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Wie der Halle-Anschlag das Leben von Juden in Bayern verändert | BR24

© BR / Kontrovers 2019

Wie erleben Juden den Hass gegen sie? Das hat Kontrovers bereits vor mehr als einem Jahr zwei Männer und eine Frau aus Bayern gefragt. Nach dem Anschlag von Halle haben wir sie wieder getroffen.

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Wie der Halle-Anschlag das Leben von Juden in Bayern verändert

Nach dem rechtsextremen Anschlag in Halle leben Juden in Bayern zwischen Solidarität und Angst. Wie erleben Juden Antisemitismus? Drei Betroffene berichten.

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Fühlt sich das Leben nach dem rechtsextremen Anschlag in Halle anders an? Drei jüdische Mitbürger erzählen.

Lena studiert in Erlangen, sie ist am Wochenende nach dem Anschlag nach Berlin gereist. Was in Halle passiert ist, kann sie immer noch nicht fassen:

"Ich hatte wirklich wie so eine Blende, so eine Schwarz-Weiß-Blende, wo ich dachte, wir befinden uns 1938. Und ich war einfach geschockt." Lena, Studentin in Erlangen

Hass im Netz nimmt zu

Florian Gleibs ist Gastronom in München. Schräg und provokant mit dem Judentum umzugehen - das war 16 Jahre lang sein Konzept im Restaurant "Schmock". Er bot Wein an, unter dem Motto: "Deutsche, trinkt bei Juden" und verkaufte "Juden-Beutel". Vor zwei Jahren warf er hin. Sarkasmus - das war bisher seine Methode. Und jetzt?

"Dieser Hass im Internet, dieser Hass, diese Verrohung, jeder darf mittlerweile sagen, was er will - das ist wirklich tragisch, was da stattfindet." Florian Gleibs, Gastronom in München

"Jemand wollte uns töten"

Vitali Liberov treffen wir zu Hause. Er lebt mit seinem zweijährigen Sohn und seiner Frau Diana, die ebenfalls Jüdin ist, in Nürnberg. Gute Bekannte von ihnen waren während des Anschlags in der Synagoge in Halle. Die Stunden in der verbarrikadierten Synagoge waren für die Freunde schrecklich, erzählen die Liberovs. Trotzdem haben sie am Abend gefeiert, erzählt Diana Liberova:

"Es gibt ja bei uns so einen Witz, an jedem jüdischen Feiertag wollte uns jemand töten und wir haben es überlebt und deswegen feiern wir. Und unsere Freunde haben gesagt, es ging ihnen genauso. Aber es war dann eben sehr real. Jemand wollte uns töten, und wir haben überlebt und deswegen singen wir am Ende des Ganzen." Diana Liberova, SPD-Stadträtin in Nürnberg

Wie antisemitisch ist Bayern?

Seit März 2019 gibt es in München die Meldestelle RIAS. Hier können Betroffene Fälle melden, mit denen sie sich nicht an die Polizei wenden würden. Entweder, weil sie sich nicht trauen oder die Fälle noch keinen Straftatbestand erfüllen. Bis jetzt hat RIAS 96 Fälle registriert. Die Straftaten gegen Juden haben aber zugenommen. Im Jahr 2017 waren es 148, im Jahr 2018 schon 219, also 32 Prozent mehr.

© BR/Bayerisches Landeskriminalamt

Angezeigte antisemitische Straftaten in Bayern 2008-2018

Werden Juden in Bayern gut genug geschützt?

Politiker fordern jetzt härtere Strafen für antisemitische Delikte, Ministerpräsident Markus Söder kündigte einen besseren Schutz jüdischer Einrichtungen an. Das ist auch dringend nötig, findet der Amberger Rabbiner Elias Dray. Er möchte sich gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn seine Synagoge angegriffen worden wäre.

Denn auch in Amberg gab es keinen Polizeischutz vergangene Woche. Er sagt: "Beim Abendgebet waren sie eben nicht da, dann haben wir jemanden gebeten, weil wir können ja keine Handys benutzen, bei der Polizei Bescheid zu geben. Dann kam auch die Polizei für die letzten Minuten des Abends und wir haben gesagt, das ist ganz wichtig, dass ihr morgen kommt. Und dann waren sie trotzdem zum Morgengebet von 9 bis 13 Uhr nicht da." Mittlerweile hatte er mit dem bayerischen Innenministerium Kontakt, dort wurde ihm versprochen, dass so etwas nicht mehr vorkommen solle.

Die Studentin Lena ist nachdenklicher geworden. In Berlin besucht sie das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Dass der AfD Politiker Björn Höcke es als Denkmal der Schande diffamiert hat, trifft sie:

"Man weiß nicht, ob die Menschen sich jetzt einfach nur mehr trauen, weil die AfD populärer geworden ist, oder ob sie tatsächlich geschafft haben, dass die Menschen so denken, wie die AfD denkt. Ich finde das beängstigend." Lena, Studentin in Erlangen

Konsequenteres Vorgehen gegen Judenfeindlichkeit

Florian Gleibs findet, dass nun viel mehr getan werden muss. Und er fordert ein konsequenteres Vorgehen im Kampf gegen Judenfeindlichkeit:

"Nach solchen Attentaten sich auf einen Platz stellen mit einer Kippa auf den Kopf, das bringt uns auch keinen Millimeter weiter. Weil das sind immer dieselben. Wenn du auf eine Demo gehst für jüdisches Leben, dann siehst du immer dieselben Gesichter. Deswegen sag' ich, ein guter Vorschlag wäre vielleicht: Wenn einer auffällig wird, der soll sich 'ne Kippa aufziehen und zu einem Chemnitzer Fußball-Klub in die Südkurve stellen und dann danach einen Aufsatz schreiben, wie es ihm so geht als Fremder in so einer Truppe." Florian Gleibs, Gastronom in München

Auch die Familie Liberov engagiert sich gegen Antisemitismus. Diana Liberova ist SPD-Stadträtin in Nürnberg. Außerdem setzt sie sich in mehreren Initiativen gegen Rassismus ein. Und hat immer wieder mit Anfeindungen zu kämpfen, erzählt sie:

"Und da gab es schon mal auch Drohungen, aber da stehe ich drüber. Mir ist nur wichtig, dass meinen Kindern nichts passiert. Ich habe mich auch mit der AfD gezofft, aber das nehmen wir so hin." Diana Liberova, SPD-Stadträtin in Nürnberg

Sich nicht einschüchtern lassen, für eine offene Gesellschaft kämpfen und zum Jüdischsein stehen - das werden sie weiterhin. Daran hat das grausame Attentat von Halle nichts geändert.