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Bildrechte: picture alliance / dpa | Karl-Josef Hildenbrand

Die Zahl der bayerischen Höfe schrumpft unaufhaltsam: Ende 2020 gab es in Bayern über 15.000 Höfe weniger als noch vor zehn Jahren. Aufgegeben haben vor allem hauptberufliche Bauern. Das Problem laut Bauernverband: "Supermarktketten drücken Preise."

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Höfesterben in Bayern: 15.000 Bauern zum Aufgeben gezwungen

Die Zahl der bayerischen Höfe schrumpft unaufhaltsam: Ende 2020 gab es in Bayern über 15.000 Höfe weniger als noch vor zehn Jahren. Aufgegeben haben vor allem hauptberufliche Bauern. Das Problem laut Bauernverband: "Supermarktketten drücken Preise."

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Von
  • Anne-Lena Schug

Fährt man nach Kallmünz im Landkreis Regensburg, sieht man Acker, Wiesen und Höfe. Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass auch hier viele Bauern in den letzten Jahren aufgegeben haben. Ich fahre zu Adolf Achhammers Hof im Ortsteil Dallackenried. Er zeigt mir seine zwei Schweineställe. "Hier waren mal die Ferkelboxen", sagt er. Seit gut einem Jahr sind sie leer.

Früher hörte man hier noch das Quieken und Grunzen der 15 Zuchtsauen und der insgesamt 300 Mastschweine. Jetzt hört man nur noch den Straßenverkehr. Unsere Schritte hallen durch die leeren Schweinebuchten, Spinnenweben hängen von den Decken.

Ehemaliger Bauer: "Irgendwann ist man zum Aufgeben gezwungen"

Bauer Achhammer sagt: "Ich habe es gern gemacht. Wir hatten 45 Jahre lang hier Schweine. Ich bin mit ihnen aufgewachsen." Die Entscheidung aufzuhören hat ihn schlaflose Nächte gekostet. Ihm habe das Wasser bis zum Hals gestanden, erzählt er: "Dann ist man gezwungen, aufzugeben." Ein halbes Jahr könne man schon mal überbrücken, aber dann sei Schluss. Am Schluss sei das Aufgeben eine Erleichterung gewesen. "Weil es nicht sein kann, dass ich immer mehr Auflagen erfülle und meine Schweine werden dann als Billigwurst verkauft", so Achhammer.

Immer mehr neue Auflagen bedeuteten für den Bauern Achhammer mehr Ausgaben. Die Einnahmen stiegen jedoch nicht. Im Gegenteil: "Das Kaufverhalten der Verbraucher muss sich ändern. Alle sagen, sie wollen Regionalität fördern. Aber wenn sie an der Kasse stehen, sieht das wieder ganz anders aus."

Die Gemeinschaft der Bauern bricht weg

Achhammer war der letzte Tierhalter in Dallackenried. Dass immer mehr Bauern aufgaben, war auch für ihn eine schlechte Entwicklung. Erstens, weil es weniger regionale Vielfalt gibt, und zweitens, weil die Gemeinschaft wegbricht. Früher haben sich die Bauern gegenseitig geholfen.

"Wenn eine Kuh gekalbt hat oder wenn man Hilfe gebraucht hat, war jemand da", sagt Achhammer. Das verändere ein Dorf. Die großen Bauern hätten so viel Stress, "die können gar nicht mehr ratschen." Die Dörfer werden nur zu Schlafstätten. Die Leute arbeiten in der Stadt und kommen nur zum Schlafen aufs Land.

Bauernhöfe dienen jetzt als Werkstatt oder Lagerhalle

Achhammer betreibt jetzt noch Ackerbau im Nebenerwerb. Hauptberuflich arbeitet er als Baumaschinenführer. Die beiden leeren Ställe wird er wohl - so wie es auch die anderen Bauern bei ihm im Ort gemacht haben - zur Werkstatt umfunktionieren, als Lagerhalle vermieten oder sogar abreißen. Es ist ein schrittweiser Untergang des Hofes.

Johann Mayer, Obmann beim Bauernverband für den Landkreis Regensburg, beobachtet schon lange die Entwicklung in Kallmünz. Er sagt, das Hofsterben vollziehe sich schleichend: Zuerst werde die Tierhaltung aufgegeben, der Hof werde im Nebenerwerb geführt, dann käme der Übergang zum, wie er sagt, Hobbylandwirt. Doch auch das nur solange es Spaß mache.

Landwirtschaft oft nur noch Hobby oder komplett aufgegeben

Will jemand dann zum Beispiel mehr Zeit für die Familie oder Urlaub oder stehen Investitionen an, wird die Landwirtschaft komplett aufgegeben. Die Flächen werden an Großbauern verpachtet, die Ställe umfunktioniert oder abgerissen. Die Gefahr: Ist es erst einmal so weit, wird der Hof wohl nie wiederbelebt. Zumal die Aussichten nicht rosig sind. Sinkende Verbraucherpreise, Klimawandel, Wasserknappheit, die internationale Konkurrenz.

"Man steht in der Konkurrenz mit ganz Europa", sagt Mayer. "Wenn sehr viele aufhören, kann es schon zu einer Marktbereinigung kommen." Inzwischen seien die Märkte offen. Lücken, die sich auftun würden sofort von Landwirten aus anderen Ländern geschlossen.

Bauernverband: Supermarktketten diktieren Bauern die Preise

Um das Höfesterben aufzuhalten, müsse es sich wieder lohnen, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Es könne nicht sein, dass die großen Supermarktketten den Bauern die Preise diktierten und sie so in die Knie zwängen, so Johann Mayer.

"Die Landwirtschaft ist finanziell ausgelutscht", sagt Mayer vom Bauernverband. "Weiter runter geht es nicht mehr." Es müsse ein Wachrütteln stattfinden: Alle fragten sich, wo der Tante-Emma-Laden sei, gingen dann aber trotzdem zum Supermarkt. "Ich bin ein Optimist, ich denke, dass unsere Gesellschaft sehr schnell erleben wird, dass wir eine Grundversorgung vor Ort haben müssen", so Mayer. "Corona hat gezeigt, dass Grenzen geschlossen werden."

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