahme der Gefährdung, sondern vielmehr ein Zeichen dafür, dass Verbesserungen im Jugendschutz ihre Wirkung entfalten.

Nach mehreren aufsehenerregenden Fällen in den vergangenen Jahre hatte der Gesetzgeber klare Richtlinien geschaffen, wie Jugendämter in Verdachtsfällen vorgehen sollen. Beratungsangebote für Bürger und Berufsgruppen, die mit Kindern zu tun haben, wurden eingeführt und es wurde stark in die Weiterbildung und Qualifizierung der Fachkräfte investiert.

"Die Lehrpläne an den Hochschulen enthalten mittlerweile alle irgendwelche Faktoren zum Kinderschutz. Die Leute sind aufmerksamer, die Jugendämter schauen genauer hin und können qualifiziertere Einschätzungen treffen als noch vor 10, 12 Jahren." Harald Britze, Bayerisches Landesjugendamt
© BR

Immer öfter müssen bayerische Jugendämter wegen Kindeswohlgefährdung tätig werden. Experten werten das jedoch auch positiv. Denn es deute darauf hin, dass die Aufklärungsarbeit langsam greifen würde.

Das Jugendamt ist keine Strafbehörde

Zur Überprüfung von Kindeswohlgefährdung gehört auch, dass sich rund ein Drittel der Verdachtsfälle nicht bestätigt hat und Familien damit vom Misstrauen entlastet werden konnten.

Menschen, denen etwas Verdächtiges auffällt, sollten deshalb keine Hemmungen haben, sich an Jugendämter, Erziehungsberatungsstellen oder den Kinderschutzbund zu wenden, sagt Harald Britze vom Bayerischen Landesjugendamt. Jeder Hinweis werde sorgfältig überprüft.

Die Hauptaufgabe von Jugendämtern ist in jedem Fall, den betroffenen Familien zu helfen und nicht, sie zu bestrafen.

"98 bis 99 Prozent der Handlungen eines Jugendamtes sind präventiv unterstützend für Eltern. Das ist die wesentliche Aufgabe, die die Jugendhilfe hat, und in den allermeisten Fällen gelingt das auch." Harald Britze, Bayerisches Landesjugendamt

Je früher die Hilfe kommt, desto besser

Kindeswohlgefährdung setzt nicht voraus, dass ein Kind bereits misshandelt, vernachlässigt oder missbraucht wurde. Kindeswohlgefährdung kann auch schon gegeben sein, wenn Eltern schwer erkranken oder durch Schicksalsschläge mit ihrer Lebenssituation momentan überfordert sind. Je früher eine Familie professionelle Hilfe findet, desto eher können Schäden für die Gesundheit und Entwicklung der Kinder abgewendet werden.

"Wir haben sehr klare Regeln: Wenn die Eltern dazu bereit sind, an einer Abwehr einer vorhandenen Kindeswohlgefährdung zu arbeiten - dann ist es nicht Aufgabe des Staates, mit Zwangsmitteln zu intervenieren." Heinz Kindler, Deutsches Jugendinstitut

Notfalltelefone für Eltern und Jugendliche sind unter anderem die bundesweiten Rufnummern von "Nummer gegen Kummer eV.":

  • Elterntelefon von "Nummer gegen Kummer": 0800 1110550
  • Kinder und Jugendtelefon von "Nummer gegen Kummer": 116111

Ärzte in Bayern können sich bei medizinischem Verdacht auf eine Gefährdung des Kindeswohles im Portal der Münchner Rechtsmedizin beraten lassen.