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Hilfsorganisationen kritisieren Ankerzentren für Flüchtlinge | BR24

© picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Schweinfurt: Die Pforte des Ankerzentrums.

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Hilfsorganisationen kritisieren Ankerzentren für Flüchtlinge

Seit einem Jahr gibt es die Ankerzentren für Flüchtlinge in Bayern: Sammelunterkünfte, in denen Asylbewerber bleiben, bis über ihren Asylantrag endgültig entschieden ist. Hilfsorganisationen haben diese Sammelunterkünfte nun stark kritisiert.

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Blessing kämpft mit den Tränen. Immer wieder hat die 24-Jährige ihre Geschichte erzählt. Aus Nigeria floh sie vor Gewalt, in Italien war sie gezwungen sich zu prostituieren, in Deutschland erhofft sie ein Leben in Sicherheit für sich und ihren kleinen Sohn. Ein Jahr und neun Monate lebte die alleinerziehende Mutter aus Nigeria im Ankerzentrum in Manching-Ingolstadt, doch auch dort erlebte sie Übergriffe.

"Ich will nicht unhöflich sein, oder so rüberkommen, als würde ich die Regierung nicht würdigen, aber ich glaube, sie könnten mehr tun. Und ich glaube, vieles was passiert, kommt gar nicht von der Regierung, sondern vom Personal in diesen Einrichtungen. Sie machen ihre eigenen Gesetze und behandeln die Leute sehr schlecht." Nigerianerin Blessing

Das Ankerzentrum in Manching-Ingolstadt wird von der Regierung von Oberbayern betrieben, um die Bewohner kümmert sich aber eine Privatfirma. Auch die Security-Mitarbeiter, meist Männer, gehören einer externen Firma an. Amir aus Iran lebte über ein Jahr im Anker-Zentrum in Bamberg. Dort ist der Security-Dienst in privaten Händen.

"Die Securities sind von 8 Uhr abends bis morgens um 8 Uhr die Könige im Lager. Sie sind wie eine Mafia. Wenn sie was tun, unterstützen sie sich gegenseitig. Die meisten sind aus Afghanistan. Sie tragen kein Namensschild. Sie verstoßen gegen die Regeln, aber von außen sieht niemand, was drinnen passiert, in diesem – Guantanamo." Iraner Amir

Innenminister zufrieden mit Ankerzentren

Im Ankerzentrum Bamberg haben die Bewohner keine Schlüssel für ihre Zimmer, aus Brandschutzgründen heißt es. Jede Nacht kommt die Polizei, um Menschen abzuschieben und es gibt keinen Zugang zu einer unabhängigen Rechtsberatung. Auch dürfen die Asylbewerber nicht außerhalb des Ankerzentrums arbeiten. Amir, der Lehrer und Dolmetscher aus dem Iran, wartet seit über einem Jahr auf die Erst-Entscheidung seines Asylantrags. Dabei wurden die Ankerzentren vor allem geschaffen, um die Asyl-Verfahren zu beschleunigen.

In den Ankerzentren befinden sich alle zuständigen Behörden auf einem Gelände. Für Bayerns Innenminister Joachim Herrmann bewährt sich das Modell.

"Wir haben jetzt nach zwei Monaten die Entscheidung des BAMF, d.h. dass all die, die anerkannt werden, um die 30 Prozent mindestens, schon nach zwei Monaten Sicherheit haben, dass sie hierbleiben dürfen. Und andere, die abgelehnt werden, haben die Möglichkeit, Klage zu erheben und das dauert dann natürlich einige Monate." Joachim Herrmann, Innenminister

Oder Jahre. So kommt es, dass selbst Familien mit kleinen Kindern manchmal bis zu zwei Jahre in den Massenunterkünften leben. Das Leben dort macht auf Dauer krank, sagt Stephanie Hinum. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und betreut in einem Hilfsprojekt von Ärzte der Welt Traumatisierte im Anker-Zentrum Manching-Ingolstadt.

"Die Erfahrung der absoluten Hilflosigkeit, dass ich keinen Einfluss auf mein Leben habe, würde jeden Menschen krank machen, aber gerade die Menschen, die schon vorbelastet sind, die verkraften das nicht." Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Stephanie Hinum

Hilfsorganisationen fordern die Schließung der Ankerzentren

Ärzte der Welt fordert deshalb, das Pilotprojekt Ankerzentrum noch in diesem Jahr zu beenden. Der Bayerische Flüchtlingsrat bevorzugt eine dezentrale Unterbringung von Geflüchteten. Joachim Jacob vom Verein "Unser Veto", in dem sich ehrenamtliche Flüchtlingshelferinnen zusammengeschlossen haben, hat gute Erfahrungen mit kleinen Unterkünften. Hier können Ehrenamtliche leichter bei der Integration helfen Schwieriger ist das bei den Geflüchteten, die erst nach vielen Monaten Aufenthalt im Ankerzentren auf die Kommunen verteilt werden.

"Die können kaum Deutsch, die kennen sich kaum aus, die wissen nicht, wie man ein Busticket bucht, die wissen nicht, wie man sich anmeldet oder ähnliches, und vor allen Dingen der Optimismus der bei vielen am Anfang vorherrschte ist nicht mehr vorhanden. Es sind gebrochene Menschen, die wenig Enthusiasmus aufbringen und in den Unterkünften erhebliche Probleme sind." Unser Veto Joachim Jakob

Höchstens drei Monate sollten Menschen in Ankereinrichtungen leben müssen, sagt die 24-jährige Blessing. Sie ist mit ihrem kleinen Sohn nach einem Jahr und neun Monaten nach Nürnberg verlegt worden. Hier kann sie endlich ihr Zimmer absperren. Ihr Asylverfahren läuft noch.

💡 Was ist ein "Ankerzentrum"?

Das Wort "Anker" steht für für An(kunft), k(ommunale Verteilung), E(ntscheidung) und R(ückführung). Um diese Aufgaben zu bewältigen, sollen mehrere Institutionen in den sogenannten Ankerzentren eng vernetzt miteinander arbeiten: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), die Bundesagentur für Arbeit, Jugendämter sowie Ausländerbehörden und Verwaltungsgerichte. Kurze Wege sollen Verfahren beschleunigen. Die Aufgaben werden gebündelt erfüllt.

Zunächst wird die Identität der Flüchtlinge festgestellt. Nach der Altersbestimmung werden unbegleitete Minderjährige durch Jugendbehörden in Obhut genommen. Erwachsene bleiben in den „Anker-Einrichtungen“.

Der Aufenthalt in den "Ankerzentren" soll in der Regel maximal 18 Monate dauern, bei Familien mit minderjährigen Kindern sechs Monate. Laut Koaltionsvertrag sollen nur noch diejenigen auf die Kommunen verteilt werden, für die eine positive Bleibeprognose bestehe. Alle anderen sollen aus den "Ankerzentren" in ihre Heimatländer zurückgeführt werden.