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Herdenschutzhunde: Können wir von Italiens Erfahrungen lernen? | BR24

© CH WOLF
Bildrechte: CH WOLF

Herdenschutzhund mit Schafsherde

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    Herdenschutzhunde: Können wir von Italiens Erfahrungen lernen?

    Der Majella-Nationalpark in den italienischen Abruzzen gilt als Region mit der höchsten Wolfsdichte weltweit. Die Schafhaltung spielt dort eine große Rolle. Um die Tiere zu schützen, werden Herdenschutzhunde eingesetzt. Eine Lösung auch für Bayern?

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    Von
    • Doris Fenske
    • Christiane Büld-Campetti

    In Bayern gibt es derzeit zwei Wolfsrudel und zwei standorttreue Einzeltiere. Jederzeit können neue Tiere zuwandern. Die Rückkehr des Wolfs ist im Freistaat ein konfliktreiches Thema. Der Majella-Nationalpark östlich von Rom umfasst ein Gebiet von 630 Quadratkilometern. Ein Hundertstel der Fläche Bayerns. Da Wölfe im Appenin nie vollständig ausgerottet wurden und sich ihre Bestände in den letzten Jahren wieder ausgedehnt haben, besitzen Schafhalter, wie Mirko di Francesco, mehr Erfahrung mit Herdenschutzhunden.

    Herdenschutzhund: Bodyguards der Schafe

    Der Schafzüchter schickt seinen Leithund Capitano zur Herde. Bereitwillig trottet der weiße Rüde zu den 600 Schafen, die in dem gebirgigen Gelände des Majella-Nationalparks gemächlich über die Weiden ziehen. Capitano ist einer von acht Bodyguards der Rasse "cane di pastore maremmano abruzzese": Maremmen-Abruzzen-Schäferhunde. Deren Aufgabe ist es, den Wolf auf Abstand zu halten.

    Auf den ersten Blick lassen sich die Hunde mit dem zotteligen weißen Fell kaum von den Schafen unterscheiden. Dies sei jedoch nur einer der Gründe, warum sie sich perfekt für diese Aufgabe eignen, erklärt der 32-jährige Schafhalter. Schafe und Hunde leben zusammen, bilden eine Familie. "Auch wenn die Hunde völlig entspannt wirken, ihre Aufmerksamkeit lässt nie nach, selbst wenn sie spielen. Fangen die Hunde allerdings an zu bellen, schließen sich die Schafe sofort zu einer Gruppe zusammen, und die Hunde bringen sie aus der Gefahrenzone", so Mirko di Francesco.

    Hunde verhindern Wolfsriss

    Ein Schutzhund für hundert Schafe, das galt in den Abruzzen seit jeher als Faustzahl, um Wölfe fernzuhalten. Aber auch in der Familie von Mirko di Francesco, die seit sechs Generationen Schafe im Majella-Gebirge züchtet, war das teils in Vergessenheit geraten. Als er vor einigen Jahren in einer Nacht zwölf Schafe an die Wölfe verlor, entschied er, die Zahl seiner Schutzhunde erneut zu erhöhen. Seit vier Jahren habe er keine Verluste mehr, obwohl seine Herde das ganze Jahr über draußen sei. Wölfe werden immer wieder in der Nähe gesichtet. "Sie lassen uns in Ruhe, wegen der Hunde. Ein Wolf ist schließlich nicht verrückt. Er ist sogar sehr intelligent. Aber er bleibt natürlich gefährlich. Sobald ein Schaf versehentlich nachts unbeaufsichtigt bleibt, ist es am nächsten Tag verschwunden."

    Herdenschutzhunde sind Arbeitshunde

    Der Schafhalter züchtet seine Herdenschutzhunde mittlerweile selbst: Maremmen-Abruzzen-Schäferhunde, eine ursprüngliche Rasse, die in Italien seit Jahrhunderten gezüchtet wird, zum Schutz der Herden, aber auch zum Bewachen von Haus und Hof. Mirko di Francesco trifft bei seinen Hunden eine strenge Auswahl. Schließlich muss er sich hundertprozentig auf die Arbeitshunde verlassen können. Die Welpen wachsen mit der Herde auf, zunächst bei den Lämmern im Stall. So werden Hunde und Schafe vertraut miteinander. Später lernt ein junger Hund von den erfahrenen Artgenossen. "Ich selbst muss nur aufpassen, dass er keine schlechten Angewohnheiten bekommt. Mit einem Jahr hat er dann gelernt, selbstständig zu arbeiten, und ich kann ihm blind die Herde anvertrauen", sagt Schafzüchter Mirko di Francesco.

    Wolfsrisse gehen auf Unachtsamkeit der Menschen zurück

    Im Majella-Park lassen 120 Bauern ihre Schafe, Ziegen oder Rinder weiden. Das ist möglich, weil die Parkverwaltung seit 2001 die Gewohnheiten der Wölfe mithilfe von GPS-Halsbändern studiert und anschließend jeden ihrer Beutezüge analysiert, um die Schäden zu begrenzen. So wisse man heute, erklärt Tierarzt Simone Angelucci, der die Studie von Anfang an betreut, dass es fast immer auf einen Fehler des Schäfers zurückzuführen ist, wenn ein Nutztier getötet wird. Jahrelang habe er beobachtet, wann, wo und warum Wölfe sich Nutztiere holen, man kenne also auch die Schwachstellen der Betriebe. "Gibt es eine Gelegenheit, sich ein Nutztier zu holen, lässt sich ein Wolf die natürlich nicht entgehen. Aber zu 95 Prozent ernährt er sich von Wildschweinen und Rotwild," so Simone Angelucci.

    Um den uralten Konflikt Mensch-Wolf zu entschärfen, entschädigt die Parkverwaltung die betroffenen Züchter schnell und unbürokratisch. Bei Bedarf stellt sie auch Elektrozäune zur Verfügung. Maximaler Schutz ist nach Erfahrung von Simone Angelucci nur gewährleistet, wenn die Herde Tag und Nacht von mehreren Schutzhunden begleitet wird.

    Wölfe gehen auf Distanz zu Herdenschutzhunden

    "Wölfe meiden solche Situationen, weil sie die Hunde als ein Rudel wahrnehmen, das sein Territorium verteidigt. Wird eine Herde also von einer Gruppe von Hunden begleitet, die gut strukturiert und hierarchisch aufgestellt ist, wo die Jüngeren von den Älteren lernen und die Rollen aufgeteilt sind - einer läuft vorne, ein anderer hinten, einer verteidigt, einer greift an – wo eine Gruppe von Hunden also wie ein Wolfsrudel funktioniert, bleiben die Schafe unangetastet."

    Wolf und Weidehaltung sind vereinbar

    Im Majella-Nationalpark hat man bewiesen, dass das Nebeneinander von Wolf und Nutztierhaltung möglich ist. Ziel ist aber auch, die Anwesenheit von Wölfen und Herdenschutzhunden mit dem Tourismus in dem landschaftlich attraktiven Nationalpark möglich zu machen. Mit einer wachsenden Anzahl leichtsinniger Besucher, die die Wanderwege verlassen, sei das nicht immer unproblematisch. Stellten sich den Wanderern seine bellenden Hunde in den Weg, gebe es Beschwerden, so Mirko di Francesco. Dabei brauche niemand vor einem gut ausgebildeten Schutzhund Angst zu haben, sagt er.

    Touristen müssen sich an Regeln halten

    Mittlerweile wird großer Wert daraufgelegt, dass die Herdenschutzhunde gegenüber Menschen freundlich sind. Trotzdem rät er, sich an die Regeln zu halten. Wanderer werden über aufgestellte Schilder über die Herdenschutzhunde informiert. Wichtigstes Gebot: Abstand halten und die Hunde respektieren.

    Herdenschutzhunde auch in Bayern?

    Auch in Bayern haben bereits Pionier-Betriebe Erfahrungen mit Herdenschutzhunden gesammelt, darunter auch andere Rassen, wie zum Beispiel der Mastin espanol. Die Bayerische Staatsregierung hat ein Förderprogramm in Aussicht gestellt. Das soll die Anschaffung eines Hundes bezuschussen und evtl. auch die Kosten für die Hundeprüfung decken. Wann genau die Antragstellung möglich wird, ist noch offen, so ein Sprecher der Bayerischen Landwirtschaftsministeriums. Das neue Förderprogramm sollte bereits zu Jahresbeginn 2021 anlaufen.

    Skepsis in touristischen Regionen

    Immer wieder werden in Bayern aber auch Vorbehalte geäußert, die Hunde seien insbesondere in Tourismus-Regionen, in denen Weidehaltung noch eine größere Rolle spiele, nicht einsetzbar. Wanderer müssten sich darauf einstellen, dass hinter dem Zaun einer Rinderherde ein oder mehrere bellende Hunde patrouillieren. Auch René Gomringer, Schafhalter und Berater für Herdenschutz im EU-Projekt "LIFEstockProtect", sagt, dass das Gebell der Hunde nicht immer auf Verständnis stoße. Außerdem brauche es Aufklärung für Touristen, die nicht akzeptieren wollen, dass ihnen ein Herdenschutzhund den Weg mitten durch die Schafherde versperre.

    Damit Herdenschutzhunde in Bayern neben Elektrozäunen ein wichtiger Baustein in Sachen Schutz vor Wölfen werden, braucht es auf jeden Fall noch viel Aufklärung in der Bevölkerung und fachliche Begleitung der Tierhalter.

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