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Am 6. Februar feiert ein Oberpfälzer Geburtstag, der als Politiker weit über die Region, über Bayern und sogar über Deutschland hinaus Schlagzeilen machte: Hans Schuierer wird 90 Jahre alt. Wir haben den Jubilar besucht.

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Hans Schuierer - der bayerische Gandhi wird 90

Er war die Symbolfigur des Widerstands gegen die geplante atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf in den 1980er Jahren. Am Samstag wird der ehemalige Schwandorfer Landrat und SPD-Politiker Hans Schuierer 90 Jahre alt.

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Von
  • Beatrix Ziegler
  • BR24 Redaktion

"Natur und Leben sind das kostbarste Gut, das wir Menschen haben. Wir dürfen und können sie nicht opfern für Macht oder sonstige Interessen." Das ist das Motto von Hans Schuierer, SPD-Altlandrat aus der Oberpfalz, Symbolfigur des friedlichen Widerstandes gegen Atomkraft und Kämpfers für die Demokratie.

Einer, der ihn wie kaum ein anderer kennt, ist Oskar Duschinger. 30 Jahre hat er zu Hans Schuierer geforscht, bereits sein zweites Buch über den charismatischen Vollblutpolitiker veröffentlicht:

"Er ist ein bodenständiger Mensch, der von Anfang an der geblieben ist, der er immer war: Volksnah, vertrauenswürdig. Man wusste immer, wenn man mit ihm spricht, da kann man sich auf sein Wort verlassen." Oskar Duschinger über Hans Schuierer

Prägende Jugend in den 1930er- und 1940er Jahren

Am 6. Februar 1931 kommt Hans Schuierer als siebtes Kind einer Arbeiterfamilie in Klardorf bei Schwandorf zur Welt. Der Vater arbeitet lange im Braunkohlebergwerk Wackersdorf, schließt sich früh der SPD an und lässt sich auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht von Hitlers Verboten einschüchtern, weswegen er sogar vorübergehend im KZ Flossenbürg inhaftiert wird. Das prägt Sohn Hans, seinen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, seine Empathie, sein politisches Engagement von Jugend an.

Deutschlands jüngster Betriebsratschef

Mit 14 Jahren verlässt er die Schule, macht eine Maurerlehre. 1946 ist er Gründungsmitglied der sozialistischen Arbeiterjugend "Die Falken", 1948 tritt er in die SPD ein. 1950 wird er Mitarbeiter in der Kreisverwaltung Burglengenfeld, in deren Auftrag er Straßenausbesserungen übernimmt. Mit 21 Jahren ist er ihr Betriebsratsvorsitzender, sogar der jüngste Betriebsratsvorsitzende Deutschlands, so die damalige Presse. In seiner charakteristischen Bescheidenheit bezweifelt Hans Schuierer diese Tatsache bis heute.

50 Jahre ohne Wahlniederlage

Mit 26 Jahren ist Hans Schuierer Vorsitzender des SPD-Ortsvereins. 1964 wird er zum Bürgermeister von Klardorf, 1966 zum zweiten Landrat-Stellvertreter und 1970 zum Landrat gewählt. 52 Jahre lang ist er ununterbrochen in der Politik. Der Oberpfälzer mit Volksschulabschluss und Maurerlehre hat niemals eine Wahl verloren, er ist der Mann aus dem Volk für das Volk, genießt das Vertrauen auch vieler Nicht-Sozialdemokraten. 1964 heiratet er Lilo Schmidt, ebenfalls aus Klardorf, mit der er zwei Kinder, Max und Karin hat.

1977 beginnt Kampf gegen die WAA

Mit dem Jahr 1977 beginnt ein außergewöhnliches Kapitel bayerischer Geschichte, die von Hans Schuierer nicht zu trennen ist. Es wird begonnen, einen geeigneten Standort für eine WAA - eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage - zu suchen. Bald schon sind die strukturschwache Oberpfalz und der Raum Schwandorf dafür im Gespräch.

Im Februar 1985 entscheidet sich die DWK (Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen) für den Standort Wackersdorf. Die erste Bürgerinitiative, um dies zu verhindern, ist da bereits vier Jahre alt. Entschiedener WAA-Gegner ist bald auch SPD-Landrat Hans Schuierer, nachdem er sich eingehend mit den Risiken befasst hat, die eine Wiederaufbereitungsanlage mit sich bringt.

Schuierer versus Strauß

Einer der größten Befürworter für eine WAA-Wackersdorf ist die bayerische Staatsregierung unter dem damaligen CSU-Politiker und Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Mit aller Macht und Härte versucht diese, das Projekt durchsetzen: Die für den Bau der WAA nötigen Rodungsarbeiten beginnen im Dezember 1985. Die Proteste mehren sich. Es kommt zu Ausschreitungen und zu "Prügel-Einsätzen" der Polizei gegen friedliche Bürger.

30.000 Demonstranten am Bauzaun

Wackersdorf wird zum Inbegriff des Protestes gegen Atomkraft, Hans Schuierer zum Symbol des friedlichen Widerstandes gegen die WAA. 30.000 Demonstranten finden sich im März 1986 am Bauzaun ein. Die Polizei reagiert mit Wasserwerfern und Tränengas. Hans Schuierer ist stets vor Ort und mittendrin.

Nach der Nuklearkatastrophe in Tschernobyl im April 1986 wächst der Widerstand noch einmal, grenzüberschreitende Solidarität kommt auch aus Österreich. Hans Schuierer bleibt beim "Nein" für die WAA, trotz eines gegen ihn im Mai 1986 eingeleiteten Disziplinarverfahrens. Die Sympathien für Schuierer schießen in die Höhe. Am 14. April 1989 wird das Disziplinarverfahren gegen den hartnäckigen SPD-Landrat eingestellt.

Schuierers größer Erfolg

Im Januar 1988 wird der Bebauungsplan für die WAA aufgehoben, im Mai 1989 der endgültige Baustopp verkündet. Das Aus für die WAA Wackersdorf ist der größte Erfolg im Verlauf der 52-jährigen politischen Arbeit von Hans Schuierer. Er erhält u.a. den Wilhelm-Dröscher-Preis, den Wilhelm-Högner-Preis und das "Bundesverdienstkreuz am Bande".

Ein politischer Mensch ist Hans Schuierer geblieben, auch wenn er sich längst aus der aktiven Politik zurückgezogen hat. Ratschläge zu geben vermeidet der 90-Jährige weitgehend: "Da muss jetzt die Jugend heran", sagt er zu der Frage, was es zu tun gäbe - und dieser Jugend vertraut er, allein schon auf Grund ihrer Aktionen zum Thema Klimaschutz.

Als leidenschaftlicher Demokrat möchte er aber doch zum Nachdenken anregen: "Wenn ich heute weltweit die Gefahren sehe, die den Demokratien drohen, (...) da kann ich nur der Jugend raten, politisch wachsam zu sein, aktiv mitzuwirken, um diesen rechten Kräfte (...) Einhalt zu gebieten."

Zuhause in Klardorf - bis heute

Seinem weiteren Motto - "Anderen zu helfen, sich für Gerechtigkeit einzusetzen und zu seinem Wort zu stehen" - ist er treu geblieben. Hans Schuierer lebt nach wie vor in seinem Heimatort Klardorf, führt ein offenes Haus und ein bescheidenes Leben. Sein Tipp, um bis ins hohe Alter rüstig zu bleiben: "Lange arbeiten, viel Bewegung an der frischen Luft, gesundes Essen und soziale Kontakte pflegen."

Für die Menschen im Landkreis Schwandorf ist Hans Schuierer bis heute eine Symbolfigur, sagt Biograf Duschinger: "Dem Einsatz von Hans Schuierer ist es zu verdanken, dass die Region um Wackersdorf heute so gut da steht. Mit einer WAA vor der Haustüre wäre die Region auf eine andere Weise das Armenhaus Deutschlands geblieben, als das sie bis in die 1970er-Jahre hinein galt."

Innenminister Herrmann gratuliert

Zum 90. Geburtstag hat Hans Schuierer auch eine Gratulation von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erreicht. "52 Jahre lang haben Sie sich auf Gemeinde-, Landkreis- und Bezirksebene tatkräftig und zielstrebig für ihre Heimat eingesetzt. Insbesondere als erster Landrat des durch die Landkreisreform neu gebildeten Landkreises Schwandorf haben Sie als überzeugungskräftige Integrationsfigur wesentlich zum Zusammenwachsen der Landkreisteile beigetragen", so der Minister. Zukunftsorientiert und zupackend habe Schuierer viel für den Landkreis erreicht, ihn aktiv gestaltet und nachdrücklich gefördert. Und: Schuierer habe Landkreisgeschichte geschrieben und sich aufgrund seines "beharrlichen und geradlinigen kommunalpolitischen Wirkens" sowie seines "Einsatzes für die Bevölkerung in der Region weithin hohe Anerkennung und Respekt" erworben. Herrmann: "Ihr Name wird stets eng mit dem des Landkreises Schwandorf verbunden sein."

Auch Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) gratulierte. Schuierer habe sich stets mit Leidenschaft und Kampfgeist zu seinem Überzeugungen bekannt.

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