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Wie die Digitalisierung das Handwerk verändert | BR24

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Der Begriff "Industrie 4.0" ist in aller Munde – die industrielle Produktion soll umfassend digitalisiert und vernetzt werden. Digitalisierung spielt auch bei Handwerksbetrieben eine wichtige Rolle. Auch dort wird kräftig in die Zukunft investiert.

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Wie die Digitalisierung das Handwerk verändert

Die Industrie hat es vorgemacht, nun zieht das Handwerk mit der Digitalisierung nach. Ob Drohnen bei Dachdeckern oder 3D-Drucker in der Konditorei: Unter dem Schlagwort Handwerk 4.0 investieren Betriebe in Technik - und ihre Zukunft.

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Es klingt zwar ein wenig futuristisch und doch ist es schon in Teilen Realität: der Dachdecker, der mit einer Drohne das Dach abfliegt, um sich ein Bild vom Schaden zu machen. Der Konditor, der zur Herstellung seiner Schokolade einen 3D-Drucker benutzt. Oder der Sattler, der mit einem 3D-Scanner den Rücken von Pferden vermisst, um den Sattel individuell anpassen zu können.

Die Digitalisierung hat das Handwerk erreicht

Das Handwerk wird digital, erklärt auch Georg Räß. Er gehört zu den "Beauftragten für Innovation und Technologie" (BIT) bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Damit ist er Teil eines bundesweiten Netzwerks von rund 100 Experten, die Betrieben bei der Initiierung, Umsetzung und Finanzierung von Projekten unter die Arme greifen.

"Handwerk 4.0 ist die Kombination aus klassischen handwerklichen Tätigkeiten und neuen digitalen Technologien" Georg Räß, BIT

Die Kunden mögen es individuell und schnell

Digitalisierung fängt bereits bei der Kundenansprache an, so Räß. Moderne Schreinereien arbeiten zum Beispiel mit einem Online-Konfigurator. Der Kunde kann sich auf der Homepage des Schreiners seinen Schrank selbst gestalten und somit exakt bestimmen, wie das Produkt am Ende aussehen soll. Er erfährt sofort, was der Auftrag kostet und bis wann das Produkt geliefert werden kann.

Eine Produktionszeit von sechs Wochen, die Kunden früher hingenommen haben, sei heute kaum noch vermittelbar, sagt Räß. Dies führt wiederum dazu, dass Handwerker schnell und effektiv produzieren müssen.

Digitalisierung in Metall- und Gesundheitsbranche schon sehr weit

Der Digitalisierungsgrad ist unterschiedlich - je nach Branche und Größe der Betriebe. Die Metallbranche etwa, die stark an die Automobilindustrie angebunden ist, habe gar keine andere Wahl, als ihre Prozesse zu digitalisieren, erklärt Experte Räß. Auch in der Gesundheitsbranche sei der Digitalisierungsgrad schon sehr hoch. Zahntechniker verwenden schon seit Längerem 3D-Drucker, um Zähne oder Brücken herzustellen.

Die bayerischen Handwerksbetriebe seien in Sachen Digitalisierung gut aufgestellt, sagte Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger vor kurzem am Tag des Handwerks.

Künstliche Intelligenz für Service und Wartung

Auch Künstliche Intelligenz (KI) kann für Handwerksunternehmen von großem Nutzen sein – vor allem bei Service- und Wartungsaufträgen: Hier sind zum Beispiel Anwendungen zu nennen, die Bilder von Dächern, Fassaden oder verunfallten Autos scannen und so Hinweise liefern, was getan werden muss.

In Betrieben mit einer vergleichsweise klassischen Produktion oder Dienstleistung wie etwa Metzgereien oder Friseursalons findet die Digitalisierung häufig durch den Einsatz von sozialen Medien statt. Um mit seinen Kunden in Kontakt zu bleiben, kann ein Friseur heute beispielsweise seine neuesten Stylings auf Instagram posten oder ein Styling-Tutorial auf Youtube stellen.

Digitalisierung nur dort, wo es sinnvoll ist

"Man muss nicht alles auf Teufel komm raus digitalisieren", sagt Räß. Jeder Handwerksbetrieb müsse sich seine Prozesse genau anschauen und dann entscheiden, wo es sinnvoll ist, auf Digitalisierung zu setzen. Das kann die Produktion betreffen, aber auch die Arbeitszeiterfassung des Personals, die Urlaubsantragsstellung, Terminbuchung oder den Materialeinkauf. Erledigt das eine Software, kann der Betrieb viel Zeit und Geld sparen, denn die Mitarbeiter können sich wieder verstärkt auf ihre eigentliche handwerkliche Tätigkeit konzentrieren.

Für unverzichtbar für den Wandel hält Räß deshalb den Breitbandausbau. Schließlich funktionieren die meisten Anwendungen nur bei einer schnellen Datenverbindung. Eine schlechte Verbindung kann für Betriebe dagegen schnell existenzbedrohend werden.

Große Herausforderungen: Handwerkskammern helfen

Neben den vielfältigen Chancen gehen mit der Digitalisierung auch große Herausforderungen für die Unternehmen einher: Im Schnitt hat ein Handwerksbetrieb laut Handwerkskammer gerade einmal fünf Mitarbeiter. Oft sind es die Inhaber selbst, die sich um die Digitalisierung kümmern müssen - eine zusätzliche Belastung.

Unterstützung bekommen die Betriebe von ihren Innungen und den Handwerkskammern, zum Beispiel durch Informationsveranstaltungen. Das 2015 gegründete "Kompetenzzentrum Digitales Handwerk" des Zentralverbands des Deutschen Handwerks steht den Betrieben durch Beratung zur Seite und zeigt auf seiner Homepage anhand von positiven Praxisbeispielen, wie Digitalisierung funktionieren kann.

Geld vom Freistaat und vom Bund

Mit dem "Digitalbonus" unterstützt seit Oktober 2016 auch der Freistaat Bayern kleine und mittelgroße Unternehmen, indem er Digitalisierungsmaßnahmen finanziell bezuschusst. Mehr als 7.000 Zuwendungsbescheide wurden bereits erteilt - über ein Viertel der unterstützten Betrieben kommt aus dem Handwerk. Wenn man die Baubranche dazu rechnet, sind es knapp 40 Prozent. Im Schnitt erhält ein Betrieb etwa 9.000 Euro.

Laut bayerischem Wirtschaftsministerium sind bislang insgesamt mehr als 30 Millionen Euro ausgezahlt worden. Und auch das Bundeswirtschaftsministerium greift Betrieben mit seinem Förderprogramm "go-digital" finanziell unter die Arme.

💡 Das Handwerk in Bayern

In Bayern existieren mehr als 200.000 Handwerksbetriebe, in denen zusammen fast eine Million Menschen arbeiten. Mit knapp 75.000 Unternehmen macht das Ausbaugewerbe (Installationsbetriebe, Malerbetriebe usw.) davon den größten Teil aus - gefolgt vom Handwerk für den privaten Bedarf (Gesundheits- und Körperpflege, Friseure usw.) mit mehr als 50.000 Betrieben. An dritter und vierter Stelle folgen das Handwerk für den gewerblichen Bedarf (Metallbauer, Feinmechaniker usw.) und das Bauhauptgewerbe mit etwa 30.000 bzw. 20.000 Betrieben.

Knapp 80.000 der bayerischen Handwerksbetriebe haben ihren Sitz in Oberbayern. Sie beschäftigen insgesamt mehr als 300.000 Menschen.