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Moralische Instanz der SPD: Hans-Jochen Vogel ist tot | BR24

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Er war bis zuletzt das gute Gewissen der SPD: Hans-Jochen Vogel. Der ehemalige Münchener Oberbürgermeister, SPD-Vorsitzende und Bundesminister ist im Alter von 94 Jahren in München gestorben.

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Moralische Instanz der SPD: Hans-Jochen Vogel ist tot

Er war bis zuletzt das gute Gewissen der SPD: Hans-Jochen Vogel. Der ehemalige Münchener Oberbürgermeister, SPD-Vorsitzende und Bundesminister ist im Alter von 94 Jahren in München gestorben. Ein Nachruf.

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Hans-Jochen Vogel war ein Politiker, der für seine Partei triumphale Siege eingefahren hat, aber auch schlimme Niederlagen einstecken musste. Diese waren häufiger – und meistens sehr schmerzhaft. Das hat Vogel nicht daran gehindert, bis ins hohe Alter in den Ring zu steigen und für sein Thema, den Kampf gegen die soziale Ungleichheit, zu kämpfen.

Hans-Jochen Vogel wird 1926 in Göttingen geboren, wenn auch – wie er selbst immer nachdrücklich betonte – mit starken Münchener Wurzeln. In Gießen geht Hans-Jochen Vogel während der Zeit des Nationalsozialismus zur Schule, macht 1943 Abitur, wird danach von der Wehrmacht eingezogen. Als Soldat kämpft er im Zweiten Weltkrieg in Frankreich und Italien, gerät bei Kriegsende in amerikanische Gefangenschaft.

"Ich denke nicht, dass ich mich ohne meine Erfahrungen als Frontsoldat politisch so engagiert hätte."

Steile politische Karriere

Nach der Kriegsgefangenschaft studiert Vogel Jura, schließt das Staatsexamen als Jahrgangsbester ab. Für die SPD entscheidet sich der gerade einmal 23-Jährige nach dem Besuch einer Veranstaltung in Rosenheim mit Kurt Schumacher, dem Gegenspieler von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Bayerns SPD-Ministerpräsident Wilhelm Hoegner holt den Einser-Juristen in die Staatskanzlei, wo Vogel überflüssige Rechtsvorschriften ausmisten soll.

Schon 1960 gelingt ihm dann der große Sprung an die Spitze des Münchener Rathauses: Hans-Jochen Vogel wird zum jüngsten Oberbürgermeister einer europäischen Millionenmetropole gewählt. In seine Amtszeit fallen viele wichtige Entscheidungen: die Schaffung einer Fußgängerzone, die Pläne für das große Neubaugebiet Neuperlach, der Bau einer U-Bahn - und Vogel holt 1972 die Olympischen Spiele in seine Stadt.

Das Olympiajahr bringt für Vogel dann vor allem negative Erlebnisse: Privat die Scheidung nach 22 Jahren Ehe mit drei Kindern. Das Olympia-Attentat auf israelische Sportler in München. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr Oberbürgermeister ist, begleitet Vogel die Särge nach Israel, nimmt dort an der Trauerfeier teil. Nach einem zermürbenden Streit mit Jungsozialisten aus seinem eigenen Ortsverband tritt er außerdem nicht mehr zu einer weiteren Wahl zum Oberbürgermeisteramt an.

In die Bundespolitik und nach Berlin

Die Niederlage in München bringt einen Karrieresprung: Hans-Jochen Vogel wird SPD-Landesvorsitzender in Bayern, Bundesbau- und dann Bundesjustizminister. Es ist die Zeit des RAF-Terrors in der Bundesrepublik. Vogel trägt die Politik von Bundeskanzler Helmut Schmidt mit, den Erpressungsversuchen durch Entführungen nicht mehr nachzugeben, was unter anderem den Tod des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer zur Folge hat.

"Dass ich Mitverursacher bin, das ist nicht zu bestreiten. Aber bei der Abwägung ist die Schuld geringer als sie gewesen wäre, wenn die Freigelassenen neue Morde begangen hätten."

Noch als Bundesjustizminister erleidet Hans-Jochen Vogel eine herbe Wahlniederlage: als Kandidat für das bayerische Ministerpräsidentenamt scheitert er deutlich. Der Slogan lautet: "Bayern braucht Dr. Vogel." Doch die CSU holt mit 62 Prozent wieder einmal die absolute Mehrheit. Umso überraschender sein Abschied aus der Bundespolitik – 1980 geht er als Regierender Bürgermeister nach Berlin, wo die SPD stark in der Krise steckt.

Nach dem Bruch der sozial-liberalen Koalition und dem Ende von Helmut Schmidt als Bundeskanzler steigt Vogel 1983 gegen Helmut Kohl in den Ring. "Ich empfinde es als die größte Herausforderung meines Lebens." Doch der Herausforderer verliert die Wahl mit 38 Prozent der Stimmen und wird Oppositionsführer in Bonn.

Vogel und seine SPD

In der SPD galt Vogel als große Respektsperson, auch oder vor allem weil der gelernte Jurist so viel wusste. Akribie und Engagement, Pünktlichkeit und Sorgfalt, dies waren seine Tugenden. Parteifreund Hans-Jürgen Wischnewski prägte den Spitznamen "Oberlehrer", weil Vogel seine Dokumente immer in Klarsichthüllen verwahrte.

1987 übernimmt Hans-Jochen Vogel den SPD-Parteivorsitz, die Wiedervereinigung befürwortet er nach anfänglichem Zögern. Nach der Niederlage seiner Partei bei der Bundestagswahl 1990 tritt er ein Jahr später zurück:

"Es war eine empfindliche Niederlage. Mir tut es weh, dass die Union eine Ernte in ihre Scheuern eingefahren hat, für die Willy Brandt und Helmut Schmidt den Acker bestellt und das Korn gesät haben."

1994 scheidet Hans-Jochen Vogel dann aus dem Deutschen Bundestag aus, aber deswegen noch lange nicht aus der Politik. Er bleibt gefragt: als Parteifreund, als Kommentator politischer Ereignisse. Im Jahr 2015 schließlich gibt der fast 90-Jährige bekannt, dass er an Parkinson leidet. Ein Buch aus dem Jahr 2005 ist Hans-Jochen Vogels Vermächtnis: Es trägt den Titel: "Politik und Anstand."

"Ich wüsste nichts von den größeren und wichtigen Entscheidungen, wo ich etwas anders gemacht hätte."

In der SPD galt Vogel zeitlebens als gutes Gewissen mit soliden moralischen Grundsätzen. Neben dem Themenfeld "soziale Gerechtigkeit" trieb Vogel bis ins hohe Alter auch noch ein anderes Problem um: der drohende Zerfall Europas. Schon als sich der Austritt Großbritanniens aus der EU erstmals abzeichnete, sagte Vogel, dass 70 Jahre Frieden in Europa nur durch die Überwindung des Nationalismus möglich geworden seien.

Vogel im Alter von 94 Jahren gestorben

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Hans-Jochen Vogel zurückgezogen in einem Seniorenheim. Seine Parkinson-Erkrankung machte ihm über die Jahre nicht nur das Lesen und Schreiben schwer.

Am Sonntagmorgen ist Hans-Jochen Vogel im Alter von 94 Jahren in München gestorben.

ARD-alpha zeigt heute, Montag um 22.15 Uhr ein Gespräch mit Hans-Jochen Vogel aus dem Jahr 2019 zum Thema Demokratie. Moderation: Andreas Bönte

Eins zu Eins. Der Talk auf Bayern 2 wiederholt heute, Montag um 16.05 Uhr und 22.05 Uhr anlässlich des Todes von Hans Jochen Vogel den Talk mit ihm und Achim Bogdahn vom 25. September 2019.

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Er war bis zuletzt das gute Gewissen der SPD: Hans-Jochen Vogel. Der ehemalige Münchener Oberbürgermeister, SPD-Vorsitzende und Bundesminister ist im Alter von 94 Jahren in München gestorben. Ein Nachruf.