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Heimkinder: Warum haften Kinder für die Fehler der Eltern? | BR24

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Jugendliche, die in Heimen leben, müssen 75 Prozent ihres Lohns an den Staat abgeben. Marco Weiß hat es durchlebt und sich aus der Armutsfalle herausgearbeitet. Mit seinem Verein Lebensarchitektur hilft er Heimkindern und fordert Gesetzesänderungen.

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Heimkinder: Warum haften Kinder für die Fehler der Eltern?

Jugendliche, die in Heimen leben, müssen 75 Prozent ihres Lohns an den Staat abgeben. Marco Weiß hat es durchlebt und sich aus der Armutsfalle herausgearbeitet. Mit seinem Verein Lebensarchitektur hilft er Heimkindern und fordert Gesetzesänderungen.

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Der gebürtige Weilheimer Marco Weiß war selbst im Heim und hatte mit den daraus folgenden Schwierigkeiten zu kämpfen. Er arbeitete im Baumarkt und sollte 75 Prozent seines Gehalts abgegeben. Damals habe er sich oft gefragt, "warum ich arbeiten soll, wenn ich am Ende mehr als drei Viertel davon abgeben muss. Und dann war ich wirklich davor zu sagen, dann halt nicht. Dann kein Führerschein, dann eben Freizeit."

Verein Lebensarchitektur hilft Heimkindern

Er hatte aber einen Unterstützer. Bernhard Kuhn war damals Leiter einer sozialen Einrichtung und sah, dass vor allem die Heimkinder Unterstützung brauchen. Zusammen bauten sie später den Verein Lebensarchitektur auf. Der Verein aus Graben bei Augsburg betreibt heute selber Unterkünfte, die ein echtes Zuhause für die Kinder sein sollen – gemanagt von Bernhard Kuhn, der seit Jahrzehnten in dem Bereich tätig ist.

Marco Weiß musste das Geld nicht an den Staat zahlen, er durfte es für Bildung investieren und konnte einen Sprachkurs in England machen. Das half ihm bei seiner späteren Karriere als Informatiker und Firmengründer.

Marco Weiß hatte Hilfe. Aber das ist nicht bei jedem Heimkind so. Ihn ärgert es:

"Also ganz ehrlich, die Kinder kommen aus Situationen, für die sie nichts können. Und warum sollten sie in irgendeiner Weise dafür auch noch bestraft werden?" Marco Weiß. Verein Lebensarchitektur

Hinschmeißen oder durchbeißen

Wenn ein Jugendlicher schwierige Startbedingungen hat, sie trotzdem überwindet und eine Ausbildung macht, aber dann für einen Euro pro Stunde arbeite, hat er nach Meinung von Bernhard Kuhn nur zwei Möglichkeiten: "Er schmeißt hin oder er beißt sich durch." Aber zum Durchbeißen ist nicht jeder gemacht. Kaum einer könne sich alleine mit den Widrigkeiten und den Steinen, die in den Weg gelegt werden auseinandersetzen. Weiß ergänzt:

"Mit einem Euro und wenig Persönlichkeitsbildung wird es schwierig." Marco Weiß. Verein Lebensarchitektur

Kuhn: Kinder haften für die Eltern

Beide wissen, dass der Weg über die Ämter ein langer und beschwerlicher ist. Marco Weiß hat ihn durchschritten: "Sie müssen genau diese eine Person im Amt finden, die gewillt ist, über den Rahmen hinaus Entscheidungen zu treffen und was tun zu wollen." Das Problem sind die gesetzlichen Vorgaben. Kuhn nennt es ein "unklares Gesetz", das der Bundestag ändern müsse.

Im Sozialgesetzbuch Vlll im Paragraf 94 ist geregelt, wie viel Heim- und Pflegekinder zahlen müssen. Das können bis zu 75 Prozent ihre Gehalts sein. Doch es regt sich immer mehr Kritik gegen diese Regelung.

Die Abgeordneten so Kuhn "müssen uns erklären, warum Kinder in Einrichtungen für ihre Eltern haften." Wird sich nichts ändern, erwägt Kuhn durch alle Instanzen zu klagen. Die Unterlagen dafür lägen bereits in der Schublade.