Bildrechte: BR/Klaus Hanisch

Ernst Rösch vor dem Uhrwerk der Kirchturmuhr von Reichmannshausen

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"Herr über die Zeit" stellt Kirchturmuhr von Hand um

In Reichmannshausen bei Schweinfurt gehen die Uhren anders. Zumindest an diesem Wochenende. Die Winterzeit – genauer: Normalzeit – hat dort nicht erst um 3.00 Uhr, sondern kurz vor Mitternacht begonnen. Denn hier wird die Zeit per Hand umgestellt.

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In Reichmannshausen bei Schweinfurt hat die Winterzeit bereits kurz vor Mitternacht begonnen. Denn: Hier wird die Zeit noch per Hand umgestellt.

Herr über die Zeit in Reichmannshausen im Landkreis Schweinfurt ist seit Jahrzehnten Ernst Rösch. Zu nachtschlafender Stunde klettert er zweimal im Jahr hinauf in den Kirchturm – immer dann, wenn mit der Umstellung auf Normalzeit (auch Winterzeit genannt) oder auf Sommerzeit ein neuer Abschnitt beginnt. Dort oben, im Turm der Kirche St. Georg, befindet sich seit 1957 das Uhrwerk. In der Nacht zum Sonntag war es wieder so weit. Ernst Rösch ist die Stufen zum Kirchturm hinaufgestiegen und zu dem Uhrwerk hineingeklettert.

Uhrwerk: "Echte Handwerkskunst"

"Echte Handwerkskunst und deutscher Maschinenbau", wie Rösch anerkennend bemerkt. Die Räder komplett aus Messing, mit einem Pendel für die Feinjustierung, ein automatischer Aufzug für die Gewichte. Die Uhr würde sogar ohne Strom funktionieren. "Heutzutage ja kein unwichtiger Aspekt", lächelt Rösch, "ich müsste dann nur jeden Tag vorbeikommen und mit der Kurbel die Gewichtssteine hochdrehen, dann würde sie auch so laufen."

An der Uhr waren in all den Jahren kaum Reparaturen nötig. Allerdings sei sie "etwas wetterfühlig", merkt Ernst Rösch an, bedingt durch das Messing. Im Winter ziehe sich das Metall zusammen und die Uhr laufe schneller, hat er beobachtet. Dafür funktioniere sie im Sommer bei heißen Temperaturen etwas langsamer. Deshalb benötige sie seine regelmäßige Aufsicht. "Einmal war sie etwas verharzt, aber ansonsten genügt es vollauf, sie regelmäßig zu ölen", erklärt er.

"Uhrwächter" hält Pendel von Hand an

Um 23 Uhr kriecht der "Uhrwächter" auf allen Vieren in den kleinen Schrank, in dem die Uhr eingebaut ist. Dann hält er das Pendel im Uhrwerk für eine Stunde an. So reguliert er auf einfache Weise den Übergang von der Sommer- in die Winterzeit. Anschließend geht Rösch nach Hause und setzt sich vor den Fernseher.

So kam es, dass seine Gemeinde vor ein paar Jahren für ein paar Stunden keine richtige Uhrzeit hatte. "Damals bin ich eingeschlafen und erst um halb vier am Morgen wieder aufgewacht", erinnert er sich: "Ich bin dann schnell zur Kirche gerannt und in den Turm geklettert. Es war eine schwierige Prozedur, die Uhr auf die richtige Zeit zu bringen."

Seit fast 40 Jahren Wächter über die Zeit

Dieses Jahr verschläft Ernst Rösch nicht. Um Mitternacht steigt der 69-Jährige erneut auf den Bretterboden über dem Altarraum hinauf zur Uhr. Rösch ist Landmaschinenmechaniker von Beruf. "Etwas instand zu halten, hat mir immer viel Spaß gemacht", bekundet er. Auch deshalb kümmert sich Rösch seit fast 40 Jahren um das Uhrwerk, wie auch um die drei Glocken der Kirche. "Als sie von der Gemeinde verwaltet wurde, erhielt ich 100 Mark Aufwandsentschädigung im Jahr", blickt Rösch zurück, "seitdem sie von der Kirchengemeinde betrieben wird, mache ich es für Gottes Lohn."

Umstellung auf Sommerzeit aufwändiger

Rösch bringt das Pendel wieder in Schwung, das Uhrwerk beginnt von selbst zu laufen. Anders als bei der aufwändigeren Umstellung auf Sommerzeit. Dafür muss Rösch immer ein Kegelrad aus der Verzahnung ziehen. Das Uhrwerk läuft, sobald das Kegelrad wieder in die Verzahnung einrastet. Dann stößt Ernst Rösch das Pendel an und das Schlagwerk der Uhr funktioniert wieder.

Wie im Sommer muss er allerdings auch jetzt das Abendläuten neu programmieren. Während das Pendel ruht, dreht Rösch in einem kleinen Kästchen neben dem Uhrwerk an einer Schraube und stellt sie auf 18.00 Uhr. Ab sofort läuten die Glocken in Reichmannshausen bereits zu dieser Zeit und nicht erst um 20.00 Uhr.

Rösch: Wäre schade um alte Wertarbeit

Zuweilen wurde in der Gemeinde überlegt, eine Uhr zu installieren, in der die Zeit automatisch reguliert wird. "Dann werde ich sie der Kirchengemeinde abkaufen und bei mir im Hof aufbauen", bekräftigt Rösch. Nach so vielen Jahren, in denen er die Uhr wartet und einstellt, ist sie ihm beinahe wie ein Baby ans Herz gewachsen.

"Ein Umbau wäre allerdings nicht nur teuer. Es wäre auch sehr schade, sie durch eine neuartige Uhr zu ersetzen, weil das einfach eine wunderschöne alte Wertarbeit ist." Und so lange "ich da bin, wird sie funktionieren." Davon ist Ernst Rösch überzeugt.

Als der Sonntag begann, wussten auch die Ortsbewohner von Reichmannshausen, wem und wann genau die Stunde schlägt. Sofern sie nicht erschöpft von der Kirchweih in ihrer Gemeinde an diesem Wochenende länger in den Betten ruhten.

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