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Die Deutsche Bahn hat den letzten Bürgerdialog zum geplanten ICE-Werk im Großraum Nürnberg geführt. In sieben Dialogen stellte sich die Bahn den Bürgerfragen zu den potentiellen Standorten.

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ICE-Werk Nürnberg: Alle Signale stehen weiter auf Rot

Eine Investition von 400 Millionen Euro und 450 neue Jobs: Das klingt wie ein Hauptgewinn. Doch im Großraum Nürnberg will offensichtlich niemand dieses Geschenk. Der Widerstand gegen das geplante ICE-Werk bleibt, trotz der Online-Dialoge der Bahn.

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Von
  • Michael Reiner

Jörg Kotzur, Bürgermeister der Marktgemeinde Feucht, sitzt an seinem Schreibtisch und verfolgt den Online-Dialog der Bahn. Es ist die letzte der Informationsveranstaltungen, in denen sich die Bahn den Fragen der Bürger stellt. Kotzur weiß, dass es in Feucht heftigen Widerstand gegen das Werk gibt. "Ich finde es gut, dass die Bahn eng an die Bürger rangeht", sagt er. Das Werk im Großraum Nürnberg wird notwendig, weil die Bahn ihr ICE-Angebot ausbauen will. Nach Konzernangaben sollen hier rund um die Uhr bis zu 25 Züge für ihren nächsten Einsatz hergerichtet werden. Die Bahn will rund 400 Millionen Euro investieren und 450 neue Arbeitsplätze schaffen.

Nur die Bahn spricht beim Online-Dialog

Gut eineinhalb Stunden dauert der Online-Dialog. Die Teilnehmer können ihre Fragen schriftlich per Chat stellen. Beantwortet werden sie von Carsten Burmeister, dem Projektleiter für den Bau des ICE-Werks im Großraum Nürnberg. Ein echter Dialog ist das nicht. "Die Fragen wurden durch den Moderator gut zusammengefasst und größtenteils beantwortet", bilanziert Bürgermeister Kotzur nach der Veranstaltung.

Möglicher Standort Feucht: Gefährliches Giftgas im Boden

Antworten gab es zum Beispiel auf die Frage nach den Pro-Argumenten für den Standort in Feucht. Die Bahn will das Werk, das mindestens rund 35 Hektar Fläche benötigt, auf dem Gelände der ehemaligen Heeresmunitionsanstalt bauen. Seit dem zweiten Weltkrieg ist die Muna abgesperrt, zum Schutz vor alter Munition, die hochgehen kann. Außerdem gibt es dort den sogenannten "Sarkophag". Unter einem dicken Betondeckel lagern Giftgas-Granaten.

Sanierung soll Akzeptanz erhöhen

Eigentlich müsste das Gelände schon längst saniert, müssten die Altlasten entsorgt sein, sagt der Bürgermeister. Doch passiert ist bisher nichts. Die Bahn verspricht nun, dass mit dem Bau des ICE-Werks auch das gesamte Gelände geräumt werden soll. "Wir wollen den Anstoß zur Sanierung geben", sagt Burmeister. Die Bahn benötigt nur rund 20 Prozent der gesamten Muna-Fläche von rund 190 Hektar. Die gehört dem Bund – und der muss mitziehen. Wenn saniert werde, dann werde alles saniert, so Burmeister. Er ist sich sicher, dass die "gesellschaftliche Akzeptanz" des Werks dadurch steigen werde.

Langes Warten auf Kampfmittel-Räumung

Die Kosten werden sich Bund und Bahn teilen. Darüber und über die Dauer der Munitions-Beseitigung gibt es allerdings noch keine Schätzungen. Burmeister rechnet damit, dass die Räumung der Fläche den Zeitplan für das Werk nicht durcheinanderbringen wird. Bürgermeister Kotzur hört aufmerksam zu. Die Sanierung der Muna will er schon lange voranbringen. Allerdings: "Es wäre mir lieber, wenn das ohne den Bau des ICE-Werks möglich wäre."

Kritik an Lärmbelastung und Landschaftsverbrauch

Im Online-Chat geht's auch ums Grundsätzliche: Die Teilnehmer wollen das Werk nicht vor ihrer Haustür. Und auch nicht an den anderen acht Standorten, die die Bahn im Großraum ins Visier genommen hat. Kritisiert wird in Feucht wie überall, dass für das Werk viel Wald gerodet und wertvolle Landschaft zugebaut werden muss. Außerdem fürchten die potenziellen Anwohner den Lärm, der rund um die Uhr von dem Werk ausgehen wird.

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Bildrechte: picture alliance/dpa, Timm Schamberger

Bei der Vorstellung des Projekts war Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König noch erfreut über die Investition in der Bahn-Metropole Nürnberg.

Lautstarke Proteste wirken

Mit diesen Argumenten machen Anwohner und Umweltschützer an allen Standorten mobil. Zum Beispiel in den Nürnberger Stadtteilen Fischbach und Altenfurt. Als die Bahn ihre Pläne für ein ICE-Werk im Großraum vorstellte, war Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU) erfreut über die Großinvestition. "Wir schaffen Arbeitsplätze, wir schaffen Innovation. Das passt zu Nürnberg, und das tut auch der Region richtig gut", sagte er damals bei der Vorstellung des Projekts. Inzwischen liegen Details zu den Planungen vor, und in den Stadtteilen hat sich lautstarker Widerstand formiert.

Bauchgefühl spricht gegen den Standort

OB König hört deshalb auf sein Bauchgefühl, wie er immer wieder betont. "Der Standort ist zu nahe an der Wohnbevölkerung. Deshalb wird es von der Stadt keine Unterstützung geben", sagt er am Rand einer Demonstration. Und kann sich auf prominente Rückendeckung aus der CSU verlassen. "Ich bin dankbar, dass der Freistaat, auch der Ministerpräsident in Person, ganz klar gesagt hat, wir verkaufen keinen Wald, bei uns steht der Mensch an erster Stelle." Eine klare Position.

Favoriten stehen im November fest

Die Bahn wird sie zur Kenntnis nehmen. Einen offiziellen Kommentar dazu gibt es nicht, wie überhaupt zum gesamten Ablauf der Bürger-Dialoge. Das Verfahren geht wie vorgesehen weiter. Die Bahn wird die Detail-Planungen für die einzelnen Standort-Alternativen fortführen. Zwischen August und Oktober wird es eine zweite Dialog-Runde geben. Ob bis dahin noch alle neun bisherigen Standorte dabei sein werden, ist völlig offen. Im November werden dann die Favoriten feststehen, mit denen die Bahn ins Raumordnungsverfahren bei der Regierung von Mittelfranken geht.

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Eine Investition von 400 Millionen Euro, 450 neue Jobs: Im Großraum Nürnberg will dennoch niemand ein ICE-Werk. Stanislaus Kossakowski berichtet von den Online-Dialogen der Bahn im Regionalzeit-Gespräch auf Bayern2.

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