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Ludwig Thoma

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    Hetzer und bayerische Ikone

    Das Bild des bayerischen Schriftstellers Ludwig Thoma hat zuletzt Risse bekommen. Denn es kam ans Licht, dass er auch anonym rechte Hetzartikel geschrieben hatte. Zu seinem 150. Geburtstag veranstaltete die Monacensia ein Syposium. Von Marie Schoeß

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    Was Bayern ausmacht, die Menschen, aber auch die Sprache und Literatur des Landstrichs, dafür gab es lange einen Gewährsmann: Ludwig Thoma, dieser etwas grantige Schriftsteller, der am Tegernsee Lausbuben und ihre miefigen Lehrer porträtierte, den Münchner in den Himmel setzte und die Weihnachtsgeschichte in Mundart verpackte. Was er schrieb, das war Bayern, an seinen Figuren, seinem literarischen Stil arbeiteten sich nachfolgende Schriftstellergenerationen ab.

    "Alle zeitgenössischen Autoren und Literaturwissenschaftler, aber auch viele danach, sind der Meinung, dass Thoma das Bayerische deutschlandweit zur Geltung gebracht hat. Das ist natürlich auch die Fähigkeit von Thoma, Typen darzustellen, zu pointieren. Das Satirische ist ein Aspekt des Pointierens: Man braucht für eine gute Satire eine gute Skizze. Man muss mit wenigen Sätzen einen Menschen zeichnen, um dann den Witz dagegensetzen zu können. Und diese Fähigkeit hat er natürlich auch in der Literatur, er kann Typen zeichnen." Waldemar Fromm

    Verdunkeltes Thoma-Bild

    Waldemar Fromm hat das Symposium über Ludwig Thoma initiiert und stellt damit auch die Frage: Wie kann sich jemand, der im "Simplicissimus" noch Satiren auf das Kaiserreich schreibt, so radikalisieren, dass er nach dem Ersten Weltkrieg seine bürgerliche Vergangenheit zu vergessen scheint? Denn es folgt der "Miesbacher Anzeiger", Artikel aus den Jahren 1920, 1921: aggressiv, hetzerisch, offen antisemitisch und anonym. Als bekannt wurde, wer diese Texte geschrieben hat, wurde das Thoma-Bild dunkler. Sein spätes politisches Leben – Thoma starb 1921 – drohte, das schriftstellerische Werk zu überschatten. Und das, obwohl seine Texte immer ambivalent waren, erklärt seine Biografin Gertrud Rösch:

    "Alles, was er geschrieben hat, kommt aus der satirischen Perspektive. Und trotzdem veröffentlicht er es später z.B. als Heilige Nacht. Und meine Überlegung war: Wie passt das zusammen? Dieser permanente satirische Blickwinkel und gleichzeitig diese absolut authentisch wirkende bäuerliche Sprache, diese Einfachheit. Und da wurde mir klar: Der Mann hat zwei Gesichter." Gertrud Rösch

    Ambivalenz aushalten

    Die Person zu entschuldigen oder die Literatur wegen der Person abzuwerten: Beide Extreme vermeiden die Redner. Was sie bieten, sind historische Kontexte: Thomas politischer Umschwung erscheint dann nicht nur als persönliche Wende. Sein Weg ist auch eine radikale Reaktion auf eine drastische politische Veränderung. Nicht in seinen hasserfüllten Artikeln, aber immerhin in privaten Briefen schreibt Thoma dann auch von einer großen Verunsicherung. Ein Gefühl, das damals viele Zeitgenossen teilten.

    Natürlich bleibt Spekulation, was aus Thoma geworden wäre, wäre er nicht 1921 an Krebs gestorben. Den Aufnahmeantrag in die NSDAP hatte er schließlich schon bestellt, nur unterschrieben war er noch nicht.