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Was bleibt vom Home-Office?

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Home-Office: Plötzlich möglich und nach der Krise wieder weg?

Während der Corona-Krise haben viele Unternehmen auf Home-Office umgestellt. Plötzlich konnte von daheim aus gearbeitet werden. Langsam kehren viele Beschäftigte zurück in die Betriebe. Was bleibt also vom Home-Office?

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Die Chefin der Agentur cb-friends in Forchheim, Claudia Bähr, sitzt an ihrem Computer und spricht mit ihren 26 Mitarbeitern via Videokonferenz. Jeder hat sich eine eigene Hintergrundfarbe ausgewählt, je nach seiner heutigen Stimmung.

Bähr, mit pinkem Hintergrund, bespricht die Tagesplanung, verabredet sich mit Kollegen zu kreativen Sitzungen oder einem kurzen Infogespräch. Vor der Krise war sie eine absolute Gegnerin des Home-Office. Das hat sich schlagartig geändert. Tools, Software-Angebote und der Zuspruch ihrer Mitarbeiter haben sie überzeugt.

Es geht auch so, obwohl etwas fehlt

Die Agentur in Oberfranken berät Firmen bei der eigenen Positionierung im Markt. Früher reiste Chefin Claudia Bähr viel, saß in zahllosen Kreativsitzungen mit ihren Mitarbeitern und an Konferenztischen mit Kunden. Sie hat entdeckt, dass es auch anders geht. "Es waren einfach Vorbehalte bei mir. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das klappt, dass Kundentermine eingehalten werden können, dass die Organisation reibungslos funktioniert", resümiert sie im Nachhinein.

Heute weiß sie, dass es klappt. Sie und ihre Mitarbeiter haben plötzlich erkannt, wie viele praktische Tools es gibt, wie viel Zeit- und Benzinersparnis das bringen kann und dass doch effektives Arbeiten möglich ist.

"Ich bin total überzeugter Fan vom Home-Office geworden, weil es einfach super gut läuft. Alle meine Vorurteile haben sich in Luft aufgelöst." Claudia Bähr, Agentur cb-friends

Es fehle aber die gemeinsame Freude mit den Kollegen, wenn ein neuer Kunde gewonnen wurde. Es fehle die Tasse Kaffee und der persönliche Plausch. Mittlerweile verabredet sich Claudia Bähr auch schon einmal auf einen Kaffee im Videochat.

Und plötzlich war vieles möglich

Home-Office war in vielen bayerischen Betrieben bis Mitte März nur bedingt möglich. Manche durften tageweise zuhause bleiben, manche gar nicht. Nur für wenige war das Arbeiten im Home-Office bereits Alltag. Nach einer repräsentativen Befragung von 850 Betrieben durch den Digitalverband Bitkom ergab sich folgendes Bild im Jahr 2019: Vier von zehn befragten Arbeitgebern ermöglichen Mitarbeitern, im Home-Office zu arbeiten - oft stark beschränkt an einzelnen Tagen. Die Corona-Pandemie zeigte, dass es vor allem an den technischen Voraussetzungen mangelte: Es fehlten PCs, schnelle Internetverbindungen, Lizenzen für VPN-Zugänge, die richtige Kommunikation zwischen Kollegen oder die Vorkehrungen für den Datenschutz.

Bitkom befragte wiederholt im März 2020 rund 1.000 Bundesbürger. Ergebnis: Fast jeder zweite (49 Prozent) arbeitete ganz oder teilweise im Home-Office. Eine Befragung des Bayerischen Forschungsinstituts für digitale Transformation ergab, dass in der Krise 43 Prozent der internetnutzenden Berufstätigen von zu Hause aus arbeiteten.

Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie gab es in Deutschland ein bislang ungenutztes Potenzial an Home-Office-Möglichkeiten, das nun für einen Anstieg beim Arbeiten von zu Hause führen dürfte - dies ist auch das Fazit des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit, IAB. Doch ist das so?

Agentur-Chefin Bähr bleibt beim Home-Office

In der Agentur cb-friends hat sich die Mehrheit der Mitarbeiter auch weiterhin für das Arbeiten im Home-Office ausgesprochen. Chefin Claudia Bähr auch, doch sie weiß, dass die Umstellung viele Auswirkungen hat, an denen gearbeitet werden muss. So wird sich die Arbeitswelt in der Agentur verändern. Die Kollegen werden mehr in Teams zusammenarbeiten und selbst bestimmen, wo das sein wird, ob daheim oder im Büro. Dadurch erhalten sie mehr Verantwortung.

1.200 Quadratmeter Bürofläche hat die Agentur derzeit angemietet. Das wird sie bei einer Umstellung auf ein Teil-Home-Office nicht mehr brauchen. Claudia Bähr kann dann überlegen, die Fläche zu reduzieren. Das bedeutet aber auch, dass der "territoriale Schreibtisch" passé ist. Es wird keine festen Arbeitsplätze mehr für jeden Mitarbeiter geben.

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Online-Abstimmung über den Verbleib von Home-Office als Möglichkeit in der Agentur cbs-friends.

Umfragen zeigen überwiegend positive Rückmeldungen

Wie viele Mitarbeiter im Home-Office während der Corona-Zeit arbeiteten, weiß niemand so genau. Doch einige Studien und Befragungen zeigen: Es waren viele und es werden nach der Krise mehr sein als noch 2019. Das liegt auch an der hohen Zufriedenheit der Mitarbeiter. Laut bidt sind 75 Prozent der Home-Office-Neulinge zufrieden mit der neuen Form der Arbeit – trotz möglicher Probleme in Sachen Kinderbetreuung.

39 Prozent der Befragten, die während der Corona-Krise erstmals im Home-Office sind, erklärten, dass ihre Arbeitgeberin oder ihr Arbeitgeber früher ein Home-Office nicht erlaubt habe. 26 Prozent führen als Grund an, dass sie selbst nicht von zuhause aus arbeiten wollten.

Wenn Chefs die Arbeit im Home-Office ablehnen

In der Befragung des Digitalverbandes Bitkom 2019 wurden Unternehmensführer auch befragt, warum sie das Arbeiten im Home-Office nicht stärker zulassen. Am häufigsten gaben sie an, dass diese Möglichkeit nicht für alle Mitarbeiter vorhanden sei. Aber es gibt auch noch andere Argumente der Arbeitgeber: Mehr als die Hälfte (58 Prozent) meint, dass ohne direkten Austausch mit Kollegen die Produktivität sänke.

Und fast ebenso viele (55 Prozent) sagen, dass Home-Office generell nicht vorgesehen sei. Für gut jedes dritte Unternehmen spricht gegen flexible Heimarbeit, dass die Mitarbeiter nicht jederzeit ansprechbar seien (33 Prozent), knapp drei von zehn sagen, die Arbeitszeit sei nicht zu kontrollieren (29 Prozent).

Chefs brauchen neuen Führungsstil

In der Corona-Zeit hat sich gezeigt, dass diese Vorbehalte oft nicht zutrafen. Wird mehr Home-Office eingeführt, so muss sich auch der Führungsstil von Arbeitgebern ändern. Die Universität Bamberg hat sich auch diesem Thema gewidmet. Judith Volmer, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Bamberg, ist überzeugt: Ein hierarchischer Führungsstil gehört der Vergangenheit an.

"Mit der traditionellen Führung, wo ich lediglich Aufgaben vorgebe, die dann erfüllt werden und die das Ganze kontrollieren, komme ich jetzt nicht mehr weit, sondern ich muss jetzt auch meine Beschäftigten ermächtigen und befähigen." Prof. Judith Volmer, Universität Bamberg

Schon seit längerer Zeit beobachtet die Professorin einen neuen Trend in Betrieben: weg von Vorgaben, hin zu geteilter Führung. Das heißt, der autoritäre Führungsstil nimmt immer mehr ab in Unternehmen. Das Arbeiten in konstruktiven Teams nimmt zu.

Ein hohes Maß an Vertrauen und mehr Verantwortung für Mitarbeiter ist Voraussetzung für ein gutes Arbeiten im Home-Office, so Judith Volmer. Sie empfiehlt zudem einen guten Mix aus zwei Tage Arbeit von daheim aus und drei Tage im Büro, auch wenn viele Unternehmen aus Kostengründen jetzt schon überlegen, ganz auf Home-Office umzustellen.

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