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© Gemeinde-Allianz Hofheimer Land e.V. / Philipp Lurz
Bildrechte: Gemeinde-Allianz Hofheimer Land e.V. / Philipp Lurz

Die Gemeinde-Allianz Hofheimer Land macht seit Jahren vor, wie man das Landleben attraktiv gestalten kann – dazu gehört auch der Bürgerservice.

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Haßberge: Flucht aufs Land statt Landflucht

Immer mehr Menschen können oder wollen sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten. Das Landleben ist aber nur attraktiv, wenn eine ausreichende Infrastruktur vorhanden ist. Die Gemeinde-Allianz Hofheimer Land in Unterfranken zeigt, wie es geht.

Von
Frank BreitensteinFrank Breitenstein
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Ländliche Regionen gibt es viele in Bayern. Die meisten von ihnen leiden unter Bevölkerungsschwund – vor allem wegen des demografischen Wandels und fehlender Jobangebote. Auch im unterfränkischen Landkreis Haßberge schrumpft die Bevölkerung, allerdings deutlich langsamer als anderswo, und daran hat die Gemeinde-Allianz Hofheimer Land einen großen Anteil. Sie bemüht sich schon seit 13 Jahren aktiv darum, die Menschen in der Region zu halten und diese sogar für Neubürger attraktiv zu machen. Zusammen mit sechs weiteren Gemeinden und 53 Ortsteilen gilt Hofheim inzwischen bayernweit als Musterbeispiel für gelingendes Landleben.

Beratung und Fördergelder für Bauherren

Die Grundidee beruht auf zwei Säulen, erklärt Wolfgang Borst, seit 17 Jahren Bürgermeister in Hofheim und Kopf der Allianz. Die erste Erkenntnis bestand darin, dass Leerstände in den Ortskernen schnell beseitigt werden müssen, denn mit jedem leeren Haus stirbt ein Teil des Dorfkerns. Irgendwann schließt dann der Bäcker, der Metzger, der Einzelhändler, und keiner will mehr dorthin ziehen. So haben sie rund um Hofheim einen Pakt geschlossen: Statt Baugebiete auf der grünen Wiese auszuweisen, stecken sie das Geld lieber in die Sanierung von Altbauten. Wer neu ins Dorf ziehen will, bekommt sogar eine kostenlose Architektenberatung. Die Bauherren profitieren außerdem von den langjährigen Erfahrungen der Allianz mit dem Denkmalschutz und natürlich von der finanziellen Unterstützung. Häufig kostet dann die Revitalisierung eines historischen Anwesens nicht mehr als ein Neubau.

Die Lust am Dorfleben bewahren

Erkenntnis Nummer zwei: Die Infrastruktur eines Dorfes muss erhalten und ausgebaut werden, um neue Bewohner anzulocken und die Einheimischen zu halten. "Sie sollen gar nicht erst auf die Idee kommen, hier wegzuziehen", sagt Bürgermeister Borst. Dorfgemeinschaftshäuser spielen dabei eine wichtige Rolle. In Goßmannsdorf wurde gerade die alte Schule zu einen Treffpunkt für die Bevölkerung gemacht. Der Zusammenhalt unter den 720 Einheimischen funktioniert so gut, dass viele beim Umbau mit angepackt haben. Künftig dient das rund 300 Jahre alte Gebäude gleich neben der Kirchenburg für Alt- und Neubürger zum Bücher leihen, Feiern oder um Internetkurse besuchen.

Gute Netzanbindung als Schlüsselfaktor

Wolfgang Borst weiß um den hohen Stellenwert, den schnelles Internet heute hat. Deshalb haben sie in der Allianz den Glasfaserausbau forciert. Inzwischen seien hier 50 bis 100 MB die Regel, so der Bürgermeister. Das eröffnet völlig neue Perspektiven für das Homeoffice, das in Zukunft – nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen während der Pandemie – noch an Bedeutung gewinnen dürfte. Das Hofheimer Land bietet die Voraussetzung dafür.

Interessenten für Häuser stehen inzwischen Schlange

Seit 2008 ist es der Hofheimer Allianz gelungen, 362 leerstehende Häuser wieder mit Leben zu füllen. Inzwischen gehen uns die alten Häuser aus, witzelt Wolfgang Borst. Denn tatsächlich stehen die Interessenten mittlerweile Schlange. Als sich Sebastian Rehm und seine Familie hier vor gut drei Jahren umsahen, hatten sie noch drei Häuser zur Auswahl. Kurze Zeit später war nur noch eines verfügbar. In dem wohnen sie jetzt. Sie erwarben das marode Gebäude Baujahr 1862 inklusive Grundstück für den Preis eines gehobenes Mittelklasse-Fahrzeugs. Mehr als das Dreifache wird wohl die Sanierung kosten. Doch am Ende werden sie nicht mehr ausgegeben haben, als sie in dieser Zeit an Miete gezahlt hätten.

Die neue Landflucht: Weg aus der Großstadthektik

Sebastian Rehm weiß, wovon er spricht. Er hat 25 Jahre in München als selbstständiger Dienstleister im Baugewerbe gearbeitet. Der harte Kontrast zum Landleben war eine bewusste Entscheidung. "Dieser tägliche Überlebenskampf, dieses Wetteifern um Wohnungen, um Arbeitsplätze um alles in der Stadt – das ist das, was ich nicht mehr und auch nicht für meine Kinder haben wollte. Und deshalb ist es ganz klar, dass der Zugewinn die Lebensqualität ist. Und das möchte ich nicht missen!" Rehm und seine Frau hätten ganz pragmatisch nach Orten gesucht, wo es gute Schulen für die Kinder, Arbeit für die Eltern und eine günstige Immobilie gab. Da hätten die Haßberge am besten abgeschnitten.

Vorteile des Landlebens überwiegen die Nachteile

Sebastian Rehm macht aber keinen Hehl daraus, dass man dafür auch Kompromisse eingehen muss. Für manche Besorgungen brauche man mehr Zeit, auf Arzttermine müsse man mitunter länger warten. Auch der öffentliche Nahverkehr reiße einen nicht vom Stuhl. Ohne Auto wäre das ein Problem. Aber wenn man für kreative Angebote wie das "Mitfahrerbänkle" aufgeschlossen sei, lasse sich einiges kompensieren. Unterm Strich hätten er und seine Familie den Umzug nicht bereut, auch weil Sebastian Rehm – dank Internet – fast ausschließlich von zuhause aus arbeiten kann. Seine Frau und er kämen immer wieder zu dem Schluss: "Alles richtiggemacht!"

Lebensqualität erhalten, Abwärtsspirale vermeiden

Auch wenn die Hofheimer Allianz gerade kaum noch alte Häuser im Angebot hat, sieht Bürgermeister Wolfgang Borst keinen Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Der 69-Jährige weiß: Aufgrund des hohen Altersdurchschnitts in der Bevölkerung werden in den nächsten Jahren etliche Häuser und Höfe zum Verkauf stehen. Darauf müsse man vorbereitet sein, um die gefürchtete Abwärtsspirale an Lebensqualität in den Ortskernen unbedingt zu vermeiden.

Klar, der demografische Wandel macht auch vor dem Hofheimer Land nicht Halt. Aber Wolfgang Borst und seine Mitstreiter haben gezeigt: Die Begeisterung für das Landleben steht und fällt mit einer intakten Infrastruktur.

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Das Leben in der Stadt wird teurer, immer mehr Menschen suchen das Leben auf dem Land. Das Landleben ist aber nur attraktiv, wenn eine ausreichende Infrastruktur vorhanden ist. Die Gemeinde-Allianz "Hofheimer Land" zeigt, wie das funktionieren kann.

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