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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Benedikt Spether

In München und Würzburg haben katholische Priester am Wochenende homosexuelle Paare gesegnet.

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Homo-Segnung: Widerspruch zur Schöpfung oder längst überfällig?

Bundesweit fanden am Wochenende Segensfeiern für homosexuelle Paare statt. Auch wenn Kritiker darin einen Widerspruch zur Schöpfungsordnung sehen, bewegt sich in der katholischen Kirche gerade viel, meint der Erfurter Theologe Benedikt Kranemann.

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Von
  • Andrea Neumeier
  • BR24 Redaktion
  • Christian Wölfel

Die Initiatoren von #liebegewinnt haben eine positive Bilanz ihrer Aktion für mehr Toleranz in der katholischen Kirche gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren gezogen. Aus einem "Graswurzel"-Impuls sei eine Bewegung hervorgegangen, die am Ende 110 offiziell gelistete Segnungsgottesdienste hervorgebracht habe, erklärte die Initiative.

Die Aktion war eine Reaktion auf Äußerungen aus dem Vatikan gewesen. Die Kongregation für die Glaubenslehre hatte am 15. März eine Note veröffentlicht, dass die Kirche nicht die Vollmacht habe, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen.

Geistliche halten Segensfeiern für zu demonstrativ

Während viele deutsche Bischöfe das Schreiben aus dem Vatikan offen kritisiert hatten, halten manche Geistliche die Segensfeiern für zu demonstrativ und zu laut. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, hatte Ende April gesagt, er halte öffentliche Aktionen wie diese nicht für ein hilfreiches Zeichen und einen weiterführenden Weg. Segnungsgottesdienste hätten ihre eigene theologische Würde und pastorale Bedeutung. "Sie sind nicht als Instrument für kirchenpolitische Manifestationen oder Protestaktionen geeignet", so der Limburger Bischof.

Frankfurter Stadtdekan kritisiert Protestaktion

Auch der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz sieht die Segensfeiern kritisch und stellt sich auf die Seite von Georg Bätzing. Zu Eltz zählt zu den Reformern und setzt sich für eine offizielle Billigung des Bischofs ein, es liefen starke Bestrebungen Segensfeiern für homosexuelle Paare in absehbarer Zeit zu ermöglichen, sagte zu Eltz gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Doch zurzeit sei man noch nicht so weit. "Ich bin nicht glücklich darüber, wenn das jetzt in so eine Protestlogik hineinkommt. Ich will denen, die das als Paare und Geistliche feiern, überhaupt nicht den guten Willen absprechen. Aber ich finde den Ansatz 'Wir machen das jetzt so massenhaft, dass niemand mehr gegen uns ankommt' nicht hilfreich. Ich finde, das wird den Paaren nicht gerecht, aber auch nicht der Kirche, die im Namen Gottes segnen soll."

In Würzburg war vermutlich von Kritikern ein Teil des Plakates entwendet worden, mit dem sich der Augustinerorden zur Segnung homosexueller Paare bekannt hatte. Das Plakat zierte die Eingangstür der Augustinerkriche, in der am Wochenende Segensfeiern homosexueller Paare stattgefunden hatten. Der Orden will deshalb Anzeige gegen Unbekannt wegen Sachbeschädigung und Diebstahl stellen.

Diskussion wird von Katholiken weltweit geführt

Benedikt Kranemann ist Liturgiewissenschaftler und Theologe in Erfurt. Er spricht sich deutlich für Segensfeiern für homosexuelle Partnerschaften aus und glaubt, dass sich in der katholischen Kirche gerade viel bewegt. Denn Kritik am Schreiben aus Rom gibt es nicht nur in Deutschland: In Belgien zum Beispiel hat die Bischofskonferenz das Papier abgelehnt. "Aus einer vielleicht eher vorsichtigen Haltung hat sich eine Praxis entwickelt, bei der sich viele offen zu Menschen, die in einer homosexuellen Beziehung leben, bekennen und auch die Seelsorgerin und Seelsorger hier zu entsprechendem Handeln bereit sind", beobachtet Benedikt Kranemann.

Vor zehn Jahren wäre die Angst vor Sanktionen größer gewesen

Vor zehn Jahren wäre seiner Meinung nach eine solche Aktion kaum vorstellbar gewesen. Bei Pastoralreferenten, Diakonen und Priestern wäre die Angst vor Sanktionen viel zu groß gewesen. Außerdem habe sich die Einschätzung vieler theologischer Fächer grundlegend geändert. "Es gibt immer wieder Signale aus Rom, dass Papst Franziskus einen anderen Umgang mit Gleichgeschlechtlichen einfordert. Wobei es immer wieder auch Äußerungen sind, die Interpretation zulassen, die also etwas im Ungewissen bleiben", sagt Benedikt Kranemann. Trotzdem gebe es unter den deutschen Bischöfen auch eine Reihe, die in den vergangenen Jahren weit nach vorne gegangen sind. Denn es sei keine innerdeutsche, sondern eine Diskussion der Weltkirche.

Kann man jemandem den Segen Gottes verwehren?

Für Kranemann dreht sich die Diskussion um die Frage: "Kann man jemandem den Segen Gottes verwehren? Kann man einer gelebten Liebesbeziehung den Segen verwehren? Ich bin der Meinung, dass die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare etwas für die Kirche so Wesentliches ist. Da geht es nicht um die Frage mehr oder weniger Segen, sondern da geht es darum, dass sich die Kirche zu diesem Segen und zu diesem Paar in aller Öffentlichkeit bekennt", sagt der Erfurter Theologe.

Kranemann erklärt, die Sorge vieler Kritiker sei einerseits, dass homosexuelle Beziehungen gegen die Schöpfungsordnung verstoßen und andererseits, eine Segensfeier homosexueller Paare könnte das Sakrament der Ehe beschädigen und klein machen. Kranemann hält diese Sorge aber für unbegründet: "Wir haben viele Situationen in der Kirche, wo wir unterschiedliche Liturgien nebeneinander haben: Bei einer einfachen Agapefeier kommt niemand auf die Idee zu sagen, die muss verboten werden, weil sie verwechselt werden könnte mit der Eucharistiefeier", sagt Benedikt Kranemann. Einem heterosexuelles Paar nicht das Sakrament der Trauung zu spenden, weil ein homosexuelles Paar gesegnet werden könnte, hält Kranemann für eine absurde Vorstellung. "Es ist einfach wichtig, dass die Kirche hier entsprechende Schritte geht", fordert der Theologe.

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