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Hexenwahn in Eichstätt | BR24

© picture-alliance/akg-images

Ein neu kolorierter Holzschnitt von circa 1580 zeigt drei Frauen, die lebendig verbrannt werden. Ein Kind wird ins Feuer zurückgestoßen.

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Hexenwahn in Eichstätt

Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert wurden in Eichstätt Hunderte Menschen als Hexen verfolgt, gefoltert, verurteilt und hingerichtet. Lange wurde in der Domstadt über die Hexenverfolgungen geschwiegen. Das ändert sich gerade.

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Von
  • Bernd-Uwe Gutknecht
  • BR24 Redaktion

Eichstätt, die selbsternannte Perle des Altmühltals, Idyll im Naturpark, Domstadt. Sitz der einzigen Katholischen Universität im deutschsprachigen Raum, Bischofssitz - und vor vierhundert Jahren: eine Hochburg der Hexenverfolgung.

Von rund 60.000 Opfern des Hexenwahns in ganz Europa starben 40 Prozent in den fränkischen Bistümern. In Bamberg, Würzburg, Eichstätt. Warum ausgerechnet hier? Die Historikerin Franca Heinsch aus Bamberg forscht seit Jahren zu den Hexenverfolgungen in Franken.

Die Herrscher suchten Sündenböcke für die akuten Notlagen

Die Gründe für die Untaten sind vielfältig: Kriege, Krisen und die sogenannte kleine Eiszeit: "Es gab Frostnächte, die bis in den Mai hineingegangen sind, so dass die Bauern ihre Felder zwar bestellen konnten, es aber eine geringe Ernte gab, die auch zu Vorratsknappheit und Hungersnot geführt hat." Als weiterer Grund gelte auch der Dreißigjährige Krieg. Von 1618 bis 1648 wurde um die Frage gefochten, ob nun der katholische oder der protestantische Glaube der richtige sei. Die Einheit des Glaubens war gebrochen wie auch die Einheit des Reiches. In Klein-Territorien herrschen Markgrafen, Fürsten, Fürstbischöfe. Und die suchten Sündenböcke für die akuten Notlagen, erklärt Heinsch.

Hexen wurden als Strafe Gottes gesehen, die eliminiert gehören. Die erfundenen Vorwürfe lauteten: Teufelsbuhlschaft, Teufelspakt, Teufelstaufe, Hexenflug, Hexentanz, Gottesverleugnung, Gotteslästerung, Schadenzauberei, Wettermachen, Verführung anderer zu Hexerei, Tötung von Kindern. Bei vielen Menschen fielen die absurden Schuldzuweisungen auf fruchtbaren Boden.

"Brand-Bischof" für mindestens 176 Hinrichtungen verantwortlich

Wir befinden uns im Kreuzgang des Eichstätter Klosters; in der Mitte ist die Grabstelle für die Dom-Kapitulare, darum herum sind die Denkmäler für Bischöfe und Domherren. "Und da auch unser Westerstetten, außen keinerlei Bemerkungen, was für ein schlimmer Bursche das war", sagt Dr. Erich Naab. Er ist emeritierter Theologie-Professor, lehrte Dogmatik an der Katholischen Universität Eichstätt und ist Vorsitzender des Diözesangeschichtsvereins. Der "schlimme Bursche", Fürstbischof Johannes Christoph von Westerstetten, war als "Hexen-Bischof" oder"Brand-Bischof" bekannt. Warum war er so böse? "Wenn man in ein Extrem fällt, dann berührt man das andere", sagt Naab. "Der war überkatholisch und war aus Feuereifer fromm, also frömmelnd." In seiner Amtszeit von 1612 bis 1637 war von Westerstetten für die Hinrichtungen von 176 Frauen, Männern und Kindern verantwortlich. Die Dunkelziffer ist vermutlich noch höher.

Der Hexenhammer rechtfertigt die Verfolgung vor allem von Frauen

Warum waren es zu 88 Prozent Frauen, die da verfolgt wurden? - diese Frage lässt die Pädagogin und Politikwissenschaftlerin Eva Martiny nicht mehr los. "Mit Sicherheit hat es auch etwas mit dem Frauenbild der damaligen Kirche zu tun." Auf Ihrem Schreibtisch liegen die Liste mit Hunderten Namen der als Hexen Hingerichteten – und der Hexenhammer. Lateinisch: "Malleus mallificarum". 1486 vom Dominikanermönch Heinrich Kramer Institoris veröffentlicht: die Rechtfertigung für die Verfolgung vor allem von Frauen. Darin heißt es: "Was ist das Weib anders als die Feindin der Freundschaft, eine unentrinnbare Strafe, ein notwendiges Übel, eine natürliche Versuchung, ein wünschenswertes Unglück, eine häusliche Gefahr, ein ergötzlicher Schade, ein Mangel der Natur, mit schöner Farbe gemalt."

"Frauen waren im Mittelalter noch Handwerkerinnen, sie waren zum Teil sogar Zunftmeisterinnen", sagt Martiny. "Durch diese Art der Verfolgung und Betrachtung der Frau ist es tatsächlich gelungen, die Frauen in eine gesellschaftliche Randposition zu drängen."

© Bernd-Uwe Gutknecht

Auf dem Galgenberg erinnert ein etwas verwittertes Denkmal hinter einer Hecke an die Gräueltaten, die hier stattfanden.

Ein Themenwanderweg erinnert an die Gräueltaten

In Eichstätt gibt es einen neu kreierten Themen-Wanderweg. Der sogenannte Galgenberg ist heute eine unscheinbare Wiese auf einer Anhöhe über der Altstadt, eingerahmt von den hier typischen Kalkstein-Brüchen. Am Wiesenrand die steinernen Überbleibsel einer Kapelle. Hier durften die Verurteilten ein letztes Gebet sprechen, bevor es zum Schafott ging. Die meisten Hinrichtungen wurden vor Publikum durchgeführt, oft war die Teilnahme verpflichtend, um abzuschrecken. Scharfrichter und Stadtknechte ritten oder gingen voraus. Bis zur Henkersstätte. Auf einem steilen Trampelpfad, der heute noch Henkerssteig heißt, wurden die Todeskandidaten aus der Stadt nach oben geführt. In den meisten Fällen waren sie von den Folterungen aber so geschwächt, dass sie auf Holzkarren hinaufgeschoben werden mussten. Wenn sie die Stadt durch das Buchtal-Tor verließen, wurden viele Verurteilte zum Abschied nochmals mit glühenden Zangen gequält.

In Gehweite vom Domplatz, in einer Seitenstraße, wo heute ein graues Beton-Bürogebäude steht, befand sich das Eichstätter Gefängnis. In dessen Kellerverliesen mussten die Angeklagten wochen- oder monatelang hausen. Auf nacktem Steinboden in den eigenen Fäkalien liegend, mit Eisen angekettet, von Ratten und Ungeziefer attackiert, in Dauer-Angst, planmäßig seelisch gebrochen.

© Bernd-Uwe Gutknecht

Gedenkstein auf dem Galgenberg.

Eichstätt gedenkt jetzt mit einer Steintafel

Von seinem Büro aus hat der neu gewählte Oberbürgermeister Josef Grienberger einen schönen Ausblick auf den Marktplatz mit dem Willibaldsbrunnen. Dort wunden im 17. Jahrhundert von den Blutrichtern Todesurteile über Hunderte unschuldige Eichstätter Bürgerinnen und Bürger verkündet.

Nach jahrelangen Diskussionen im Eichstätter Stadtrat, ob und wie der Opfer der Hexenverfolgungen gedacht werden könnte, entschied man sich für eine Steintafel mit dieser Inschrift: "Würdigung: Während der Hexenverfolgung im 16. und 17. Jahrhundert wurden in Eichstätt Menschen gefoltert, beraubt, ermordet bzw. verbrannt. Ansehen und Würde wurde ihnen genommen. Die Stadt Eichstätt verurteilt die Unrechtsprozesse und die Ermordung von Menschen wegen angeblicher Hexerei. Eichstätt 2020."

"Die Dinge sind, wie sie sind, man muss gedenken, erinnern und sich ermahnen, wie schlimm Menschen zueinander sein können", sagt Grienberger.

Erstmals äußert sich auch ein Bischof

Herbst 2018: Ein Symposium in der Domstadt sorgt für Aufsehen: "Hexenverfolgungen im Bistum Eichstätt". Schirmherr ist Bischof Gregor Maria Hanke: Er ist der erste Eichstätter Bischof, der sich zum Hexenwahn im Bistum äußert. Der Bischof sprach von unentschuldbaren Verbrechen, die vor allem einer seiner Vorgänger begangen habe: der Hexen-Bischof von Westerstetten. Nach Jahrhunderten des Schweigens eine starke Aussage.

Zwei Jahre später erscheint ein detailliertes Tagungsbuch zu dem Hexen-Symposium, an dem auch Erich Naab mitgewirkt hat. Als er Bischof Hanke ein Exemplar überreicht, nennt der das wohl dunkelste Kapitel in der Eichstätter Kirchengeschichte "eine blutende Wunde". Wohl auch durch die öffentliche Aufmerksamkeit motiviert beschließt die Diözese kurze Zeit später die Errichtung einer Gedenktafel für die Opfer im Dom. Sie wird im Mortuarium angebracht, quasi mit Blickkontakt zum Grabstein des Haupttäters, Fürstbischof von Westerstetten: Eine städtische und eine kirchliche Gedenktafel für die unschuldig Getöteten.

Heinsch: Man sollte die Opfer nachträglich freisprechen

Laut der Historikerin Franca Heinsch sind sowohl die Kirche als auch Stadtverwaltungen generell sehr zurückhaltend, was die Aufarbeitung der Hexenverfolgungen angeht: "Ein bisschen streiten sich die Gemüter darüber, sind die Hexen nun vor den weltlichen Gerichten oder den kirchlichen verurteilt und hingerichtet worden? Und wer ist schuld?" Heinsch sagt, dass sich selbst die heutigen Stadträte in Franken nur sehr schwer mit diesem Thema auseinandersetzen. "Wirklich aufgearbeitet wird dieses Thema meines Wissens nach nirgendwo." Sie findet es weit wichtiger, dass man die Opfer der Hexenverfolgung in Deutschland nachträglich freispricht, also ihre Verurteilungen aufhebt und sie als unschuldig erklärt: "In anderen Ländern in Europa ist das inzwischen schon üblich geworden.“

Auch Theologe Erich Naab hofft, dass durch das neue Interesse an der Hexenjagd ein Prozess in Gang kommt, der sich nicht auf Tafeln und Inschriften beschränkt.

"Hexen-Wanderung" rund um Eichstätt

Die Geschichte der Hexenverfolgung in Eichstätt lässt sich vor Ort auch zu Fuß erkunden. Karten und Informationsmaterial gibt es bei der Touristeninformation in Eichstätt.

© BR / Gutknecht, Bernd-Uwe

"Hexen-Wanderung" rund um Eichstätt

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